ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2007Gesundheitswesen: Qualität gibt es nicht zum Nulltarif

POLITIK: Kommentar

Gesundheitswesen: Qualität gibt es nicht zum Nulltarif

Dtsch Arztebl 2007; 104(51-52): A-3521 / B-3101 / C-2994

Beske, Fritz

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Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt will den Pflegebegriff ausweiten. Bei den Vorschlägen eines von ihr beauftragten Expertengremiums zur Weiterentwicklung des Begriffs der Pflegebedürftigkeit müsse auch die Frage einer besseren Berücksichtigung von Betreuung und Zuwendung geprüft werden. Dieser Forderung ist zuzustimmen. Die Konsequenzen jedoch werden nicht diskutiert. Betreuung und Zuwendung erfordern Zeit, und Zeit muss bezahlt werden. Das Problem stellt sich im gesamten Gesundheitswesen. Wenn die Forderung nach mehr Qualität nicht nur Deklarationscharakter haben soll, müssen Taten folgen.
Qualität in Gesundheit und Pflege ist zum Schlagwort geworden. Von Krankenkassen ist zu hören, dass kein Preiswettbewerb angestrebt wird, sondern ein Wettbewerb um Qualität. Implizit wird damit anerkannt, dass Qualität nicht zum Nulltarif zu haben ist. Auf der fachlichen Ebene ist Qualität ein immanenter Bestandteil ärztlichen und pflegerischen Handelns, mit immer neuen und immer intensiveren Möglichkeiten. So wurde erst kürzlich die Forderung erhoben, in Deutschland eine Datenbank für Endoprothesen wie Hüft- und Kniegelenkprothesen einzurichten. Dies bedeutet, dass jede Endoprothese registriert und zum Beispiel in ihrer Haltbarkeit und Komplikationsrate verfolgt werden kann. Das wird bereits erfolgreich in allen skandinavischen Ländern praktiziert. Die Ergebnisse sind eindeutig: weniger Komplikationen, bessere Haltbarkeit und ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis. Letztlich können auch
Kosten gespart werden. Aber die Einrichtung eines solchen Registers erfordert zunächst
Investitionen. Und wer zahlt?
Der Vorwurf, Deutschland sei in der Qualität der Gesundheitsversorgung im internationalen Vergleich eher Mittelmaß, wenn nicht darunter, wird in jüngster Zeit seltener erhoben. Unser Institut hat 2005 in Band 104 seiner Schriftenreihe „Leistungskatalog des Gesundheitswesens im internationalen Vergleich. Eine Analyse von 14 Ländern“ nachgewiesen, dass Deutschland im Vergleich über ein hoch effizientes Gesundheitswesen verfügt, und dies insbesondere in der Relation des weltweit umfangreichsten Leistungskatalogs zu den eingesetzten Mitteln. Deutschland hat auch eine qualitativ hochwertige Versorgung. Die Rangfolge der Welt­gesund­heits­organi­sation mit einem mittelmäßigen Platz für Deutschland wurde mehrfach widerlegt. Deutschland hat außerdem die weltweit kürzesten Wartezeiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung, ein wesentliches Qualitätsmerkmal eines Gesundheitssystems. Dies dürfte in der freiberuflichen Ausgestaltung der ambulanten ärztlichen Versorgung begründet sein. Veröffentlichungen der OECD, des Forschungs- und Beratungsinstituts Health Consumer Powerhouse, des Commonwealth Fund und des Berufsverbands der Frauenärzte in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe belegen ebenfalls, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland im internationalen Vergleich eine Spitzenstellung einnimmt.
Es ist schon bemerkenswert, dass Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf dem Parlamentarischen Abend der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung am 23. Oktober 2007 in Berlin betonte, dass der jüngste EU-Vergleich eine Spitzenposition Deutschlands in der medizinischen Versorgung belege. Allerdings wird bei derartigen Hinweisen nicht selten vergessen zu erwähnen, dass diese Qualität ihre Wurzeln in einem staatsfernen und sich selbst verwaltenden Gesundheitswesen hat, in Strukturen, die durch die jüngste Gesetzgebung mehr und mehr der Vergangenheit angehören.
In Deutschland gibt es zahlreiche Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Alle Ärzte- und Zahnärztekammern sowie alle Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen setzen einen erheblichen Teil ihres Etats für Qualität, Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle ein. Jede Fortbildungsmaßnahme dient dem medizinischen Fortschritt, aber auch der Qualität der Versorgung. Krankenhäuser führen Qualitätskontrollen durch und veröffentlichen Qualitätsberichte. Qualitätszirkel niedergelassener Ärzte dienen der Verbesserung der Versorgung. Die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung hat im Oktober ihren Qualitätsreport 2006 vorgelegt, in dem über Verbesserungen und Defizite der Behandlung in deutschen Krankenhäusern berichtet wird.
Es ist unbestritten, dass Qualität viele Vorteile bietet. Qualität erhöht die Sicherheit von Arzt und Patient, vermeidet Komplikationen und Todesfälle, erhöht die Lebensqualität und verlängert das Leben. Vorsicht ist jedoch mit der Behauptung geboten, Qualität spare Geld. Zunächst erfordert Qualität Investitionen in Aus-, Weiter- und Fortbildung. Innovative Arzneimittel können Qualität verbessern. Moderne Medizintechnik ist in der Regel sicherer und hochwertiger als ältere. Dabei ist unbestritten, dass Qualität auch Kosten sparen kann. Eine Gesamtrechnung jedoch fehlt, ist wohl auch nicht zu leisten. Die Aufrechnung von Kosten auf der einen und von Einsparungen auf der anderen Seite dürfte auch darum schwierig sein, weil ein Ziel von Qualität die Lebensverlängerung ist, und jedes Jahr an Leben erfordert ein Mehr an medizinischer Versorgung. Qualität ist Zweck und Ziel an sich. Der Slogan „Qualität spart Geld“ führt nicht weiter.
Die Forderung nach größtmöglicher Qualität in der Gesundheitsversorgung ist berechtigt. Der Patient hat Anspruch auf eine sichere, auf eine qualitativ hochwertige Versorgung. Die Erfüllung der Forderung nach Qualität setzt aber voraus, dass diejenigen, die Qualität erbringen sollen und wollen, auch in die Lage versetzt werden, dies zu tun. Dies erfordert Investitionen in Personal, in Ausstattung und in Sachmittel. Übermüdetes Personal ist weniger leistungsfähig als ausgeruhtes Personal. Für Zuwendung muss Zeit zur Verfügung stehen. Qualität erfordert Investitionen und damit Geld. Qualität kostet.

Prof. Dr. med. Fritz Beske, Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung, Kiel
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