ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2007Serie: Max Klinger, Ein Handschuh (9/10): Entführung/Amor

KUNST + PSYCHE

Serie: Max Klinger, Ein Handschuh (9/10): Entführung/Amor

PP 6, Ausgabe Dezember 2007, Seite 538

Kraft, Hartmut

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Dass die „Ruhe“ trügerisch, ja gefährlich sei, konnten wir uns erschließen. Tatsächlich springt das Untier mit dem Handschuh im Maul in seiner vollen Größe an uns vorbei. Mit der Entführung des Handschuhs kommt der Traum zu seinem Ende. Die durch die zerbrochene Fensterscheibe gereckten Arme scheinen den Schwanz des Ungeheuers nicht wirklich greifen zu wollen – das Ende einer märchenhaften Traumgeschichte.
Eine andere Sichtweise wäre, darin das sehr elegant überformte Bild einer nächtlichen Ejakulation zu sehen, sei es die Folge einer Masturbation oder auch einer Pollution. Es kehrt Ruhe ein im unruhigen Traum des Liebenden: „Amor“ gähnt. Er hat Pfeil und Bogen zur Seite gelegt, die Rosen mit ihren gut erkennbaren Dornen neigen sich dem Boden zu, und der Handschuh liegt schlaff (und müde wie ein Frauenakt?) lang hingestreckt vor dem Betrachter.
Mit der Figur des Amor eröffnet Klinger zum Abschluss der Serie eine interessante neue Perspektive. Im Märchen „Amor und Psyche“ von Apuleius, das Klinger als Opus V unmittelbar zuvor illustriert hatte, bekam Amor von seiner eifersüchtigen Mutter Aphrodite den Auftrag, das schöne Mädchen Psyche zu töten. Er verliebte sich aber in Psyche, verriet den mütterlichen Auftrag und heiratete das Mädchen nach mancherlei Wirrungen. Was anderes konnte Max Klinger wollen? Aufgrund finanzieller (elterlicher) Einschränkungen erhielt er oder gab er sich den Auftrag, die schöne Psyche (Fräulein T.) in sich zu töten. Aber letztendlich glaubt er als Amor doch daran, Fräulein T. nach einigen Wirrungen zu heiraten. Immerhin besuchte noch im Jahre 1917 diese Dame als Witwe den inzwischen berühmten Max Klinger. Später erzählte er dies seiner Frau: „Sei froh, dass ich noch da bin!“ – „Wieso?“ – „Ich sollte nämlich geheiratet werden.“ Hartmut Kraft
„Entführung“ (1881), Opus VI, Blatt 9 (Singer 121), Radierung und Aquatinta, 11,9 × 26,9 cm
„Entführung“ (1881), Opus VI, Blatt 9 (Singer 121), Radierung und Aquatinta, 11,9 × 26,9 cm
„Amor“ (1880), Opus VI, Blatt 10 (Singer 122), Radierung und Aquatinta, 14,2 × 26,5 cm, Druck der 4. Auflage, 1898. Fotos: Eberhard Hahne
„Amor“ (1880), Opus VI, Blatt 10 (Singer 122), Radierung und Aquatinta, 14,2 × 26,5 cm, Druck der 4. Auflage, 1898. Fotos: Eberhard Hahne
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