ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Suchtkrankheiten: Mehrstufige Angebote entwickeln
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LNSLNS Es ist Frau Dr. Leesemann herzlich dafür zu danken, daß sie das Thema der Abhängigkeit bei Ärztinnen und Ärzten so offen angesprochen hat. Zu ihrem Artikel möchte ich zwei Anmerkungen machen:
« Frau Leesemann beschreibt eine Vielzahl von beruflich bedingten Auslösern oder aufrechterhaltenden Bedingungen für die Suchtmitteleinnahme. Sie beschreibt auch die unrealistisch hohen Erwartungen, die von der Bevölkerung an den ärztlichen Berufsstand gestellt werden.
Ergänzen möchte ich diese Aufstellung durch die Tatsache, daß Ärzte Menschen sind "wie jeder andere auch", mit Fähigkeiten und Stärken, aber auch mit Schwächen und Defiziten. Diese "banale" Feststellung ist meiner Ansicht nach besonders wichtig, weil auch Ärztinnen und Ärzte unter persönlichen und partnerschaftlichen Problemen leiden, die sie aufgrund ihrer beruflichen Überforderung meist nicht konstruktiv bewältigen können. Meine Erfahrung in der Behandlung suchtmittelabhängiger Ärztinnen und Ärzte zeigt, daß die Selbstwertproblematik und die Sucht nach Anerkennung durch andere häufig Auslöser beziehungsweise aufrechterhaltende Bedingung der Suchtmittelabhängigkeit gewesen sind und bei der Therapie besondere Aufmerksamkeit erhalten müssen.
In dem Artikel wird eine wichtige Erfahrung beschrieben, die ich aus der Arbeit in der betrieblichen Suchtkrankenhilfe gewonnen habe, nämlich: Ein Kollege wird zehn bis zwanzig Jahre lang gedeckt und dann, für diesen plötzlich, "unerwartet" fallengelassen. Aus diesem Grunde ist ein mehrstufiges hilfeorientiertes Vorgehen entwickelt worden, um dem betroffenen Arbeitnehmer zu helfen, aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit herauszukommen.
Nach meiner Ansicht müßten entsprechende mehrstufige Hilfsangebote auch für suchtmittelabhängige Ärztinnen und Ärzte entwickelt werden, damit sie früher zu ihrer Krankheit stehen können.
Wenn das Eingestehen der eigenen Abhängigkeit verbunden ist mit dem Verlust von Arbeitsplatz, Approbation, Kassenzulassung etc., dann wird es schwer sein, der Bagatellisierung und Verleugnungstendenz der Abhängigen entgegenzuwirken. Auch der ärztliche Berufsstand hat ein Anrecht auf ein mehrstufiges Hilfsprogramm, um einen konstruktiven Weg aus der Abhängigkeit finden zu können.
Dr. med. Thomas Redecker, Klinik am Hellweg, Fachkrankenhaus für suchtkranke Männer, Robert-KronfeldStraße 12, 33813 Oerlinghausen
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