ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Auch jenseits der documenta: Experimente in Kassel

POLITIK

Auch jenseits der documenta: Experimente in Kassel

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): A-3446 / B-3032 / C-2928

Rieser, Sabine

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LNSLNS „In der Region Kassel und Schwalm-Eder erleben wir zurzeit hautnah, wie rasant sich unsere Versorgungslandschaft ändert“, hat Dr. med. Margita Bert, die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, kürzlich angemerkt. „Denn ausgerechnet diese Region ist es, die sich der VdAK als Spielwiese und Testregion in Sachen § 73 c ausgesucht hat.“ Der Paragraf regelt die besondere ambulante ärztliche Versorgung.
Am 7. November teilte der Ersatzkassenverband VdAK knapp mit, man werde in besagter Region in Hessen 2008 neue Wege gehen, sprich: sich aus der bisher über die KV sichergestellten ambulanten Versorgung ausklinken. Im Rahmen eines Pilotprojekts habe man „eine ambulante ärztliche Rundumversorgung“ ausgeschrieben. Nach Sichtung der Angebote sollen die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) Medikum in Kassel und Baunatal Vertragspartner werden.
Die Ersatzkassen bieten ihren Versicherten die Teilnahme am Pilotprojekt an und rechnen offiziell mit 1 000 bis 2 000 Interessenten. Sie würden dann ausschließlich von den Ärztinnen und Ärzten in den MVZ versorgt sowie von „Kooperationsärzten“, die die Ersatzkassen noch gewinnen wollen. Gelockt werden Versicherte mit Versprechen: Es werde für berufstätige Patienten gesonderte Praxis- oder Präventionstermine geben, kurze Wartezeiten, eine besondere Kunden- und Patientenberatung. „Dazu gehören Samstagssprechstunden, ein 24-Stunden-Telefonservice oder die schnelle Terminvermittlung“, heißt es beim VdAK.
Was das Pilotprojekt den beteiligten Ärzten der MVZ bringen wird, muss man abwarten. „Wir zahlen im neuen Projekt nicht mehr und nicht weniger als für die von der Kassenärztlichen Vereinigung sichergestellte Versorgung“, betont Dr. Werner Gerdelmann, Vorstandsvorsitzender der Ersatzkassenverbände. KV-Vorstand Bert warnt dagegen: „Mittels dieses Versuchsballons soll unter dem Deckmäntelchen des Wettbewerbs ein Prozess in Gang gesetzt werden, an dessen Ende ärztliche Leistung wahrscheinlich zum Dumpingpreis eingekauft wird.“ Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KV Hessen hat in einer Resolution ebenfalls Kollegen gewarnt, auf das Angebot einzugehen: „Mit diesem Vertrag sollen die niedergelassenen Ärzte langfristig zersplittert und so erpressbar gemacht werden“, heißt es. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Ersatzkassen in Hessen in ihrem Pilotprojekt für ärztliche Leistungen „deutlich mehr Geld“ zur Verfügung stellen.
Vermutlich hat jeder auf seine Weise recht. Mehr Geld wollen die Kassen meist nicht ausgeben, wenn sie spezielle Versorgungsverträge schließen. Sie können die Ärzte aber besser bezahlen, weil sie durch klare Vorgaben für Arzneimittelverordnungen oder die Chronikerversorgung Geld einsparen. Das macht wiederum die Teilnahme für niedergelassene Ärzte attraktiv.
KV-Vertreter warnen davor, dass Patienten im Kasseler Pilotprojekt auf die freie Arztwahl verzichten müssen und völlig ungeklärt ist, wie und zu welchen Konditionen sie ambulant versorgt werden, wenn sie außerhalb ihres MVZ-Einzugsgebiets erkranken. Auch die Bereinigung der ärztlichen Gesamtvergütung um den Anteil, den die Ersatzkassen nun direkt an zwei MVZ zahlen, gilt als schwierig und manipulierbar. Rie
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