ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 5/2007Qualitätsmanagement: Check-up für den Praxiserfolg

SUPPLEMENT: PRAXiS

Qualitätsmanagement: Check-up für den Praxiserfolg

Dtsch Arztebl 2007; 104(50): [14]

Spehr, Dietmar

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Durch Qualitätsmanagement offenbaren sich Schwachstellen und Optimierungspotenziale im Praxisalltag.

Seit 2004 müssen die niedergelassenen Ärzte ein Qualitätsmanagement (QM) nachweisen. Niedrigere Kosten im Gesundheitswesen und eine bessere Vergleichbarkeit der Mediziner nach wissenschaftlichen Standards sind das Ziel. Viele Ärzte sind davon gar nicht begeistert – eine Schikane des Gesetzgebers, lautet deren Meinung. Doch nachdem mehr und mehr Praxen wohl oder übel eine QM-Lösung implementieren mussten, macht sich die Erkenntnis breit, dass damit auch positive Nebeneffekte verbunden sind.
Denn im Grunde genommen geht es um die gleichen Probleme wie in einer industriellen Produktionsstätte: Wie lassen sich bei nachprüfbarer Qualität Kosten senken und Erlöse steigern? Qualitätsmanagement ist – richtig eingesetzt – dann zugleich auch das Fundament für erfolgreiches Praxismanagement. Es versteht sich von selbst, dass dabei QM in der Arztpraxis immer eine andere Rolle einnehmen wird als in der Fabrik – es geht schließlich um Menschen.
Das Diagnostisch Therapeutische Zentrum setzt hochkomplexe Technologie zur Krebsdiagnostik ein. Foto: DTZ/Berlin
Das Diagnostisch Therapeutische Zentrum setzt hochkomplexe Technologie zur Krebsdiagnostik ein. Foto: DTZ/Berlin
Ein effektives Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen muss zwei Bereiche abdecken: einerseits die medizinische, andererseits die betriebswirtschaftliche Komponente. Wer QM nur einführt, um der lästigen Verpflichtung nachzukommen, bringt sich um die Chance, die Abläufe in der Praxis zu optimieren und strukturiert die Zukunft der eigenen Praxis zu gestalten. Bei einer ,richtigen‘ Analyse im Rahmen eines QM macht der Arzt einen Check-up seiner Praxis und entwickelt daraus die notwendigen Maßnahmen. Auf diese Weise wird QM zum individuellen Controllinginstrument. Der Arzt kann schon im Vorfeld eingreifen – der entscheidende Schritt vom Reagieren zum Agieren.
Dies funktioniert allerdings nur mit einer guten Auswertung sämtlicher Vorgänge, die die Praxis betreffen. Der Verantwortliche sieht dann, in welchen Bereichen er sich aus wirtschaftlicher Sicht verstärkt engagieren sollte und wo Einsparungspotenzial liegt. Fachärzte entdecken beispielsweise Möglichkeiten zur Kooperation mit anderen Spezialisten, und Hausärzte finden heraus, wie sie ihre Erlöse steigern können. Beispiele sind Selbstzahlerleistungen und Vorsorgeuntersuchungen, die die Krankenkassen nicht übernehmen, oder der Aufbau einer Privatsprechstunde.
Häufig gibt es beim Qualitätsmanagement gerade in Gemeinschaftspraxen Überraschungen: Weil im Alltag alles irgendwie funktioniert, glaubt jeder Beteiligte, dass es problemlos läuft – ein fataler Zirkelschluss. Denn bei genauer Betrachtung gibt es bei der täglichen Routine oft wenig einheitliche Verfahrensweisen. Hier bringt ein einheitlicher Standard Vorteile für alle Beteiligten. Durch QM werden zudem Einarbeitungszeiten neuer Mitarbeiter verkürzt, viele Rückfragen entfallen.
Vorteile durch Standards
Was für die medizinische Praxis gilt, betrifft auch die betriebswirtschaftliche Komponente. So haben beim gemeinsamen Einkauf und der Finanzierung nur wenige Arztpraxen entsprechende Standards. Im Hinblick darauf beantwortet ein QM häufig gestellte Fragen, wie etwa die, ob ein Gerät gemietet, gekauft oder geleast werden soll.
Auf das Thema QM und Zertifizierung haben sich die Ärzteverbände sowie die klassischen Finanzpartner der Ärzte bereits gut eingestellt: Die MLP Finanzdienstleistungen AG etwa, die in Deutschland jeden dritten niedergelassenen Arzt betreut, empfiehlt ihren Mitgliedern die QM-Lösung PUQ („Patienten- und Unternehmerorientiertes Qualitätsmanagementsystem“). Grundlage der Lösung ist das „Basistool Prozessmanagement“ (Dr. Starke Managementsysteme GmbH) mit einer professionellen QM-Plattform. Das Programm, das inzwischen mehrere Ärzteverbände einsetzen, dient dazu, Prozesse grafisch zu modellieren und Abläufe zu analysieren. So sieht der Anwender, an welchen Stellen der Istzustand verbesserungswürdig ist. In dem System sind bereits im „Rohzustand“ mehr als 90 Prozent der Abläufe einer Arztpraxis abgebildet. Der Arzt kann sie für seine Dokumentation übernehmen oder ändern. Wer täglich eine Stunde seiner Arbeitszeit für das QM investiert, ist in rund zwei Monaten so weit, dass er sich – falls gewünscht – zertifizieren lassen kann. Wo es in der Arztpraxis „hakt“, ist dagegen sofort sichtbar.
Freiwilliges Zertifikat
Mit einem Zertifikat kann die Praxis nach außen dokumentieren, dass sie sich über ihre internen Arbeitsprozesse Gedanken gemacht hat und bemüht ist, hohe Qualitätsstandards umzusetzen und einzuhalten.
Mit einem Zertifikat kann die Praxis nach außen dokumentieren, dass sie sich über ihre internen Arbeitsprozesse Gedanken gemacht hat und bemüht ist, hohe Qualitätsstandards umzusetzen und einzuhalten.
Der Schritt vom Qualitätsmanagement zur freiwilligen Zertifizierung ist mithilfe entsprechender Programme nicht mehr weit. Das Besondere am PUQ-System ist, dass es verschiedene QM-Standards anbietet. So kann der Arzt QM zum Beispiel nach DIN ISO, QEP (Standard der Kassenärztlichen Vereinigung) oder EFQM (europäisches Managementsystem für Qualitätsmanagement) umsetzen.
Wie QM in der Praxis aussehen kann, zeigt das Diagnostisch Therapeutische Zentrum am Frankfurter Tor in Berlin: Prozessoptimierung zur Kostensenkung lautet dort das Motto. Das Zentrum setzt als eines von fünf Zentren den Siemens biograph 64 ein, ein Hybridsystem, dass neue Technologie aus der Positronenemissionstomografie (PET) mit dem schnellen Computertomografen (CT) (dem 64-Schicht-CT-System Somatom Sensation 64) kombiniert. Ein solches PET/CT-System erweitert das Potenzial der Krebsdiagnostik, indem es die PET- und die CT-Bilder überlagert und die Informationen präzise zuordnet. Wer derartige Technik nutzt, muss Qualitätsmanagement auf hohem Niveau betreiben. „In der Nuklearmedizin sind die Ansprüche naturgemäß höher als etwa bei der Behandlung eines Fußpilzes“, erklärt Bernd Zimontkowski, der für das Qualitätsmanagement verantwortlich ist. „Es geht bei unserer QM-Arbeit deshalb auch weniger um Vorschriften und Verfahren, die ohnehin Standard sind, sondern um organisatorische Fragen und das Praxismanagement“, so Zimontkowski. Bei der Zertifizierung spiele es deshalb eine große Rolle, mit dem Zertifikat nicht nur eine Auszeichnung, sondern mit dem Managementsystem selbst auch ein Instrument für kontinuierliche Verbesserungen und Messungen an die Hand zu bekommen.
Um das TÜV-Zertifikat zu erhalten, müssen sämtliche Kernprozesse in der Praxis rund um Diagnostik und Therapie, Personalführung und Administration dokumentiert werden. Hier bietet sich – bei dem auch technisch orientierten Praxisumfeld – die DIN EN ISO 9001:2000 an. Dazu sind Ablaufschemata und Flowcharts notwendig, bei denen jeder Prozessschritt mit den entsprechenden Arbeitsanweisungen hinterlegt werden kann. Basis sind die Hauptprozesse in der Praxis, die der Versorgung der Patienten dienen. Diese werden durch viele Unterstützungsprozesse ergänzt. Die Hauptprozesse lassen sich in die Komplexe Patientengewinnung, Terminmanagement, Untersuchung, Dokumentation und Abrechnung gliedern. Die Unterstützungsprozesse knüpfen jeweils daran an und reichen vom Personalmanagement über die Reinigung der Behandlungszimmer bis zur Lieferantenauswahl für Hygiene- und Büromaterial und dessen Lagerung. Jeder einzelne Schritt muss analysiert werden: Wer ist für was zuständig? Wo verlaufen Prozesse geradlinig, und wo werden Arbeitsschritte unnötig verkompliziert?
Spezielle Lösung
Zimontkowski war überzeugt davon, dass nur eine QM-Speziallösung den Anforderungen des Praxisbetriebs gerecht werden konnte. Er folgte der Empfehlung des BDN – Berufsverband der Deutschen Nuklearmediziner e.V. Dieser kooperiert beim Praxis- und Prozessmanagement mit dem Beratungshaus Dr. Starke Managementsysteme GmbH, das sich unter anderem auf den Aufbau von Managementsystemen in Einrichtungen des Gesundheitswesens spezialisiert hat und dabei mit Softwareprodukten von iGrafx arbeitet (wie „Flowcharter“, „Process“ oder „Process Central“). Die Tools helfen, Prozesse grafisch zu modellieren und bieten zusätzlich die Möglichkeit, Abläufe zu simulieren und zu analysieren, an welchen Punkten der Istzustand verbesserungswürdig ist. Sobald der optimale Prozessablauf gefunden ist, lässt er sich in Flowcharts mit den entsprechenden Verlinkungen in einem Managementhandbuch festhalten.
Dieses Handbuch ist das Kernstück der Zertifizierung nach der ISO-Norm. Da die Software auch als Client-Server-Version läuft, kann das Handbuch praktisch jedem Rechner, der in dem praxisinternen Netzwerk angeschlossen ist, online zur Verfügung gestellt werden. Der Vorteil: Es ist stets zur Hand, wenn eine Arbeitsanleitung benötigt wird. Sollten Probleme in einem Prozess auftreten, können Änderungen im Gegensatz zu einer gedruckten Alternative laufend ergänzt werden. Damit lässt sich ein fortlaufender Optimierungsprozess in Gang setzen. Gleichzeitig ermöglicht die Software die Definition von Zugriffsrechten, die der Medizinischen Fachangestellten Einblick in ihren persönlichen Aufgabenbereich erlaubt, nicht aber beispielsweise in die Abläufe der Personalverwaltung.
Bei der Umsetzung im Zentrum in Berlin half eine Prozessbibliothek, die unter Mitwirkung des BDN entwickelt wurde und in der die typischen Vorgänge einer nuklearmedizinischen und radiologischen Praxis bereits abgelegt sind. Nach anfänglicher Skepsis sind inzwischen auch die Praxismitarbeiter von dem System überzeugt. Und auch die Patienten wissen die Zertifizierung zu schätzen. „Wir haben das Zertifizierungszeugnis prominent platziert und hören oft anerkennende Worte“, so Zimontkowski. Dietmar Spehr
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema