ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2007Arztgeschichte: Solange ich lebe

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Solange ich lebe

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): [116]

Pitzen, Heiner

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Die Frau hatte ein Riesenglück gehabt. Der Abriss des Wirbelbogens hatte höchstwahrscheinlich eine Querschnittslähmung verhindert.“

Es war der 15. Juli 1964, ein heißer Sommertag, der Tag vor dem 80. Geburtstag meiner Mutter. Dieser war auch der Anlass der Reise von München bis kurz vor die belgische Grenze. Bis Nürnberg war es schon nicht mehr weit, als vor mir ein Kabinenroller auftauchte. Durch das gläserne Kabinendach konnte ich einen jungen Mann am Steuer sehen, hinter ihm auf dem Rücksitz eine etwa 40 bis 45 Jahre alte Frau mit einem Henkelkorb auf den Knien. Gerade wollte ich zum Überholen ansetzen, als der Kabinenroller ins Schlingern kam. Das Hinterteil machte mehrere Pendelbewegungen, stellte sich dann quer zur Fahrtrichtung und überschlug sich unmittelbar danach in der Längsachse. Der Hinterreifen des Rollers war geplatzt. Nach dem ersten Überschlag verlor der Roller das Kabinendach, kam für einen kurzen Moment wieder auf die Räder, überschlug sich dann aber in gleicher Weise ein zweites Mal. Beim ersten Überschlag von 360 Grad wurde die auf dem Rücksitz mitfahrende Frau bis zu den Hüften auf den hinteren Kabinenrand gehoben und schien bei der Umdrehung mit dem Kopf auf die Fahrbahn aufzuschlagen. Bei der zweiten Drehung hing sie bis zu den Knien über den Kabinenrand hinaus und schien wieder mit dem Kopf auf die Fahrbahn zu „knallen“.
In der Endphase der zweiten Umdrehung war die Frau aus dem Kabinenroller herausgeschleudert worden und verblieb leicht schwankend in sitzender Stellung auf der Fahrbahn. Zum Glück war die Autobahn hinter mir frei, sodass ich zu ihr hinlaufen konnte. Ich zog die Frau mit dem Rautek-Griff auf den an dieser Stelle breiteren Mittelstreifen, hielt sie aber in sitzender Stellung fest. „Tut Ihnen etwas weh?“, fragte ich. „Nein, nein, mir tut nichts weh“, gab sie zurück. „Was ist denn los?“ Kaum hatte sie das ausgesprochen, fing sie aber auch schon an zu jammern: „Meine Schulter, meine rechte Schulter!“ Ich tastete die rechte Schulter ab, prüfte die Beweglichkeit des Schultergelenks, fand aber so weit alles in Ordnung. Der Schmerz musste also von der Halswirbelsäule ausgelöst worden sein. Ich schob meine Hände von hinten unter beide Seiten des Unterkiefers und extendierte vorsichtig die Halswirbelsäule. Sofort ließen die Schmerzen nach. Aber sobald ich mit der manuellen Extension etwas nachließ, klagte sie sofort wieder über starke Schmerzen in der rechten Schulter. Mittlerweile hatte ein anderer Autofahrer hinter mir mit seinem Fahrzeug die Fahrbahn abgesichert. Ich bat ihn, Hilfe zu holen.
So stand ich nun hinter der sitzenden Frau in vorgeneigter Körperhaltung mit angespannten Armen, die Frau in Dauerextension haltend und wartete auf das Sanitätsauto. Ein Versuch, die Verunglückte hinzulegen, scheiterte jedesmal an den sofort einsetzenden Schmerzen. Endlich kam der Sanitätswagen. Ich bat die Sanitäter, mir aus den vorhandenen Wolldecken vier gut armdicke Rollen zu machen. Nachdem es unter Beibehaltung der Extension gelungen war, die Verletzte ins Auto zu tragen und auf einen Rücksitz zu platzieren, bat ich einen der Sanitäter, je eine Rolle dicht beiderseits der Halswirbelsäule unter den Unterkiefer zu schieben, die dritte Rolle quer darüber liegend in den Nacken und die vierte entsprechend vorne unter das Kinn. Auf diese Weise war die Extension gesichert. Mit der Bitte, darauf zu achten, an dem Provisorium nichts zu verändern, entließ ich Patientin und Sanitäter auf den Weg in die Klinik und setzte meine Reise fort.
Circa vier Wochen später schrieb ich an die orthopädische Klinik in Nürnberg-Altdorf und erkundigte mich nach Namen und Diagnose der Patientin, die am 15. Juli mit einer schweren Verletzung der Halswirbelsäule dort eingeliefert wurde. Die Frau war dort unfallchirurgisch versorgt worden. Nach dem Bericht der Klinik handelte es sich um die 42-jährige Frau M., Mutter von vier Kindern. Als Verletzungsfolgen wurden angegeben: „Luxationsfraktur des siebten HWK mit Abriss des hinteren Wirbelbogens. Drei Tage nach der Operation bestanden Parästhesien in der rechten Hand, die dann aber abklangen“. Demnach hatte die Frau ein Riesenglück gehabt. Der Abriss des Wirbelbogens hatte höchstwahrscheinlich eine Querschnittslähmung verhindert.
Ein halbes Jahr später standen ein Mann und eine Frau vor meiner Haustür. Die Frau hatte in der Klinik meinen Namen und die Adresse ausfindig gemacht. Als Dank überreichte die Frau mir ein Paket mit selbst gemachtem Schwarzgeräucherten und einen Bocksbeutel. „Und jedes Jahr vor Weihnachten werde ich mich wieder bei Ihnen bedanken. Solange ich lebe, werde ich kommen, das verspreche ich Ihnen!“, versicherte sie mir. 25 Jahre lang ohne Unterbrechung hat sie Wort gehalten. Dann sah und hörte ich nichts mehr von ihr.
Heiner Pitzen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige