ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1997Orthopädische Schmerztherapie

MEDIZIN: Diskussion

Orthopädische Schmerztherapie

Wörz, R.

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jürgen Krämer in Heft 30/1996
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Keine Gleichsetzung möglich
Die Ausführungen von J. Krämer, beginnend mit "Degenerative Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsorgane sind eine Volkskrankheit. Die dabei auftretenden Schmerzzustände betreffen 60 Prozent aller Schmerzpatienten . . ." bedürfen kritischer Ergänzungen: Degenerative Zeichen an Wirbelsäule und Gelenken sind bei Schmerzpatienten durch eine hinlänglich bekannte Zahl orthopädischer und radiologischer Untersuchungen keinesfalls gleichzusetzen mit deren Schmerzursachen.
Die zunehmenden "Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden" in Statistiken von Krankenkassen und als Anlaß für Verrentung sind keinesfalls nur auf mechanische Ursachen und keinesfalls nur auf das Bewegungssystem zurückzuführen, sie sind vielmehr ein multidisziplinäres Problem (3).
Die Behauptungen, daß
a) "Schmerzen im Bereich der Stütz- und Bewegungsorgane ihren Ursprung in mechanisch gereizten Anteilen der Gelenkkapseln, Bänder und Muskelansätze haben" und daß hier
b) "akute und chronische Reizungen pressosensibler Nozizeptoren im Rahmen verschleißbedingter, mechanischer oder funktioneller Primärstörungen" vorliegen, können nur ein Teil der Wahrheit sein. Schon epidemiologische Daten sprechen gegen die organisch-mechanistische Konzeption: Rückenschmerzen wurden in den letzten Jahrzehnten häufiger, als im Berufsleben immer weniger körperlich harte Arbeit verlangt wurde, als das mechanische Industriezeitalter in die Ära der Informationsgesellschaft überging. Sind die Gründe für die viel höhere Prävalenz nicht eher im Zentralnervensystem oder im Zeitgeist (vergleiche 2) zu suchen?
Auch sind Schmerzen im Bereich des Stütz- und Bewegungsapparates keinesfalls immer auf eine Stimulation oder Sensibilisierung der Nozizeptoren in der Peripherie zurückzuführen. Vielmehr bleiben speziell chronische Rückenschmerzen oft hinsichtlich Ätiologie, Pathogenese und sogar der beteiligten Strukturen bei sorgfältigster Untersuchung unklar (1). Dann ist besondere Zurückhaltung im Einsatz invasiver Somatotherapien geboten, Lokalanästhetika sind dann nur für die Ausschlußdiagnostik von Wert, nicht jedoch für die Therapie.
Es ist sicher legitim, daß ein Orthopäde die Gesichtspunkte seines Fachs in den Vordergrund rückt, doch beeinträchtigen verallgemeinernde Darstellungen richtiger Teilaspekte das angestrebte differenzierte Vorgehen zugunsten der Betroffenen.
Erinnert sei, daß angemessene Diagnostik und Behandlung chronischer Schmerzpatienten auch die intrapsychischen und psychosozialen Faktoren in Schmerzentstehung und -unterhaltung einbeziehen (3, 4).


Literatur
1. Raspe H, Kohlmann T: Rückenschmerzen - Eine Epidemie unserer Tage? Dt Ärztebl 1993; 90: A1-29202925 [Heft 44].
2. Wickert U: Der Ehrliche ist der Dumme. München: Heyne, 1994.
3. Wörz R et al.: Leitlinien zur Diagnostik von Rückenschmerzen. Münch med Wschr 1994; 136: 252-255.
4. Zeuner L et al.: Leitlinien der nichtmedikamentösen Therapie von Rückenschmerzen. Münch med Wschr 1995; 137: 178-181.


Priv.-Doz. Dr. med. R. Wörz
Arzt für Neurologie und Psychiatrie
Friedrichstraße 73
76669 Bad Schönborn


Der Autor hat auf ein Schlußwort verzichtet

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote