ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2007Adipositas in den USA: Kampf gegen eine Epidemie

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Adipositas in den USA: Kampf gegen eine Epidemie

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): A-3389 / B-2979 / C-2875

Gerste, Ronald D.

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Foto: SUPERBILD
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In Washington ist jedes vierte Kind zwischen zehn und 17 Jahren zu dick. Die US-amerikanische Hauptstadt liegt damit landesweit an der Spitze.

In der amerikanischen Hauptstadt Washington forderte eine Radiostation jüngst ihre Hörer auf, Vorschläge für einen Werbeslogan einzusenden, mit dem sich der „District of Columbia“ künftig schmücken kann, zum Wohle des Tourismus. Unter den zur Selbstironie neigenden Einwohnern der Metropole war „Land of No Parking“ ein schneller Favorit, gefolgt von bösartigeren Selbstcharakterisierungen wie „Eat here and get shot“.
Zutreffend wäre nach einer jetzt veröffentlichten Statistik das Motto „Capital of Childhood Obesity“, Hauptstadt der fettleibigen Kinder. Die Zahlen katapultieren Washington an die Spitze der längst als nationale Epidemie bezeichneten Adipositas americana. In diesem Jahr hat der Trust for America’s Health (TFAH) seinen Report mit dem Titel „F as in Fat 2007“ veröffentlicht. Demnach leben landesweit die meisten fettleibigen Kinder in Washington DC. Jeder Vierte der Zehn- bis 17-Jährigen dort gilt als adipös. Auf den nachfolgenden Plätzen liegen West Virginia, Kentucky und Tennessee. Die geringste Rate massiv übergewichtiger Kinder haben Utah (8,5 Prozent) und Wyoming (8,7 Prozent).
Die Tendenz, dass wirtschaftlich schwächere Bundesstaaten mit einem hohen Anteil vor allem afroamerikanischer Einwohner in besonderem Maß mit Adipositas zu kämpfen haben, zeigt sich auch bei den Erwachsenen. Hier liegt Mississippi an der Spitze: 30,6 Prozent der erwachsenen Einwohner haben einen Body-Mass-Index von 30 und mehr. Auf den nächsten Plätzen folgen West Virginia (29,8 Prozent), Alabama und Louisiana (je 29,4 Prozent). Den geringsten Anteil Adipöser an der Gesamtbevölkerung weisen Colorado (17,6 Prozent) und Massachusetts (19,8 Prozent) auf. Wie kaum anders zu erwarten, leben in Staaten mit einem hohen Anteil massiv übergewichtiger Menschen auch die meisten Diabetiker: In West Virginia leiden 11,1 Prozent der Menschen unter der Stoffwechselkrankheit, in Mississippi 10,1 Prozent.
Der Report ist der vierte, den der TFAH veröffentlicht hat. Seine Publikation ist stets ein medienträchtiges Ereignis. „Es hat einen Durchbruch gegeben bei dem Bemühen, die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen“, erklärte der Direktor des TFAH, Dr. Jeffrey Levi. „Was wir jetzt brauchen, ist ein Durchbruch in der Politik und ein Ergebnis. Schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung berauben Amerika seiner Gesundheit und seiner Produktivität.“
Die Förderung einer gesunden Ernährung muss in den Kindergärten und Schulen ansetzen. Inzwischen haben 22 Bundesstaaten Richtlinien für die in den Schulen ausgegebenen Lebensmittel erlassen, um sicherzustellen, dass Vollwertkost gegenüber Junkfood die Oberhand gewinnt. In eine ähnliche Richtung zielen Gesetzesinitiativen, die den Inhalt von Snack- und Getränkeautomaten an Schulen regeln. So haben vielerorts die Cola-, Sprite- und Seven-Up-Dosen Wasserflaschen und Sojamilch Platz gemacht. Ein Sieg über die Fettleibigkeit der jungen Amerikaner wird allerdings erst dann zu erzielen sein, wenn Schule und Eltern ihnen vermitteln, wie sehr die Ess- und Trinkgewohnheiten auch in der Freizeit die eigene Körperlichkeit bestimmen – keine leichte pädagogische Aufgabe in einem Land, in dem selbst ein Eisbecher der Größe „regular“ furchteinflößend erscheint.
Bei Mädchen ist das Gewichtsbewusstsein ausgeprägter als bei Jungen. Nur zehn Prozent der US-Amerikanerinnen zwischen zehn und 17 Jahren gelten als adipös, während dies auf 16 Prozent der Jungen zutrifft. Bei den Teenagern ist die Gruppe mit den größten Gewichtsproblemen die der männlichen Kinder und Jugendlichen hispanischer Abstammung – von diesen sind 21,3 Prozent adipös (hispanische Mädchen: 12,1 Prozent). Doch die Epidemie beginnt nicht erst im Schulalter: Bereits knapp 15 Prozent der Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren, deren Familien den unteren Einkommensschichten zugerechnet werden, sind viel zu dick.
Mangelnde körperliche Bewegung verschärft das Problem – bei Alt und Jung. In Mississippi gaben 31,6 Prozent der Erwachsenen an, sich keiner physischen Anstrengung auszusetzen. Auch die Staaten auf den Plätzen zwei bis acht der Inaktivitäts-Hitparade befinden sich ausnahmslos im Süden der USA. Für Kinder werden inzwischen vielerorts „Physical Activity“-Programme durchgeführt. Gesundheitserziehung steht in 48 Bundesstaaten auf dem Lehrplan der Schulen. Als Folge einer erfolgreichen Aufklärungsstrategie über Fettleibigkeit lautet vielleicht bald das neue Motto für Washington DC: „Where Workout is a civic duty“ – wo Sport Bürgerpflicht ist.
Ronald D. Gerste
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