ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2007Gesundheitsreform: Anspruch und Wirklichkeit

POLITIK

Gesundheitsreform: Anspruch und Wirklichkeit

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): A-3372 / B-2966 / C-2862

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mit dem deutschen Gesundheitssystem geht es nach Ansicht der Mehrheit der Bevölkerung bergab. Die Politik sieht das anders.

Seit zwei Jahren ist die schwarz-rote Bundesregierung im Amt. Wie Kanzlerin Angela Merkel zieht auch die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin eine positive Zwischenbilanz. Die zum 1. April 2007 in Kraft getretene Gesundheitsreform – erklärtermaßen eines der wichtigsten Vorhaben der Großen Koalition – zeige bereits positive Wirkung, lässt sich Ulla Schmidt (SPD) auf der Internetseite ihres Ministeriums zitieren. Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz sei das Gesundheitssystem so weiter entwickelt worden, „dass auch in Zukunft allen Menschen in Deutschland eine qualitativ hochwertige Versorgung im Krankheitsfall zur Verfügung steht“.
Dies sehen die Bundesbürger freilich anders. 56 Prozent meinen, dass die Gesundheitsversorgung in den vergangenen zwei, drei Jahren schlechter geworden sei. Lediglich 57 Prozent – und damit sieben Prozentpunkte weniger als noch vor zwei Jahren – sind überzeugt, im Krankheitsfall ausreichend abgesichert zu sein. Insbesondere die gesetzlich Versicherten beurteilen den eigenen Versicherungsschutz skeptisch. Das sind Ergebnisse des MLP Gesundheitsreports 2007, einer repräsentativen Studie des Finanzdienstleisters MLP in Kooperation mit dem Institut für Demoskopie Allensbach. In persönlichen Interviews wurden im Herbst dieses Jahres 1 879 Bundesbürger zum Gesundheitswesen befragt.
Trend zur Zweiklassenmedizin befürchtet
Die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems insgesamt bewerten die meisten Befragten weiterhin positiv. 64 Prozent bezeichnen sie als „gut“ oder „sehr gut“. Aber: 1994 hatten sich noch 82 Prozent entsprechend zufrieden geäußert. Unter denjenigen, die ihren eigenen Gesundheitszustand als „ziemlich schlecht“ oder „sehr schlecht“ beschreiben, kommen gar nur 39 Prozent zu einer positiven Beurteilung. Auch beim Blick in die Zukunft überwiegt die Skepsis:
84 Prozent der Befragten rechnen mit weiter steigenden Beiträgen in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, 81 Prozent mit erhöhten Zuzahlungen für Medikamente. Gut drei Viertel erwarten zudem, dass sich der Trend hin zu einer „Zweiklassenmedizin“ verstärkt. Und 76 Prozent der Deutschen befürchten, dass es der Politik nicht gelingt, längerfristig eine gute Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen.
Die Neuerungen der Gesundheitsreform sind ein halbes Jahr nach Inkrafttreten erst für wenige Bürger spürbar. Lediglich fünf Prozent wissen „ziemlich genau“, wie die Neuregelungen aussehen, 40 Prozent „ungefähr“. Konkrete Änderungen haben bislang 28 Prozent der Deutschen festgestellt, hauptsächlich bei der Medikamentenversorgung. Hier gibt jeder Vierte an, dass häufiger Ersatzpräparate verordnet werden. Unter den Privatversicherten hat nur die Hälfte der Befragten bislang davon gehört, Anfang 2009 unter Mitnahme der Alterungsrückstellungen in Höhe des Basistarifs den Anbieter wechseln zu können; für 16 Prozent kommt ein solcher Wechsel derzeit infrage. Im geplanten Gesundheitsfonds sieht nur jeder Zehnte Vorteile.
Obwohl 91 Prozent der Befragten bei ihrem letzten Kranken­haus­auf­enthalt mit der medizinischen Versorgung „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“ waren, sagen 53 Prozent, dass die Ärzte in den Krankenhäusern zu wenig Zeit für den einzelnen Patienten hätten. Zum Vergleich: 1995 kam nur rund ein Drittel der Patienten zu diesem Urteil. Mehr als 40 Prozent halten zudem das Pflegepersonal für überlastet und überfordert.
Jens Flintrop
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema