ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Weiter­bildungs­ordnung: Eine unendliche Geschichte

POLITIK

Weiter­bildungs­ordnung: Eine unendliche Geschichte

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): A-3452 / B-3037 / C-2934

Korzilius, Heike

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LNSLNS Am erneuten Streit zwischen Allgemeinärzten und Internisten
droht die bundeseinheitliche Umsetzung der Weiterbildungsnovelle vom Mai dieses Jahres zu scheitern.

Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg hat sich am 24. November mit deutlicher Mehrheit gegen die Wiedereinführung des Facharztes für Innere Medizin ausgesprochen. Damit folgten die Delegierten dem Willen des 110. Deutschen Ärztetages nicht.“ Die Pressestelle der Kammer fand nur dürre Worte für einen Beschluss mit erheblicher politischer Sprengkraft.
Ausführlicher hatte die Ärztekammer Berlin neun Tage zuvor mitgeteilt, dass sie abweichend von den Beschlüssen der Ärztetage in Rostock und Köln in den Jahren 2002 und 2003 den Facharzt für Allgemeinmedizin wieder einführe. „Das gemeinsame Gebiet ,Innere und Allgemeinmedizin‘ gibt es damit nicht mehr“, heißt es lapidar. Eine gemeinsame Basis-Weiterbildung zu installieren, sei nicht umsetzbar gewesen, kommentierte Ärztekammer-Präsident Dr. med. Günter Jonitz die Entscheidung. Die Schwächung beider Fächer wäre die Folge gewesen.
Die Beschlüsse in Baden-Württemberg und Berlin bringen die ärztliche Selbstverwaltung in arge Bedrängnis. Denn mit ihnen droht
die bundeseinheitliche Umsetzung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung zu scheitern, was erhebliche europarechtliche Konsequenzen bedeuten würde.
EU-rechtliche Vorgaben hatten bereits dazu geführt, dass der Ärztetags-Beschluss von Rostock in diesem Jahr in Münster geändert werden musste. Die EU-Kommission hatte kritisiert, dass die Weiterbildungsnovelle von 2002 in den Lan­des­ärz­te­kam­mern nicht einheitlich umgesetzt worden sei. Fünf Ärztekammern hatten abweichend vom Rostocker Kompromiss beschlossen, neben dem Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin und dem Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt auch den Allgemein-Internisten beizubehalten. Kann Deutschland aber keine einheitliche Form für die Notifikation der Facharztbezeichnung „Innere Medizin“ auf EU-Ebene vorlegen, droht die Denotifizierung des Facharztes für Innere Medizin. Das hieße, dass es den Allgemein-Internisten in Deutschland künftig nicht mehr gäbe.

EU-Kommission pocht auf Einheitlichkeit
„Wir haben den Facharzt für Innere Medizin aber nicht aufgegeben“, erklärte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, am 6. Dezember in Berlin. „Er ist Bestandteil der jeweiligen Subspezialität.“ Man habe mit dem Rostocker Kompromiss zwei Bildungsstränge beschlossen. Der eine führe zum neuen Hausarzt, dem Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin, der andere zum Facharzt für Innere Medizin samt Schwerpunkt. Dabei sei der Subspezialist immer auch Internist – eine Sichtweise, die die EU-Kommission nicht mehr teilt. Entgegen früherer Vereinbarungen vertritt sie inzwischen die Auffassung, dass ein Internist mit Schwerpunkt in einem anderen Mitgliedstaat nur noch in seinem Schwerpunkt tätig werden kann. Die Folge: Der Ärztetag beschloss in Münster, den Allgemein-Internisten wieder einzuführen. Dieser sollte jedoch ausdrücklich nicht hausärztlich tätig sein dürfen. Für Frieden zwischen Allgemeinärzten und Internisten sorgte diese Einschränkung indes nicht, wie die jüngsten Kammerbeschlüsse zeigen.
Der Streit zwischen Allgemeinärzten und Internisten über den „besseren Hausarzt“ schwelt seit Jahrzehnten. In inoffiziellen Gesprächen mit dem Deutschen Hausärzteverband, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, dem Berufsverband Deutscher Internisten und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin habe man sich, wie Hoppe sagt, bereits in den 90er-Jahren auf einen Kompromiss verständigt. Er sah vor, dass der Facharzt für Allgemeinmedizin künftig hausärztlich tätig sein, überwiegend „sprechende“ Medizin betreiben und nur notwendigste Medizintechnik einsetzen sollte, während sich die Internisten in die spezialisierte Medizin zurückziehen. Die Weiter­bildungs­ordnung wurde 1996/97 entsprechend geändert. Einziger Schönheitsfehler: Die Lan­des­ärz­te­kam­mern setzten die Änderung nicht einheitlich um.
Die Alternative, auf die man sich in den inoffiziellen Gesprächen geeinigt hatte, war, die beiden Fächer zu verschmelzen, was schließlich in den Rostocker Kompromiss mündete. Der Schönheitsfehler war auch diesmal, dass die Lan­des­ärz­te­kam­mern den Beschluss des Ärztetages nicht einheitlich umsetzten. Die notwendige Korrektur von Münster steht mit den Entscheidungen in Baden-Württemberg und Berlin nun ebenfalls zur Disposition. Dennoch bekräftigte Hoppe: „Unser Ziel muss die Einheitlichkeit sein.“ Die Bundes­ärzte­kammer halte am Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin als dem Hausarzt der Zukunft fest und werde mit Blick auf EU-Recht auch darauf drängen, den Facharzt für Innere Medizin einzuführen.
Hoffnung ruht nun auf den Bundesländern, die die Beschlüsse der Ärztekammern in die Heilberufsgesetze aufnehmen müssen. Da ihnen ebenfalls an einer bundesweit einheitlichen Lösung gelegen ist, wäre es nicht verwunderlich, wenn sie die Entscheidungen von Baden-Württemberg und Berlin beanstandeten. Und innerärztlich? „Wir müssen das Problem durch geduldige Diskussionen lösen“, sagte Hoppe. Gelinge das nicht, werde sich die Politik über kurz oder lang fragen, ob die Selbstverwaltung überhaupt in der Lage sei, ihre Belange zu regeln. Heike Korzilius
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