ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2007Ethik der Psychotherapie: Vieles bleibt offen und fragwürdig

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Ethik der Psychotherapie: Vieles bleibt offen und fragwürdig

PP 6, Ausgabe Dezember 2007, Seite 570

Buchholz, Michael B.

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Seitdem manche Behandlungsberichte durch die Gazetten geistern, in denen wenig Angenehmes über die Gattung der Therapeuten zu lesen war und ist, ist das Thema einer Ethik der Psychotherapie immer wieder auf dem Tisch. Erfreulich, dass hier ein Buch vorgelegt wird, das sich der Komplexität des Themas annimmt, wobei mehrere Fachleute mitgewirkt haben. An ein solches Buch wird man also hohe Anforderungen stellen dürfen, zumal es als Standardwerk daherkommt und über einige Jahre immer wieder zum Nachschlagen benutzt werden wird.
Das Buch führt in verschiedene Ethik-konzepte ein, klärt Begriffe wie Moral und Wert in Abgrenzung zu Ethik und Recht. Dann folgt ein langes Kapitel zur ethischen Reflexion psychotherapeutischen Handelns, worin die Beschränkung therapeutischer Hilfen auf Krankenbehandlung schon deshalb kritisiert wird, weil die Unterscheidung zwischen normal und krank immer unscharf und wertend ist und ethische Reflexion verdient. In einem weiteren Kapitel über Pluralität und Methodenvielfalt werden verschiedene therapeutische Verfahren dargestellt, manchmal auf nur einer Seite; dafür wird kaum eines ausgelassen. Die Frage nach dem Wert einer solchen Übersicht, die man in jedem einführenden Handbuch ebenso oder besser findet, stellt sich.
Fehler, die nicht bemerkt werden, sind die ernsthafteren
Die Theorie der moralischen Entwicklung wird abgehandelt und dann ein eigenes Großkapitel über Verantwortung, Wirksamkeit und Grenzen in der Psychotherapie angeschlossen. Dass es Fehler geben kann und man sich für sie entschuldigen sollte, ist für viele Therapeuten bekanntermaßen schwierig. Aber unter ethischen Gesichtspunkten ist das eigentlich eine Trivialität. Denn Fehler, die man nicht bemerkt und für die man sich deshalb auch nicht entschuldigen kann, sind die ernsthafteren und weit wirkungsvolleren, und hier lässt das Buch einen recht ratlos. Es bleibt bei der Banalität, dass der Patient seine Gefühle ausdrücken können sollte und dass der Therapeut sich entschuldigt.
Weitere Irritationen schließen sich an: Wenn ein Therapeut auf einen Patienten reagiert, als sei er „eine bedeutende Person in der frühen Lebensgeschichte des Analytikers“, dann liegt nicht eine Gegenübertragungsstörung vor, sondern schlicht eine Übertragung des Analytikers auf seinen Patienten. Der Ort, an dem das ethische Problem ausgetragen wird, ist nicht derselbe wie der, an dem es entsteht – in unzureichender Ausbildung. Hier hätte man sich Einstimmung auf ethische Aspekte der Ausbildung gewünscht, gewinnt aber stattdessen den Eindruck, dass ethische Fragen eigentümlich verfehlt, dafür aber behandlungstechnische Fragen abgehandelt werden, und die nicht immer auf dem bestmöglichen Niveau. Zum Beispiel wenn Psychotherapie von Menschen mit psychotischen Störungen als „Beispiel für überholte theoretische Ansichten“ genannt wird. Dann freilich heißt es wenige Seiten weiter unter Rückgriff auf die Arbeiten von Stavros Mentzos, dass mit psychotischen Menschen viel gesprochen werden muss. Und als gäbe es keinen Klärungsbedarf, ist dann natürlich die Rede von der „echten Kommunikation“ zwischen Therapeut und Patient. Was ist die Aussage, für die in diesem Buch geworben wird?
Neugierig schlägt man das Kapitel über sexuellen Missbrauch auf. Da heißt es, dass Sexualität zwischen Therapeut und Patientin ein, wenn nicht der gravierende Behandlungsfehler schlechthin ist. Das stimmt, aber es ist irgendwie nichts therapiespezifisches, denn eine beinah analoge ethische Problematik stellt sich, wenn man etwa an Verhältnisse zwischen Lehrern und Schülerinnen denkt. Es ist ein Straftatbestand, der Unzucht mit Abhängigen heißt, der auf hässlichste Weise jahrelang auch in Therapieverbänden tabuisiert und rationalisiert worden ist und worüber wir eine große Menge an Literatur kennen. Die wird zum Teil referiert, aber es kommt nichts Neues dadurch hinzu, dass das nun unter Ethik abgehandelt wird. Zumal nahezu alle europäischen Psychotherapiegesellschaften, gleichgültig welcher Schule, längst entsprechende Regelungen verbindlich formuliert haben. Das wird dokumentiert. Forschungen dazu sind ebenso verdienstvoll wie die über narzisstischen Missbrauch, der im nächsten Kapitel dann thematisiert wird. Aber auch hier werden im Wesentlichen die bekannten Konzepte von Willi (narzisstische Kollusion) oder die Theorie von Kohut abgehandelt.
Verdienstvolle Auflistung
der Ethikregelungen
Am verdienstvollsten erscheinen an diesem Buch die Zusammenstellungen und Übersichten über Ethikregelungen in verschiedenen nationalen Gesellschaften und die Ausdehnung auf Forschungsfragen. Zugleich jedoch machen sie insgesamt deutlich, dass es viele „Parallelen“ zwischen ethischen Fragen in der Psychotherapie, in der Forschung im Allgemeinen sowie in der Veterinärmedizin (!) gibt, wenn mit Tieren Forschung getrieben wird. Es will scheinen, dass ethische Fragen in der Psychotherapie von größter Bedeutung sind, aber dieses Buch lässt eine spezifisch psychotherapeutische Ethik noch weitgehend vermissen. Man liest es am besten als umfangreiche Auflistung all dessen, was noch zu tun ist. Michael B. Buchholz

Renate Hutterer-Krisch: Grundriss der Psychotherapieethik. Springer, Wien, 2007, 521 Seiten, gebunden, 59,90 Euro
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