ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2007Doping: Fiasko in Freiburg

POLITIK

Doping: Fiasko in Freiburg

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): A-3374 / B-2968 / C-2864

Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Universitätsklinik überrascht die Öffentlichkeit im Umgang mit ihren des Dopings beschuldigten Sportärzten.

Für den Antidoping-Experten Prof. Dr. rer. nat. Werner Franke (Heidelberg) ist es „eine Groteske am Rande“. Für die Universitätsklinik Freiburg dürfte ein erheblicher Imageschaden entstanden sein. Am 26. November konnte ihr Ärztlicher Direktor, Prof. Dr. med. Matthias Brandis, in der Süddeutschen Zeitung online lesen, was eigentlich vertraulich zwischen der Universität und dem des Dopings beschuldigten Sportmediziner Dr. Georg Huber vereinbart worden war: dass das Arbeitsverhältnis mit Huber „unverändert und zu (. . .) unveränderten Bedingungen fortgeführt“ werde, obwohl der Sportarzt zugegeben hatte, 1987 den Radfahrern Jörg Müller und Christian Henn das Testosteron-Präparat Andriol gegeben zu haben.
Die Universität hatte mitgeteilt, Huber sei mit sofortiger Wirkung suspendiert worden. Daraufhin hatte Franke (Mitglied einer zur Untersuchung der Vorwürfe eingerichteten Kommission) in einer Sendung des ZDF vom „Rausschmiss“ Hubers gesprochen. Dagegen klagte Huber.
Wer wann was wusste
Am 26. November, einen Tag vor der Verhandlung, legten Hubers Anwälte den Vertrag ihres Mandanten mit der Universität als Beweis für ein Fortbestehen der Beschäftigung vor. Er gelangte an die Öffentlichkeit. Franke wird nun nicht mehr von Rausschmiss reden.
Die Polizei ermittelt gegen drei Ärzte des Freiburger Instituts für Sportmedizin wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Außer Huber sind das Prof. Dr. med. Andreas Schmid und Dr. Lothar Heinrich. Sie haben – nach wochenlangem Leugnen – im Mai dieses Jahres zugegeben, Radsportler des Teams Telekom gedopt zu haben. Der ehemalige belgische Radsport-Masseur Jef D’Hont hatte im April die Lawine der Enthüllungen zu Dopingpraktiken der Freiburger Ärzte durch ein Gespräch mit dem „Spiegel“ (Nr. 18 vom 30. 4. 2007) ins Rollen gebracht. Schmid und Heinrich wurde fristlos gekündigt, wogegen sie derzeit klagen.
Auch Huber hatte zunächst eine außerordentliche Kündigung erhalten und klagte ebenfalls. Auf Anraten von Juristen nahm die Universität die Kündigung jedoch zurück. Sie wurde ersetzt durch die Vereinbarung, dass Huber als Hochschulmitglied weder Sportler noch Patienten behandele. An Gehalt und Diensträumen änderte sich nichts. „Für die Außenwirkung wäre es vermutlich günstiger gewesen, das Arbeitsgericht entscheiden zu lassen“, sagt der Pressesprecher der Uniklinik, Rudolf-Werner Dreier. „Aber Dr. Huber geht im Februar 2008 in den Ruhestand. Darauf und auf seinen im Mai dieses Jahres äußerst labilen seelischen Zustand hat die Universität Rücksicht genommen.“
Zu viel Rücksicht. Denn in einer Präambel zur Vereinbarung zwischen Huber, der Universität und dem Land Baden-Württemberg als obersten Dienstherr heißt es: „Herrn Dr. Huber war bekannt, dass Andriol auf dem Index stand, er verabreichte dies jedoch nicht zu Dopingzwecken, sondern um die nach damaliger sportmedizinischer Ansicht vorhandene medizinische Dysbalance auszugleichen. Mittlerweile ist durch klinische Studien im Übrigen bestätigt, dass Testosteron keine leistungssteigernde Wirkung zukommt.“
„Das ist mir neu“, sagt Sebastian Thormann (Leiter der Arbeitsgemeinschaft Medizin und Analytik bei der Nationalen Anti Doping Agentur in Bonn) dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Bis zum Mai dieses Jahres hatte auch Huber der Arbeitsgruppe angehört. Dass Testosteron nicht leistungssteigernd wirke, hatte der frühere Leiter der Freiburger Sportmedizin, Prof. Dr. med. Joseph Keul, Ende der 80er-Jahre nach einer Untersuchung mit Skilangläufern behauptet. Seither aber sind zahlreiche Studien publiziert worden, die diese Meinung widerlegen. Testosteron wird von Sportlern eingesetzt, weil es Muskelmasse aufbaut, den Abbau von Muskelzellen bremst und die Regenerationszeit verkürzt. Seit Jahrzehnten stehen anabole Steroide auf der Liste der im Profisport verbotenen Substanzen.
Vereinbarung war dem
Ministerium unbekannt
Auch Brandis räumt nun ein: „Die Aussage, Testosteron sei nicht leistungssteigernd, ist nachweislich falsch.“ Das Wissenschaftsministerium in Stuttgart teilte auf Anfrage mit, man habe die Dienstvereinbarung nicht gekannt, anderenfalls wäre sie nicht gebilligt worden. Bis Redaktionsschluss hatte die Behörde noch nicht entschieden, ob sie Konsequenzen aus diesen Vorfällen ziehen werde.
Offenbar mit Bezug auf diese Vereinbarung hatten Hubers Anwälte vom DÄ eine Richtigstellung eines Editorials vom 1. Juni (DÄ, Heft 22/ 2007) verlangt. Huber habe nicht Doping gestanden, sondern angegeben, zwei Fahrern in einem eng umgrenzten Zeitraum Andriol aus medizinischen Gründen verabreicht zu haben. Das DÄ sieht jedoch keinen Anlass, sich zu korrigieren. Noch am 31. Oktober hat das Bundeskriminalamt auch Hubers Arbeitsplatz am Universitätsklinikum durchsucht, wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier dem DÄ mitteilte. Es werde auch bei Huber geprüft, ob er noch nicht verjährte Straftaten begangen habe.
Eine „rigorose Aufklärung“ hatte die im Rahmen der Exzellenzinitiative ausgezeichnete Universität Freiburg nach den Dopinggeständnissen ihrer Mitarbeiter versprochen. Die Freiburger Sportmedizin werde „in ihren gesamten Aktivitäten während der vergangenen 20 Jahre auf den Prüfstand gestellt“.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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