ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1997Depression – Neue Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer: Geringes Risiko von Interaktionen bei Sertralin

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Depression – Neue Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer: Geringes Risiko von Interaktionen bei Sertralin

Bischoff, Angelika

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LNSLNS Dreiviertel der depressiven Patienten werden in der Allgemeinarzt-Praxis behandelt. Sie konsultieren den Arzt nach Daten der aktuellen DEPRESS-Studie insgesamt dreimal häufiger als vergleichbare nicht Depressive (4,5mal versus 1,5mal in sechs Monaten) und werden fünfmal so lange krank geschrieben. Doch nur 18 Prozent der behandlungsbedürftigen depressiven Patienten erhalten eine wirksame antidepressive Therapie.
Kürzlich hat der spezifische Serotonin-Reuptake-Inhibitor (SSRI) Sertralin in Deutschland die Zulassung als Antidepressivum bekommen. Sertralin wird von der Firma Pfizer als Zoloft® und in Kooperation von der Firma Boehringer Ingelheim als Gladem® vertrieben. Wie Prof. Walter E. Müller (Frankfurt) ausführte, weisen SSRI eine hohe Spezifität für serotonerge Rezeptoren auf. Die fehlenden oder geringen Interaktionen mit anderen Rezeptorsystemen bedingen eine bessere Verträglichkeit und geringere Toxizität der SSRI im Vergleich zu klassischen trizyklischen Antidepressiva.
Für Sertralin liegt das Verhältnis der Serotonin- zur Noradrenalin-Reuptake-Hemmung bei 840. Nur Citalopram ist mit 3 400 noch selektiver als Sertralin. Der Selektivitätsfaktor für Fluoxetin beträgt 54, für Fluvoxamin 160 und für Paroxetin 280.
Relevante Interaktionen mit anderen Rezeptoren weist Sertralin nicht auf. Von Vorteil ist möglicherweise die antagonistische Wirkung am Sigma-Rezeptor, die einen leichten neuroleptischen Effekt bedingt. Insgesamt bestehen keine funktionell bedeutsamen Unterschiede zwischen den verschiedenen SSRI. Klinisch relevant sind jedoch einige pharmakokinetische Unterschiede, wie Müller betonte.
Die Halbwertszeit von Sertralin liegt bei rund 25 Stunden. Der Metabolit Desmethyl-Sertralin ist klinisch im Steady state nur für einen geringfügigen Anteil der Serotonin-Wiederaufnahmehemmung von zehn Prozent verantwortlich. Somit ist Sertralin eine gut steuerbare Substanz. Bis zum Erreichen des Steady state beziehungsweise bis zum Auswaschen aus dem Plasma nach Absetzen der Medikation vergeht etwa eine Woche.


Längere Halbwertszeit
Bei einigen anderen SSRI verlängert sich die ohnehin schon längere Halbwertszeit im Steady state noch weiter durch eine potente und langanhaltende Wirkung des Metaboliten. Es vergehen somit Wochen, die zum Beispiel abgewartet werden müssen, wenn man einen MAO-Hemmer einsetzen will.
Von klinischem Vorteil ist das geringe Risiko von Interaktionen für Sertralin. Es ist dadurch bedingt, daß Sertralin kaum mit verschiedenen Cytochrom-P450-Isoenzymen interagiert. Fluoxetin und Paroxetin inhibieren zum Beispiel das Isoenzym 2D6 erheblich, über welches unter anderem trizyklische Antidepressiva, Haloperidol, Betablocker oder Propafenon metabolisiert werden. Sertralin führt dagegen nur zu einer leichten Blockade dieses Isoenzyms.
Fluoxetin hemmt auch andere Isoenzyme wie 2C9 und 2C10 deutlich, über die zum Beispiel Phenytoin und Tolbutamin metabolisiert werden. Fluvoxamin hemmt wiederum die Isoenzyme 1A2 und 2C19, über die trizyklische Antidepressiva, Clozapin, Propranolol, Theophyllin, Hexobarbital, Diazepam oder Propranolol verstoffwechselt werden. Sertralin wurde bisher in mehr als 25 klinischen Studien, darunter 20 doppelblinden kontrollierten Studien, an insgesamt über 12 000 Patienten evaluiert. Dosen von 50 mg, 100 mg und 200 mg Sertralin einmal täglich zeigten in Studien mit fixer Dosierung gleiche therapeutische Wirksamkeit. Insgesamt läßt sich ableiten, daß Sertralin mindestens ebenso effektiv ist wie andere SSRI oder trizyklische Antidepressiva. Auch ältere Patienten oder Patienten mit schwerer Depression sprechen gut auf die Substanz an. Die Verträglichkeit ist bei älteren Patienten nicht schlechter als bei jüngeren. Dies ist ein erheblicher Vorteil gegenüber Trizyklika, die von älteren Patienten meist schlechter toleriert werden.
In der Rezidivprophylaxe wirkt Sertralin mindestens ebenso gut wie trizyklische Antidepressiva. Der Effekt von 50 mg in der Akut-Erhaltungstherapie entspricht dem von 20 mg Fluoxetin. Allerdings führt Fluoxetin häufiger zu aktivierenden Nebenwirkungen wie Angst, Unruhe und Schlaflosigkeit.
In zwei deutschen Studien an stationären beziehungsweise ambulanten Patienten mit Major Depression war Sertralin ebenso wirksam wie Amitriptylin, aber deutlich besser verträglich, wie Studienleiter Prof. HansJürgen Müller (München) mitteilte.
Dr. med. Angelika Bischoff

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