ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2007Diabetes und Depressionen: Enge Wechselwirkung

WISSENSCHAFT

Diabetes und Depressionen: Enge Wechselwirkung

PP 6, Ausgabe Dezember 2007, Seite 564

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Wer an Diabetes leidet, muss für den Rest seines Lebens Medikamente einnehmen und seinen Alltag der Krankheit anpassen. Er muss viel Selbstdisziplin aufbringen, um Ernährungspläne und Selbstbehandlungen (Ernährung, Bewegung, Insulingaben, Blutglucoseselbstkontrollen) zu befolgen. Dazu kommen immer wieder Einschränkungen, Stigmatisierung sowie Angst vor Unterzuckerung und vor Folgeerkrankungen. Nicht einfach zu verkraften sind außerdem die Diagnosestellung „Diabetes“, akute Folgeerkrankungen, schwere Unterzuckerungen und die Umstellung von oraler auf Insulintherapie.
Solche Belastungen, die mit der Krankheit verbunden sind, können die Stimmung und Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen und dazu führen, dass Diabetiker an Depressionen erkranken. Diabetiker leiden etwa doppelt bis dreimal so häufig an Depressionen wie Nicht-diabetiker, wobei Frauen mit Diabetes häufiger betroffen sind als diabetische Männer. Rund ein Viertel der Patienten sind von depressiven Symptomen betroffen. Insgesamt überwiegen milde Formen der Depression (Dysthymie) sowie Anpassungsstörungen, die sich als Reaktion auf die Bewältigung der Erkrankungen entwickeln.
Schlechtere Blutzuckerwerte bei depressiven Diabetikern
Mit gedrückter Stimmung, Konzentrations- und Schlafstörungen, ohne Antrieb und Motivation fällt es jedoch noch schwerer, all den Anforderungen gerecht zu werden, die an Diabetespatienten gestellt werden. Daher sind die Blutzuckerwerte von depressiven Diabetikern in der Regel schlechter als die von psychisch Gesunden. Eine Depression verschlechtert zudem den Verlauf des Diabetes und führt zu mehr Komplikationen und einer deutlich reduzierten Lebensqualität. Auch Spätfolgen wie Gefäß-, Augen- und Nierenschäden sowie Erkrankungen von Herz und Kreislauf treten häufiger auf.
Umgekehrt erhöhen anhaltende Depressionen das Risiko, einen Diabetes zu entwickeln. So zeigte eine Langzeitstudie, bei der 1 715 Personen mit einem Diabetesrisiko über 13 Jahre hinweg beobachtet wurden, dass 89 Personen tatsächlich einen Diabetes entwickelten. Der einzige Risikofaktor bestand in einer Major Depression. Ein möglicher Zusammenhang bestand nach Meinung der Wissenschaftler darin, dass sich schwer depressive Menschen weniger bewegen, eventuell mehr essen und ihre Selbstbehandlung vernachlässigen. Dadurch wird die Energiebilanz positiv und begünstigt das Entstehen von Übergewicht und Adipositas als eine Voraussetzung für einen Typ-II-Diabetes. Antidepressive Medikamente hatten laut dieser Studie einen negativen Einfluss auf die Blutzuckereinstellung. So könnten beispielsweise trizyklische Antidepressiva Hyperglykämien und Kohlenhydratheißhunger auslösen. Aus diesem Grund seien selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer vorzuziehen, da sie den Nüchternblutzucker senken und zu geringer Gewichtsabnahme führen. Eine Metaanalyse mit 26 Studien, bei denen die Beziehung von Depressionen und Blutzuckereinstellung untersucht wurde, zeigte hingegen, dass Antidepressiva eine Symptombesserung bewirkten und dass mit diesem Effekt zugleich eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung einherging.
Neben diesen engen Wechselwirkungen zwischen Depressionen und Diabetes wurden auch Zusammenhänge zwischen Depressivität und Dauer oder Schwere des Diabetes untersucht. Die meisten Studien kamen zu dem Ergebnis, dass keine bedeutsamen Zusammenhänge bestehen. Ein enger Zusammenhang ist hingegen zwischen Stimmung und Blutzuckerwert zu beobachten. Negative Emotionen wie Ärger, Anspannung oder schlechte Stimmung führen oft zu Unterzuckerung oder starker Überzuckerung, während positive Stimmung und Glücksgefühle mit guter Blutzuckereinstellung einhergehen.
Mit der richtigen Therapieform können bis zu 80 Prozent der Erkrankten erfolgreich behandelt werden. Voraussetzung dafür sind jedoch eine frühzeitige Diagnosestellung, die richtige Therapie und die Bereitschaft des Patienten, sich auf die Behandlung einzulassen. Als wirkungsvoll haben sich bestimmte Medikamente und Psychotherapie erwiesen. Für Menschen mit Diabetes sind vor allem die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer geeignet, da sie keine Gewichtszunahme verursachen und die Blutzuckerwerte nicht negativ beeinflussen. Auch Johanniskrautpräparate, die zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, wirken auf die gleichen Botenstoffe im Gehirn. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass sich Johanniskrautpräparate nur zur Behandlung leichterer Depressionen eignen. Ihre Dosierung gestaltet sich schwierig, da die Extrakte von Johanniskraut eine Vielzahl chemischer Substanzen enthalten und nicht genau bekannt ist, welcher dieser Inhaltsstoffe für den antidepressiven Effekt verantwortlich ist. Nur wenige der angebotenen Präparate dürften eine ausreichende Dosis an wirksamen Substanzen enthalten, sodass die Gefahr besteht, keine ausreichende Wirkung zu erzielen. Bei mittelschweren und schweren Depressionen sind Johanniskrautpräparate deshalb nicht zu empfehlen.
Psychologische Ursachen
seltener berücksichtigt
Im Hinblick auf Psychotherapie haben sich vor allem Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie bewährt. Die besten Therapieerfolge sind mit einer Kombination aus medikamentösen und psychotherapeutischen Verfahren zu erzielen. Im Rahmen der Therapieplanung sollte der korrekten Zuordnung der Symptome besondere Beachtung geschenkt werden. Ein Teil der typischen Symptome für Depressionen wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, verminderter Appetit oder auch ein nachlassendes Verlangen nach Sexualität kann nämlich auch Ausdruck einer schlechten Blutzuckereinstellung sein. Darüber hinaus werden körperliche Symptome häufig automatisch auf den Diabetes zurückgeführt, psychologische Ursachen werden hingegen seltener berücksichtigt. Bei der Diagnose und Therapieplanung muss daher sichergestellt werden, dass die Symptome auf Depressionen zurückzuführen sind und nicht die Folgen einer Stoffwechselentgleisung sind.
Mit einer Studie, in deren Verlauf verschiedene Therapieoptionen geprüft werden, wollen Wissenschaftler der Westfälischen Klinik Dortmund und der Ruhr-Universität Bochum jetzt Depressionen bei Diabetikern behandeln. In der sogenannten Diabetes-Depressions-Studie (DAD) werden zwei Behandlungsformen angeboten, die als Standard in der Depressionsbehandlung gelten: Ein bereits lange zugelassenes, bewährtes antidepressives Medikament (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer „Sertralin“) oder eine speziell auf die Bedürfnisse von Diabetikern angepasste Verhaltenstherapie, die beispielsweise auf Situationen eingeht, die Diabetiker häufig erleben. Nach zwölf Wochen wird der Erfolg der Behandlungen überprüft und ermittelt, ob die Patienten von den jeweiligen Maßnahmen profitierten und beispielsweise Verbesserungen der Blutzuckereinstellung erzielt werden konnten. Danach schließt sich eine Langzeitphase an, die über ein Jahr dauert. 15 Monate nach Therapiebeginn werden alle Teilnehmer abschließend untersucht. Die Teilnehmer erhalten durch die Studie die Gelegenheit, nicht nur ihre Depressionen zu reduzieren und ihre Lebensqualität zu verbessern, sondern auch ihre Blutzuckereinstellung langfristig zu optimieren, um Diabeteskomplikationen aufzuhalten. An der Studie, die im Ruhrgebiet, im Rhein-Main-Gebiet und im Raum Düsseldorf/Köln durchgeführt wird, können sich Typ-I- und Typ-II-Diabetiker noch beteiligen. Die Ergebnisse der Studie sind in etwa zwei Jahren zu erwarten.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Benecke A: Geschlechtsspezifische Aspekte in der Rehabilitation bei Diabetes mellitus. Lengerich: Pabst Science Publishers, 2005.
2. Eaton W, Armenian H, Clouse G, Pratt L, Ford D: Depression as risk of onset of type II diabetes: A population-based study. Diabetes Care 1996; 19(10): 1097–102.
3. Katon W, von Korff M, Lin E, Simon G, Ludman E, Russo J, Ciechanowski P, Walker E, Bush T: The pathways study: A randomized trial of collaborative care in patients with diabetes and depression. Arch Gen Psychiatry 2004; 61:1042–9.
4. Kohlmann CW, Kulzer B: Diabetes und Psychologie. Göttingen: Hans Huber, 1995.
5. Lustman P, Anderson R, Freedland K, de Groot M, Carney R, Clouse R: Depression and poor glycemic control. Diabetes Care 2000; 23(7): 934–42.

Kontakt:
Dipl.-Psych. PD Dr. rer. soc. Frank Petrak, Praxis für Psychologische Therapie und Beratung, Schulberg 7–9, 65183 Wiesbaden, E-Mail@dr-frank-petrak.de


DAD-Studie

Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin in der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):
www.diabetes-psychologie.de
Diabetes-Depressions-Studie
(DAD-Studie): www.dadstudie.de
Studienhotline: 02 31/4 50-3 26 07
Voraussetzungen für die Beteiligung an der Studie:
- wohnhaft im Ruhrgebiet, im Rhein-Main-Gebiet oder im Raum Düsseldorf/Köln
- Diabetes-Typ-I oder Typ-II seit mindestens einem Jahr
- Insulingaben seit mindestens sechs Monaten
- Alter zwischen 21 und 69 Jahren
- HbA1c-Wert in den letzten neun Monaten höher als 7,5 Prozent
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