ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2007Arznei­mittel­kommission: Kritische Distanz zur Pharmaindustrie

POLITIK

Arznei­mittel­kommission: Kritische Distanz zur Pharmaindustrie

Dtsch Arztebl 2007; 104(51-52): A-3518 / B-3099 / C-2991

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Mit einer gewissen Sorge sehen die Mitglieder der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) dem neuen Jahr entgegen. „Eine EU-Richtlinie könnte das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel aufheben“, sagte der im vergangenen Jahr neu gewählte AkdÄ-Vorsitzende, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Es gebe Bestrebungen innerhalb der Pharmaindustrie und der Europäischen Kommission, die auf einen solchen Schritt hindeuteten, berichtete der Onkologe.
Bisher ist in Europa direkte Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel außerhalb der Fachkreise verboten. Doch Mitte 2008 könnte die EU-Kommission einen Gesetzentwurf auf den Weg bringen, um dies zu ändern. Vordergründig geht es dabei um eine Verbesserung der Information von Patienten. In ihrem „draft report 2007“ habe die EU-Kommission das Patientenrecht auf Information betont und der Pharmaindustrie die Rolle des „Schlüsselinformanten“ zugesprochen, erklärte Prof. Dr. jur. Benedikt Buchner, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Medizinrecht der Universität Bremen, auf der Mitgliederversammlung der AkdÄ am 7. Dezember in Berlin. Obwohl es rechtlich schwierig sei, dem europäischen Leitbild des „mündigen Verbrauchers“ zu widersprechen, sieht auch der Jurist eine Lockerung des Werbeverbots kritisch. „Den mündigen Patienten gibt es allenfalls in Grenzen“, sagte Buchner. Für Patienten sei es sehr schwierig, Informationen rational und fehlerfrei zu verarbeiten und Medikamenten mögliche Nebenwirkungen zuzuordnen. Zudem könnten Informationen von Unternehmen nur zur Mündigkeit von Patienten beitragen, wenn sie qualitativ hochwertig, vollständig und in angemessenem Umfang präsentiert würden. Darauf sei jedoch die Marktstrategie der Pharmaunternehmen nicht ausgerichtet. „Noch ist es ein weiter Weg zum mündigen Patienten“, sagte Buchner. „Deshalb muss sich das Heilmittelwerberecht an den Tatsachen orientieren und das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel beibehalten werden.“
Ziel: Rational informieren und über Risiken aufklären
Dies fordert auch die AkdÄ. Ihr Ziel ist es generell, Ärztinnen und Ärzte unabhängig von Pharmainteressen über eine rationale Arzneimitteltherapie zu informieren und über Risiken aufzuklären. Im Rückblick auf dieses Jahr zog Ludwig eine positive Bilanz. Sowohl die drei veröffentlichten Therapieempfehlungen (zu Tumorschmerz, Kreuzschmerz und der Therapie der chronischen Herzinsuffizienz) als auch die Therapiesymposien seien bei den Ärzten auf große Resonanz gestoßen. Angenommen würden aber auch die anderen AkdÄ-Publikationen: Besonders an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte wendet sich die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „Arzneiverordnungen in der Praxis“ sowie der gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung herausgebene Flyer „Wirkstoff aktuell“. Er informiert vor allem über neu eingeführte, sehr häufig verordnete oder besonders kostenträchtige Arzneimittel. Im Jahr 2007 lagen zwölf Ausgaben dem Deutschen Ärzteblatt bei.
Großen Anteil hatte die AkdÄ auch an der Erstellung von Nationalen VersorgungsLeitlinien, den Empfehlungen für eine antivirale Therapie bei einer Influenzapandemie sowie am „Aktionsplan 2008/2009 zur Verbesserung der Arzneimit-telsicherheit in Deutschland“, den das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium jüngst der Öffentlichkeit präsentierte (DÄ, Heft 49/2007).
Einem weiteren Ziel konnte die AkdÄ in diesem Jahr gerecht werden: „Im Hinblick auf die Positionierung der AkdÄ neben dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) war es unser Anliegen, die Beratertätigkeit für den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) fortzusetzen. Dies ist uns gelungen“, erklärte Ludwig. Im August sei die entsprechende Kooperationsvereinbarung unterzeichnet worden. Seitdem erstellt die AkdÄ wieder Gutachten für den G-BA, die diesem beispielsweise als Grundlage für die Bildung von Festbetragsgruppen dienen. Intensiviert habe sich auch der Kontakt mit dem IQWiG, berichtete Ludwig. Erstmals habe sich eine Arbeitsgruppe etabliert, die die AkdÄ bei Anhörungen vertritt und konstruktive Kritik an der Arbeit des Instituts leistet.
Ein weiterer Tätigkeitsschwerpunkt der AkdÄ ist nach wie vor die Pharmakovigilanz. Ein neues System soll das Melden von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) künftig vereinfachen. „UAW-Verdachtsberichte können jetzt direkt in die Datenbank eingegeben werden. Elektronisch werden sie dann an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gesendet“, berichtete Ludwig. Auch UAW-Berichte von Patienten könnten jetzt aufgenommen werden, wenn diese ein Arzt bestätigt habe. Verstärken will die AkdÄ im kommenden Jahr ihre Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. UAW im Kindes- und Jugendalter sollen künftig gemeinsam ausgewertet werden.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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