ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Das neue Berufsbild des Spitalfacharztes in der Schweiz: Mehr Kontinuität und Qualität in der Patientenbetreuung

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Das neue Berufsbild des Spitalfacharztes in der Schweiz: Mehr Kontinuität und Qualität in der Patientenbetreuung

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): A-3503 / B-3087 / C-2979

Hützen, Kathrin

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Der Spitalfacharzt wird als selbstständig arbeitender Arzt auf Stationsebene oder im Konsiliardienst eingesetzt.

Zufriedene Patienten: In einer Umfrage wird die medizinische Betreuung als wesentlich besser eingestuft. Fotos: privat
Zufriedene Patienten: In einer Umfrage wird die medizinische Betreuung als wesentlich besser eingestuft. Fotos: privat
Nach dem Erwerb des Facharzttitels – sei es in einem operativen oder konservativen Fach – muss sich der Arzt in der Regel entscheiden, ob er eine Karriere in der Klinik anstrebt oder den Weg in die Selbstständigkeit wählt. Beide Optionen haben ihre Tücken. Eine klinische Laufbahn ist durch fehlende Oberarztstellen limitiert, viele attraktive Gebiete sind für die Niederlassung gesperrt.
In der Schweiz gibt es seit 2003 eine sehr interessante Alternative auch für deutsche Fachärzte: die Tätigkeit als Spitalfacharzt. Dabei ist dieser neue Arzttyp weder mit einem Assistenz- noch mit einem Oberarzt gleichzusetzen. Er wird als selbstständig arbeitender Arzt auf Stationsebene oder im Konsiliardienst eingesetzt. Sein hohe Qualifikation gewährleistet eine Kontinuität in der Patientenbetreuung. Ferner ist er ein konstanter Ansprechpartner für die zuweisenden Haus- und Fachärzte, die Pflegekräfte sowie den Chefarzt. Ein angemessenes Einkommen – dieses orientiert sich am Verdienst eines Hausarztes – und eine reglementierte Arbeitszeit von 42 Wochenstunden (für Assistenzärzte liegt sie bei 50 Wochenstunden) machen die Tätigkeit als Spitalfacharzt attraktiv.
In der chirurgischen Abteilung des Kantonsspitals St. Gallen, ein Krankenhaus der Maximalversorgung, werden seit der Einführung dieses neuen Stellenprofils zunehmend Stellen mit Spitalfachärzten besetzt. Ich selbst bin seit über einem Jahr als Spitalfachärztin angestellt. Nach dem Facharzt für Chirurgie und Erlangung der Schwerpunktbezeichnung Unfallchirurgie folgten zunächst eine Tätigkeit in einer Praxis als auch einige Jahre in einem medizinfernen Beruf, bevor die Entscheidung zum Wiedereinstieg fiel. Hier zeigten sich auch die Vorteile des Spitalfacharztes: Der Einsatz außerhalb des Operationssaals ermöglicht Wiedereinsteigern oder Frauen/Männern mit Kindern eine Fortführung ihrer Tätigkeit in einem großen Krankenhausbetrieb. In der Regel sind keine Nachtdienste und nur vereinzelt Wochenenddienste zu absolvieren, sodass bei der geregelten Arbeitszeit genügend Zeit für die Familie bleibt.
Kontinuität und Qualität in der Patientenversorgung
Ich werde, wie meine Kolleginnen aus Österreich und Deutschland, in der Versorgung von Patienten während des stationären Verlaufs eingesetzt. Auf den chirurgischen Stationen sind in der Regel 25 bis 30 Patienten zu betreuen. Die tägliche Visite dauert zwischen zwei und drei Stunden. Es folgen Dokumentation, Patientengespräche und Operationsaufklärungen. Ebenso werden mehrmals wöchentlich Tumorpatienten im Rahmen von interdisziplinären Konferenzen vorgestellt und deren Fälle besprochen. Neben der täglichen Arbeit gibt es viele Möglichkeiten, sich fortzubilden. Jeder Spitalfacharzt hat Anspruch auf Fortbildungstage. Nahezu täglich ist Gelegenheit, an internen oder externen Fortbildungen von anderen Kliniken des Spitals teilzunehmen. Hierdurch wird ein Umstieg auf neue Aufgaben, sei es in der Klinik oder in einer Praxis, deutlich erleichtert. 1
In der chirurgischen Abteilung des Kantonsspitals St. Gallen werden zunehmend Stellen mit Spitalfachärzten besetzt.
In der chirurgischen Abteilung des Kantonsspitals St. Gallen werden zunehmend Stellen mit Spitalfachärzten besetzt.
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Für den Klinikbetrieb hat sich in den Jahren seit der Einführung des Spitalfacharztes eine messbare Verbesserung der Patientenversorgung gezeigt. In einer MECON-Umfrage, einer Patientenumfrage zur Qualität der ärztlichen und pflegerischen Versorgung an neun Spitälern in der Schweiz und in Österreich, wurde die medizinische Betreuung als wesentlich besser eingestuft. Demnach besteht eine Kontinuität und Qualität in der Patientenbetreuung, die in einem normalen Klinikalltag, in dem die Betreuung der Patienten überwiegend durch Assistenzärzte unterschiedlichsten Ausbildungsgrads erfolgt, nicht gewährleistet werden kann.
Die Spitäler in der Schweiz finden seit einigen Jahren nur mit Mühe geeignete Assistenzärzte. Nach Auffassung der Autorin könnte ein Teil der Stellen genauso gut mit Spitalfachärzten besetzt werden. Durch Umwandlung eines Teils von Assistenzstellen in Spitalfacharztstellen ist sowohl eine Verbesserung der
Patientenbetreuung als auch der Weiterbildung der Facharztanwärter möglich. Denn der potenzielle Facharztanwärter kann sich dann auf seine Weiterbildungsinhalte und die oft erforderliche wissenschaftliche Tätigkeit konzentrieren. Durch Verminderung der Weiterbildungsstellen würde der sonst an Kliniken zu beobachtende Konkurrenzdruck, zum Beispiel in Bezug auf den Operationskatalog, reduziert. Durch die präsenten Spitalfachärzte haben die chirurgischen Weiterbildungsassistenten jederzeit einen kompetenten Ansprechpartner bei der täglichen Arbeit.
Somit stellt das neue Berufsbild des Spitalfacharztes neben den Vorteilen für die Kliniken eine gute Alternative für Fachärzte verschiedener Fachrichtungen dar, die sicherlich auch in deutschen Krankenhäusern neben den neuen attraktiven Arbeitsmöglichkeiten zu einer deutlichen Verbesserung der Patientenversorgung führen würde.
Dr. med. Kathrin Hützen
Klinik für Chirurgie, Kantonsspital St. Gallen
E-Mail: kathrin.huetzen@kssg.ch

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