ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Kernkraft-Studie: „Häufung der Leukämiefälle ist entweder zufällig oder hat andere Ursachen“

MEDIZINREPORT

Kernkraft-Studie: „Häufung der Leukämiefälle ist entweder zufällig oder hat andere Ursachen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): A-3460 / B-3043 / C-2940

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Seit Jahrzehnten streiten Atomkraftgegner und -befürworter über die gesundheitlichen Gefahren in der Umgebung von Kernkraftwerken. Foto: dpa
Seit Jahrzehnten streiten Atomkraftgegner und -befürworter über die gesundheitlichen Gefahren in der Umgebung von Kernkraftwerken. Foto: dpa
Eine Studie auf der Basis des Deutschen Kinderkrebsregisters untersuchte die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken – mit unerklärlichen Ergebnissen.

Auf den ersten Blick wirken die Zahlen einer Studie des Deutschen Kinderkrebsregisters am Klinikum der Mainzer Universität wie ein überzeugender Indizienbeweis: 77 Kinder, die weniger als fünf Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt lebten, erkrankten zwischen 1980 und 2003 in Deutschland an Krebs, davon 37 Kinder an Leukämie. Im statistischen Durchschnitt wären 48 Krebserkrankungen beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Zudem nimmt das Krebsrisiko signifikant zu, je näher die Kinder an einem Atommeiler wohnen. Da drängt sich der Verdacht auf, radioaktive Strahlung aus den Kernreaktoren könnte die Ursache für die häufigeren Krebsfälle sein.
Die Untersuchung unter der Leitung von Dr. med. Peter Kaatsch (Leiter des Deutschen Kinderkrebsregisters) sowie Prof. Dr. med.
Maria Blettner (Leiterin des Instituts für Biometrie, Epidemiologie und Informatik/IMBEI), in Begleitung eines zehnköpfigen Expertengremiums, umfasste 1 592 an Krebs erkrankte Kinder und 4 735 nicht
erkrankte Kinder unter fünf Jahren. Untersucht wurden dabei 41 Landkreise in der Umgebung der 16 Standorte der Kernkraftwerke in Deutschland (Grafik).
Angesichts der konträren Positionen in der deutschen Atompolitik kamen die Daten „wie gerufen“, um eine hitzige Diskussion und ein großes Medienecho auszulösen. „Wir haben mit der Aufregung gerechnet“, sagt Kaatsch. Aber er könne nicht oft genug betonen, dass die Studie keine Aussage zur Ursache der vermehrten Leukämiefälle mache: „Wir haben nur Daten betrachtet. Das ist reine Statistik“, so Kaatsch. „Die Häufung von Krebserkrankungen bei Kindern in der Nähe von Atommeilern kann auch zufällig sein oder Ursachen haben, die nicht direkt etwas mit den Kernkraftwerken zu tun haben.“ Genau diese Aussage wird die wissenschaftliche Welt wohl in den nächsten
Monaten oder Jahren beschäftigen.

Die KiKK-Studie im Detail
Die sogenannte KiKK-Studie (Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken) wurde ab 2003 am Deutschen Kinderkrebsregister, das am IMBEI der Universität in Mainz angesiedelt ist, durchgeführt. Finanziert wurde sie vom Bundesumweltministerium über das Bundesamt für Strahlenschutz. Dabei verglichen die Wissenschaftler die Daten von krebskranken Kindern unter fünf Jahren, die in der Umgebung von Kernkraftwerken gelebt hatten, mit denen gesunder Kinder aus denselben Regionen. Ziel war es, herauszufinden, ob die erkrankten Kinder näher an den Kraftwerken gewohnt hatten als die nicht erkrankten.
Bereits 1992 und 1997 hatte das Deutsche Kinderkrebsregister zwei Studien über Kinderkrebserkrankungen in der Umgebung von Kernkraftwerken veröffentlicht. Dabei wurden Daten von Kindern unter 15 Jahren verwendet. Eine viel diskutierte Einzelbeobachtung der ersten Studie bestand darin, dass bei Kindern unter fünf Jahren die Zahl von Leukämieerkrankungen im 5-Kilometer-Umkreis von Kernkraftwerken erhöht war. „Damals war das Ergebnis statistisch nicht auffällig“, erklärt Kaatsch.
Um dieses Ergebnis nochmals zu untersuchen und mögliche Erklärungen zu finden, wurde die KiKK-Studie initiiert, und zwar mit einem anderen methodischen Ansatz (als Fall-Kontroll-Studie) und über einen verlängerten Beobachtungszeitraum.
Die Daten der Kinder, die im Alter unter fünf Jahren an Krebs erkrankt waren und zum Zeitpunkt der Diagnose in der Nähe eines von 16 Kernkraftwerken gewohnt hatten, stammten aus dem Deutschen Kinderkrebsregister (1 592 Fälle). In den früheren Studien war der Zeitraum von 1980 bis 1995 abgedeckt worden, in die KiKK-Studie wurden zusätzlich die Jahre 1996 bis 2003 einbezogen. Damit waren mehr als zwei Drittel der Erkrankungsfälle der neuen Untersuchung bereits in den früheren Studien enthalten.
Zu jedem Fall wurden aus derselben Region Kontrollen mit demselben Alter und Geschlecht zufällig ausgewählt (insgesamt 4 735). Für alle wurde der Abstand der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk mit einer mittleren Genauigkeit von ungefähr 25 Metern ermittelt.

Die wichtigsten Ergebnisse
In Deutschland findet man einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zu einem Kernkraftwerk und der Häufigkeit, mit der Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an Krebs – und besonders an Leukämie – erkranken: Diese Kinder lebten im Durchschnitt näher an den Kernkraftwerken als die zufällig ausgewählten Kontrollkinder. Wie groß ist dieses Risiko?
Für den untersuchten Zeitraum von 1980 bis 2003 wurde für das Wohnen innerhalb einer 5-Kilometer-Zone um eines der 16 Kernkraftwerke insgesamt ein „attributables“ Risiko von etwa 0,2 Prozent errechnet. Das heißt, in dieser
Zeit wären 29 der in Deutschland aufgetretenen 13 373 Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren dem Wohnen innerhalb der 5-Kilometer-Zone um ein Kernkraftwerk zuzuschreiben – „vorausgesetzt, die Modellannahmen, auf denen unsere Berechnungen basieren, sind richtig und es besteht ein ursächlicher Zusammenhang. Das wären 1,2 Fälle pro Jahr“, so Blettner.
Für die Untergruppe „Leukämie“ errechneten die Mainzer Wissenschaftler ein „attributables“ Risiko von etwa 0,3 Prozent. Dazu Blettner: „Das wären 20 der 5 893 Leukämieerkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren in Deutschland in der betreffenden Zeit und damit 0,8 Fälle pro Jahr.“ Der für die gesamten Krebserkrankungen beobachtete Effekt komme daher im Wesentlichen durch die Erhöhung des Risikos bei der relativ großen Gruppe der Leukämien zustande. Aber die Wissenschaftler schränken ein: „Diese Risikoschätzungen sind allerdings wegen der zugrunde liegenden kleinen Fallzahlen mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet.“
„Die Ergebnisse überraschen uns einerseits, weil aufgrund des allgemeinen strahlenbiologischen Kenntnisstandes die von uns festgestellte Erhöhung des Krebsrisikos bei Kindern nicht erklärbar ist und auch keine anderen möglichen Ursachen bekannt sind“, äußert Blettner gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Andererseits waren die Ergebnisse insofern zu erwarten, als in die neue Studie zu etwa zwei Dritteln erkrankte Kinder eingegangen sind, die schon in unseren früheren Untersuchungen verwendet wurden und Anlass für die Durchführung der jetzigen Studie waren.“
Leider erlaube die KiKK-Studie keine Aussage darüber, wodurch sich die beobachtete Erhöhung der Anzahl von Kinderkrebsfällen in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke erklären ließen. Denkbar wäre, dass bis jetzt noch unbekannte Faktoren beteiligt seien oder dass es sich um einen Zufall handele.

Vergleich zur natürlichen Strahlenexposition
Dass eine erhöhte Strahlung di-rekt vom Atomkraftwerk ausgeht, schließt Blettner im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt als Ursache aus. Die ehemalige Vorsitzende der deutschen Strahlenschutzkommission erklärt: „Wenn Sie in den Bergen wandern, sich die Zähne röntgen lassen oder im Flugzeug fliegen, sind Sie einer höheren Strahlenbelastung ausgesetzt als nahe einem Atomkraftwerk.“
Als Grenzwert für die Belastung durch radioaktive Strahlung in
der Umgebung von kerntechnischen Anlagen in Deutschland gelten
0,3 Millisievert (mSv) pro Jahr. Die tatsächlichen Belastungen liegen weit darunter. So schätzt man, dass eine Person, deren Wohnsitz sich in fünf Kilometer Entfernung von einem Kernkraftwerk befindet, einer Belastung zwischen 0,0000019 mSv und 0,0003200 mSv Strahlung in der Luft ausgesetzt ist. 1
Die jährliche natürliche Strahlenexposition in Deutschland beträgt etwa 1,4 mSv. Demgegenüber ist die Strahlenbelastung in der Nähe deutscher Kernkraftwerke folglich um den Faktor 1 000 bis 100 000 niedriger. Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand lässt sich also die erhöhte Anzahl der Kinderkrebserkrankungen in der Umgebung von Kernkraftwerken nicht durch die davon ausgehende radioaktive Strahlung erklären.
„Vielen dürfte bekannt sein, dass in der Nähe des Kernkraftwerks Krümmel eine unerwartet große Anzahl von Kindern an Leukämie erkrankte. Man könnte daher vermuten, dass sich der beobachtete Effekt in unserer Studie vielleicht auf diese Fälle zurückführen lässt“, sagt Blettner. „Diese Erkrankungen haben das Ergebnis unserer Studie in der Tat beeinflusst. Aber auch ohne sie findet man noch eine Erhöhung des Erkrankungsrisikos.“
Ähnliche Studien mit vergleichbaren Modellansätzen zeigen Häufungen von kindlichen Leukämiefällen beispielsweise auch an Standorten ohne kerntechnische Anlagen, teilt das Deutsche Atomforum e.V. in einer Presseerklärung mit.

Andere Ursachen und ein fiktives Beispiel
Auch Heinz-Peter Butz von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln sieht einen Zusammenhang keineswegs als erwiesen an. „Niemand kann diese Leukämiefälle direkt auf die Strahlung zurückführen“, sagt er. Die Ursachensuche werde dadurch erschwert, dass statistische Analysen gerade bei der Auswirkung von Strahlung sehr kompliziert sind. Um statistisch korrekt vorzugehen, müsste der Umkreis von fünf Kilometern um die deutschen Kernkraftwerke mit genau gleichen Regionen ohne Atomanlagen verglichen werden. Solche Regionen gibt es aber nicht.
Die Problematik verdeutlicht ein fiktives Beispiel. Es könnte passieren, dass Menschen in der Umgebung eines Kernkraftwerks aus Angst um ihre Gesundheit mehr Milch trinken als Personen in einer ähnlichen Gegend ohne Atomanlagen. Würde die Milch vor Leukämieerkrankung schützen, wären ohne Milchgenuss mehr Krebsfälle zu erwarten.
Andererseits könnte die Milch auch radioaktives Cäsium enthalten, wenn sie etwa aus Gebieten importiert würde, die von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl betroffen waren. Die Strahlung aus der Milch könnte dann Leukämie auslösen und die Häufung der Krebsfälle erklären.
Fakt ist aber, dass die Strahlung in der Umgebung der deutschen Kernkraftwerke dramatisch höher sein müsste, als es die im genannten Zeitraum gemessenen Werte tatsächlich waren, um die von der Studie festgestellte Verdopplung der Leukämiezahlen erklären zu können.
Nach Ansicht von Studienleiter Kaatsch könnten zum Beispiel auch Pestizide verantwortlich sein, da Atomkraftwerke wegen des hohen Flächenbedarfs meist in ländlichen Gebieten angesiedelt seien, in denen mehr Landwirtschaft betrieben werde. „Kernkraftwerke erzeugen Strom, in der Umgebung gibt es
viele Hochspannungsleitungen. Möglicherweise sind auch elektromagnetische Felder eine Ursache“, sagt Kaatsch.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat nun die Strahlenschutzkommission mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt. Sobald die Ergebnisse vorlägen, werde über das weitere Vorgehen entschieden, so der SPD-Politiker.
Für den Arzt Reinhold Thiel, Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative, eine Regionalgruppe der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW, ist die Sachlage hingegen eindeutig: „Wer angesichts dieser aktuellen Ergebnisse noch von Zufall spricht, der macht sich lächerlich. Nicht die KiKK-Studie muss überprüft werden, sondern die derzeit gültigen Strahlenschutz-Grenzwerte.“ Darüber hinaus fordert Thiel auch weitergehende Untersuchungen bei Erwachsenen. Es sei inzwischen weitgehend unstrittig, dass es für die gesundheitlichen Auswirkungen von Radioaktivität keinen Schwellenwert gebe.

Erfahrungen im Ausland
Englische Forscher untersuchen seit Langem die Häufung von Leukämiefällen im Dorf Seascale nahe der britischen Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoffe in Sellafield. Dort waren zwischen 1954 und 2001 insgesamt 21 Kinder an Blutkrebs erkrankt. Das Wissenschaftler-Gremium Comare, das die britische Regierung berät, fand auch in der Nähe anderer kerntechnischer Anlagen ähnliche Auffälligkeiten: um Dounreay in Schottland, wo ebenfalls Brennelemente verarbeitet wurden, sowie in Aldermaston in der Nähe von Reading, wo Atomwaffen gefertigt werden. Dennoch erklären auch die britischen Forscher, sie könnten keine konkreten Ursachen für die besondere Häufung der Krebsfälle rund um die Atomanlagen benennen.
In der Nähe der französischen Wiederaufbereitungsanlage in La Hague haben Forscher ebenfalls bei jenen Kindern eine erhöhte Leukämierate festgestellt, die weniger als zehn Kilometer von der Anlage entfernt wohnten. Andere Wissenschaftler wollen erkannt haben, dass die Betroffenen und ihre Familien mehr Zeit am Strand verbracht und mehr Fisch und Meeresfrüchte gegessen hätten; die deutsche Strahlenschutz-Kommission hat diese Ergebnisse jedoch wegen methodischer Mängel zurückgewiesen.
Ähnliche Studien gibt es aus den USA, aus Kanada, Japan und Spanien. Wissenschaftler im US-amerikanischen Charleston haben sie vor Kurzem zusammengefasst. Demnach könnte die Gefahr, an Leukämie zu erkranken, für Kinder bis zum Alter von neun Jahren in der Nähe von Nuklearanlagen um 21 bis 25 Prozent erhöht sein. Ihr Mortalitätsrisiko sei um fünf bis sechs Prozent erhöht. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
1.
Kaatsch P, Spix C, Schulze-Rath R, Schmiedel S, Blettner M: Leukaemia in young children living in the vicinity of German nuclear power plants. Int J Cancer (2007), doi:10.1002/ijc.23330. MEDLINE
2.
Spix C, Schmiedel S, Kaatsch P, Schulze-Rath R, Blettner M: Case-Control Study on Childhood Cancer in the Vicinity of Nuclear Power Plants in Germany 1980–2003. Eur J Cancer (2007), doi :10.1016/j.ejca.2007.10.024.2007.
1. Kaatsch P, Spix C, Schulze-Rath R, Schmiedel S, Blettner M: Leukaemia in young children living in the vicinity of German nuclear power plants. Int J Cancer (2007), doi:10.1002/ijc.23330. MEDLINE
2. Spix C, Schmiedel S, Kaatsch P, Schulze-Rath R, Blettner M: Case-Control Study on Childhood Cancer in the Vicinity of Nuclear Power Plants in Germany 1980–2003. Eur J Cancer (2007), doi :10.1016/j.ejca.2007.10.024.2007.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige