ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Qualitätsberichte 2006: Wo bleibt die Sinnoptimierung?

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Qualitätsberichte 2006: Wo bleibt die Sinnoptimierung?

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): A-3467 / B-3049 / C-2946

Krause, Tom

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Glosse
Die Regisseure von „Qualitätsbericht 2004 – Zahlenodyssee im Krankenhaus“ haben jetzt „Qualitätsbericht 2.0 – 2006“ abgedreht, Untertitel: „XML-Outbreak – tödliche Gefahr durch den Killerdatensatz“. Einige logische Fehler aus dem 2004er-Film, wie beispielsweise die nicht nachvollziehbare Berechnung der Verweildauern, und ermüdende Längen, wie die litaneihafte Aufzählung des mitwirkenden Personals, wurden beseitigt. Leider haben die Drehbuchautoren auch in der Fortsetzung geschlampt. Mitwirkende Ärzte und das Pflegepersonal sollten diesmal gut strukturiert nach Fachabteilungen aufgeführt werden, was jedoch bei interdisziplinär arbeitenden Stationen zu kreativer Buchführung führte. Kernziel bei der Erstellung von „Qualitätsbericht 2.0“ war ein hoher Grad an Standardisierung, und so war schnell klar: Ein datenbankbasiertes suchmaschinenoptimiertes XML-Produkt in der 5-Megabyte-Klasse sollte es sein. Für die Suchmaschinenoptimierung wurden den Akteuren sogar diverse Auswahllisten zur Verfügung gestellt, besser wäre jedoch eine Sinnoptimierung der Listen selbst gewesen. So fragt sich der Geriater: Was ist eine geriatrische Erkrankung? Es fragt sich die Pflegedienstleitung, warum Altenpfleger unter „spezielles therapeutisches Personal“ aufzuführen sind und ob diese trotzdem dem Stellenschlüssel hinzugerechnet werden müssen, und es fragt sich Flipper, warum bei den Therapieformen die Delfintherapie vergessen wurde, wenn doch Fury seine Hippotherapie bekommen hat. Gefährlich dürfte es sein, an neuralgischen Stellen wie „Schmerzmanagement“ kein Kreuz gesetzt zu haben. Denn wer von der Konkurrenz macht da kein Häkchen? Ob da kompetente Anästhesisten oder nur der Ouzo und das Beißholz den Schmerz managen, musste nicht belegt werden. Wer sich dem Diktat der Auswahllisten nicht beugen wollte, der hatte auch die Möglichkeit, das System zu unterwandern und fast sämtliche Angaben unter „Sonstige“ als Freitext laufen zu lassen, etwa eine Ambulanz für Iris-Diagnostik und Aura-Fotografie. So viel Freiheitsgrade wurden der Wissenschaft nicht zugestanden; die Sequenz über Forschung und Lehre wurde von den Drehbuchautoren auf 2 600 Zeichen begrenzt. Das hat den Unikliniken wahrscheinlich richtig viel Spaß gemacht. Die Dreharbeiten waren ungleich schwieriger als vor zwei Jahren. Der Premierentermin wurde mehrfach verschoben, weil lange Zeit unstrukturierte Gedanken über strukturierte Dialoge herrschten. Wir wissen jedoch nicht, wer die BQS-Zahlen in der dargestellten Form wirklich begreifen soll, und empfehlen dem Hamburger Publikum eher den www.hamburger-kran
kenhausspiegel.de. Zu allem Überfluss erlitt das von der Deutschen Krankenhausgesellschaft angebotene kostenlose Erfassungstool IPQ mehrfach einen überlastungsbedingten Filmriss und sperrte die Protagonisten aus. Wir freuen uns jetzt schon auf Qualitätsbericht 3.0 – 2008 („Was Sie über deutsche Krankenhäuser gar nicht wissen wollen“). Dieser Streifen besteht aus den besten Szenen der in den Krankenhäusern durch die BQS heimlich installierten Webcams – mehr Transparenz geht nicht!
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