ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2007Kinder mit ADHS: Einfluss von Medikamentierung auf schulische Ergebnisse

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Kinder mit ADHS: Einfluss von Medikamentierung auf schulische Ergebnisse

PP 6, Ausgabe Dezember 2007, Seite 569

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) haben häufiger schulische Probleme. Dies zeigt eine bevölkerungsbasierte Langzeituntersuchung von der Mayo Clinic in Rochester. Dort wird auch der Wert der medikamentösen Behandlung mit Stimulanzien wie Methylphenidat untersucht. Die Gruppe um William Barbaresi konnte für ihre Untersuchung auf die Daten von 5 718 Kindern der Jahrgänge 1976 bis 1982 zurückgreifen. Sie hatten Zugriff auf die Krankenakten und die Daten der Schulbehörden. Unter den Kindern waren 370 (277 Jungen und 93 Mädchen) mit der Diagnose einer ADHS. Der Anteil liegt mit knapp 6,5 Prozent durchaus im Rahmen der aktuellen Prävalenzschätzungen, nach denen es in jeder Schulklasse etwa ein Kind gibt, das durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität auffällt.
Die Folgen sind bekannt und werden durch die Studie erstmals in einer wissenschaftlichen Langzeituntersuchung dokumentiert: Zunächst einmal lernen Kinder mit ADHS schlechter lesen. In der Studie befanden sie sich auf der 45. Perzentile gegenüber der 73. Perzentile in einer Gruppe von 740 Nicht-ADHS-Kindern. Weiter bleiben sie häufiger dem Unterricht fern. Hier war der Unterschied zur Kontrollgruppe nach Auskunft von Barbaresi aber gering. Kinder mit ADHS müssen häufiger eine Klasse wiederholen, das Risiko war in der Studie um den Faktor drei erhöht. Und schließlich schaffen weniger einen Schulabschluss. In der Studie beendeten 23 Prozent der Nicht-ADHS-, aber nur zehn Prozent der ADHS-Kinder die Highschool mit einem Examen.
Barbaresi hat ebenfalls untersucht, ob die Behandlung mit Stimulanzien die schulische Entwicklung fördert. Die Kinder waren im Durchschnitt fast drei Jahre (genau 30,4 Monate) behandelt worden. Sie schnitten in den Lesetests etwas besser ab als die Kinder mit nicht behandelter ADHS. Die Fehlzeiten waren geringer, und das Risiko, eine Klasse wiederholen zu müssen, war um 80 Prozent niedriger, wenn die ADHS-Kinder mit Medikamenten behandelt wurden.
Der Einfluss der Behandlung auf den Schulabschluss war gering: Die Abbruchrate war bei den behandelten Kindern mit 22,2 Prozent nur wenig niedriger als bei den unbehandelten Kindern, wo 25,8 Prozent es nicht schafften (Unterschied mit einem p-Wert von 0,54 nicht signifikant). Verglichen mit der Abbruchquote (zehn Prozent) der Kinder ohne ADHS war der Effekt auf jeden Fall gering.
Eine retrospektive Studie ist in dieser Frage allerdings nur begrenzt aussagefähig. Man muss vermuten, dass Eltern von ADHS-Kindern, die eine Behandlung befürworten, die Kinder auch in anderen Bereichen verstärkt fördern, was den ohnehin geringen Wert der Therapie schmälern würde. Andererseits wäre es auch möglich, dass die Behandlung über zu kurze Zeit durchgeführt wurde. rme

Barbaresi WJ, Katusic Slavica K, Colligan R, Weaver AL, Jacobsen S: Long-Term School Outcomes for Children with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Population-Based Perspective. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics 2007; 28(4): 265–73. Modifiers of Long-Term School Outcomes for Children with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Does Treatment with Stimulant Medication Make a Difference? Results from a Population-Based Study. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics 2007; 28(4): 274–87.
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