ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2007Von schräg unten: Neues Jahr

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Neues Jahr

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): [104]

Böhmeke, Thomas

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Der Himmel hat diesen stahlblauen Ton wie die aseptische Vermummung im Herzkatheterlabor, ab und zu tänzeln zarte Schneeflöckchen von ihm herab gleich ausfallenden Kristallen in nicht kompatiblen Medikamentenlösungen. Ein neues Jahr bahnt sich seinen Weg wie der Gallenstein durch den Ductus Wirsungianus, aber nicht so schmerzhaft wie ebendieser. Grund genug, innezuhalten und über das Zukünftige zu reflektieren. Was wird alles auf mich zukommen? Werde ich demnächst von einem staatlich gelenkten Medizinischen Versorgungszentrum inhaliert werden? Als Arzt Nr. 08/15 in einem vorgestanzten Schichtdienst Patienten behandeln, die nicht mehr Lieschen Müller, sondern L2D2 heißen? Deren Erkrankungen nicht mehr so plakative Namen tragen wie Angina pectoris oder Mycosis fungoides, sondern I20.8? Denen ich keine ärztliche Anteilnahme, keine Empathie mehr zukommen lasse, sondern ICPM 1-275.0? Langsam kriege ich R10.4, also Bauchschmerzen. Ob ich vielleicht besagten Gallenstein, pardon K80 habe? Oder hat mir die Zukunft auf den Magen geschlagen, K29.5? H53.8, das heißt, mein trüber Blick fällt auf meinen Schreibtisch, überlastet mit aufgestauten Papieren. Hier blafft mich die Qualitätssicherung an: Sorgen Sie gefälligst dafür, dass Sie Ihre Lizenz wieder erneuern, damit Sie weiter als Niedergelassener malochen können. Dort kläfft ein anderes Papier, ich müsse schleunigst den 50-seitigen Strukturvertrag für integrierte Vorsorgungsformen durchlesen, damit ich endlich mal Bescheid weiß, wie ich in Zukunft mit den Krankenhäusern zusammenarbeiten soll. Darunter mosert das Versorgungsamt, es habe noch nicht alle Schwerbehinderungen beisammen.
Mist. Ich glaube, auch dieses Jahr wird es aus dem Plätzchenbacken nichts. Aber dafür geben mir diese
zeternden Papierberge wenigstens das Gefühl, demnächst nicht als Arzt Nr. 08/15 arbeiten zu müssen.
In diesem Sinne wünsche ich allen Kolleginnen und Kollegen ein wunderschönes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr. Dafür gibt es übrigens keine Ziffer. Auch das gilt es zu feiern.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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