ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2007Schwere Depressionen: Medikamente kombiniert mit Therapie

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Schwere Depressionen: Medikamente kombiniert mit Therapie

PP 6, Ausgabe Dezember 2007, Seite 557

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Eine medikamentöse Therapie beschleunigt bei Jugendlichen mit schweren Depressionen die Erholung. Eine Gesprächstherapie ist jedoch eher in der Lage, die Suizidalität auf Dauer zu mindern. Eine Kombination beider Therapien gewährt deshalb ein Höchstmaß an Wirksamkeit und Sicherheit. So lassen sich die Ergebnisse der ersten größeren Langzeitstudie zur Behandlung der Major-Depression bei Jugendlichen zusammenfassen, die jetzt in den Archives of General Psychiatry (2007; 64: 1132–44) publiziert wurde.
Die Treatment for Adolescents with Depression Study (TADS), die das National Institute of Mental Health im Jahr 1999 initiierte, gehört zu den wenigen randomisierten kontrollierten Studien zur Behandlung der Depression, in denen eine größere Anzahl von Teilnehmern (hier 439 Adoleszenten mit Major-Depression nach DSM-IV) über eine längere Zeit (hier 36 Wochen) beobachtet wurde und die dabei noch die Wirkung einer medikamentösen Therapie mit einer Psychotherapie verglich. Die Teilnehmer waren auf vier Gruppen randomisiert worden. In der ersten wurden die Patienten mit dem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluoxetin behandelt. Die zweite Gruppe erhielt ein Placebo. In Gruppe drei wurde den Patienten eine Gesprächstherapie nach den Grundsätzen der kognitiven Verhaltenstherapie angeboten, und in der vierten Gruppe wurden Psychotherapie und Psychopharmakon kombiniert.
Interessant ist der zeitliche Verlauf der Wirkung in den Gruppen. Nach zwölf Wochen hatten 73 Prozent der Patienten unter der Kombinationstherapie eine Response erzielt, das heißt, ihre Depression hatte sich nach Einschätzung der Psychiater (Clinical Global Impressions Improvement) stark oder sehr stark gebessert. Unter der alleinigen SSRI-Behandlung erzielten 62 Prozent dieses Ergebnis. Die alleinige Gesprächstherapie war mit einer Responserate von 42 Prozent nicht signifikant besser als ein Placebo. Nach vier Monaten hatte sich das Bild geändert. Jetzt war auch die Gesprächstherapie mit einer Responserate von 65 Prozent signifikant besser als ein Placebo und der SSRI-Therapie (69 Prozent in Response) gleichwertig. Die Kombination erzielte hingegen weiterhin die besten Ergebnisse (85 Prozent in Response). Nach neun Monaten hatten sich etwa acht von zehn Patienten erholt. Die Responseraten waren in allen drei Gruppen in etwa gleich (Kombinationstherapie 86 Prozent; SSRI 81 Prozent und Gesprächstherapie 81 Prozent). Nach diesen Ergebnissen wäre die Verordnung nicht nur die einfachste, sondern auch die beste Lösung, die zusätzliche Gesprächstherapie würde die Ergebnisse nur marginal verbessern. Doch auch in der TADS-Studie trat ein Problem der medikamentösen Therapie der Depression bei Jugendlichen zutage, welches die Psychiater seit einigen Jahren beschäftigt und im Jahr 2004 zu einer speziellen Warnung der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA führte. Sie betrifft das mögliche Risiko von suizidalen Gedanken während einer alleinigen medikamentösen Therapie mit SSRI. Unter der Therapie mit dem SSRI berichteten 15 Prozent der Patienten über Suizidgedanken, während es in der Gruppe mit alleiniger Gesprächstherapie nur sechs Prozent waren und unter der Kombinationsbehandlung acht Prozent.
Nach Ansicht der Autoren um John March von der Duke University in Durham/North Carolina liegt der Wert der Gesprächstherapie vor allem darin, dass sie die Sicherheit der Therapie erhöht. Dieser Ansicht schloss sich auch Thomas Insel, der Leiter des National Institute of Mental Health in Bethesda/Maryland an. Schwere Depressionen bei Jugendlichen sollten – nicht zuletzt wegen des damit verbundenen Suizidrisikos – aggressiv behandelt werden, findet Insel, wobei die doppelgleisige Therapie aus Medikamenten plus Gesprächstherapie die effektivste und sicherste Variante sei. rme

The TADS Team: The Treatment for Adolescents With Depression Study (TADS). Long-term Effectiveness and Safety Outcomes. Arch Gen Psychiatry 2007; 64:1132–43.
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