ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Tapisserien im Schloss Mannheim: Verloren und wieder entdeckt

KULTUR

Tapisserien im Schloss Mannheim: Verloren und wieder entdeckt

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): A-3495 / B-3076 / C-2973

Bischoff, Helmuth

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Fotos: Helmuth Bischoff
Fotos: Helmuth Bischoff
Ein flämischer Maler, ein Straßburger Fürstbischof und bleibende Rätsel

Im März 2007 wurde nach mehrjähriger und millionenschwerer Renovierung das Corps de Logis des Mannheimer Residenzschlosses wieder eröffnet. Mit dem Bau dieser an Versailles orientierten Flügelanlage hatte 1720 ein neues Kapitel fürstlicher Selbstdarstellung in der Kurpfalz begonnen. Kurfürst Karl Philipp verlegte damals seine Residenz von Heidelberg nach Mannheim. Das Heidelberger Schloss, am Berg gelegen und eher einer Burg ähnlich, sollte durch ein prunkvolles Bauwerk ersetzt werden, das sich in die Ebene erstreckte. 1760 vollendete Kurfürst Carl Theodor das Mannheimer Schloss, das mit seinen 400 Räumen zu den größten Barockanlagen Europas zählt.
Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entschloss man sich 1947 zum Wiederaufbau. Die Universität darf seither die Flügel nutzen, das zentrale Corps de Logis blieb Repräsentationszwecken vorbehalten. Die jetzt vollendete Restaurierung schließt den Ausbau der Universitätsbibliothek ebenso ein wie den eines Museums. Im Zentrum dessen, was jetzt wieder zu bestaunen ist, stehen die großen Tapisserien.
Um den ursprünglichen Erwerb, den Verlust, den Zukauf und die teilweise Wiedergewinnung dieser Tapisserien rankt sich eine Vielzahl von Geschichten. Wo zum Beispiel sind die 139 Tapisserien aus dem Bestand des Mannheimer Schlosses im Jahr 1775? Sind sie 1778 mit Kurfürst Carl Theodor komplett nach München umgezogen? Der Kurfürst soll aus dem Mannheimer Schloss ja alles in seine neue Residenz mitgenommen haben, was nicht niet- und nagelfest war. Warum aber blieben dann sechs Wandteppiche mit Motiven des flämischen Landschaftsmalers David Teniers in Mannheim zurück? Und warum galten diese Schätze sowie Käufe von Gobelins zu Beginn des 19. Jahrhunderts später als verschollen, um 1995 großteils als Besitz des Markgrafen von Baden bei einer Auktion von Sotheby’s wieder aufzutauchen?
Wie dem auch sei, ein ansehnlicher Teil der alten Pracht ist jetzt ins Mannheimer Schloss zurückgekehrt. Im kaiserlichen Vorzimmer zeigen sich mit den Landschaftsmotiven des flämischen Malers Teniers die vier am längsten mit dem Mannheimer Schloss verbundenen Tapisserien. Ein Inventareintrag aus dem Jahr 1746 spricht zwar von sechs Tapisserien nach Teniers. Eine Befunduntersuchung erklärt aber, dass die Tapisserien zerschnitten und zu heute vier Teppichen zusammengesetzt wurden.
Nach der Auflösung der Kurpfalz und der Übernahme des Mannheimer Schlosses durch die Markgrafen von Baden im Jahr 1803 standen diese vor der Aufgabe, die Ausstattung des Schlosses zu ergänzen beziehungsweise neu zu organisieren. Dabei waren auch wieder Tapisserien gefragt. Die entsprechende Gelegenheit zum Ankauf bot im gleichen Jahr eine Nachlassversteigerung des Straßburger Fürstbischofs und Kardinals Ludwig René Edouard Prinz von Rohan-Guémené (1734–1803). Carl Friedrich von Baden ließ zwölf Tapisserien erwerben: die „Jason und Medea“-Serie mit sieben Motiven dieser Sage, die Neu-Indien Folge (Einheimische, exotische Früchte, Tiere, exotische Pflanzen) und den „Einzug des Markus Antonius in Ephesus“. All diese Stücke hatte die Manufaktur des französischen Königs gefertigt. Das Land Baden-Württemberg hat all diese Werke jetzt für das Mannheimer Schloss zurückgewinnen können.
Helmuth Bischoff
Weitere Informationen: www.schloss-mannheim.de

Blüte in der Frührenaissance

Als Tapisserien (griechisch tapis, Teppich) werden vor allem Bildteppiche bezeichnet, die seit Ende des Mittelalters in Europa angefertigt wurden. Der häufig benutzte Name „Gobelin“ entstand erst im 17. Jahrhundert, als die königliche Manufaktur in Paris auf dem Gelände einer Färberei angesiedelt wurde, die den Familiennamen Gobelin trug. In der Frührenaissance begann die Blütezeit der Tapisseriekunst, die ihre oft Wand füllenden Stücke zu einem Hauptbestandteil höfischer Repräsentation machte. Im 19. Jahrhundert verlor diese Form des Wandschmucks an Bedeutung.
Die älteren Wandteppiche besaßen eine Kette (passives Fadensystem, unsichtbar) aus Leinen. Dann ging man zu Wolle als Kettenmaterial über. Als Schussmaterial (aktives, Motiv bildendes Fadensystem) wurden Wolle und Seide verwendet, dies mit Rücksicht auf ihre unterschiedliche Lichtbrechung. So nahm man für Schattenpartien und dunkle Erdflächen Wolle, für Himmel und Gegenstände im Sonnenlicht hingegen Seide. Bei besonders wertvollen Partien wurden auch Gold- und Silberfäden eingesetzt.
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