ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2007Pflegequalität: Anerkennung
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Dem Beitrag von Birgit Hibbeler gebührt insofern Anerkennung, da er unterschiedliche Reaktionen auf den MDS-Bericht zur Pflegequalität widerspiegelt: Die einen, die die Veröffentlichung der Prüfberichte und unangekündigte Heimkontrollen fordern. Die anderen, die anmahnen, dass die öffentliche Lawine der Schelte für die Altenpflege vom Eigentlichen ablenke. Nämlich von der grundlegenden Frage, wie viel Geld in die Versorgung eines zunehmend wachsenden Anteils unserer Gesellschaft tatsächlich investiert werden darf und soll. Uns erstaunt jedoch, dass in dem Beitrag unberücksichtigt bleibt, ob der MDS-Bericht denn überhaupt ein Corpus Delicti sein kann, d. h. die Qualität der Pflege tatsächlich angemessen abbildet. Abgesehen von fragwürdiger Objektivität und zweifelhafter Reliabilität, gibt insbesondere die Relevanz der abgefragten Items zu denken. Vermeintliche Mängel der Prozessqualität werden in Versorgungsdefizite umgedeutet. Ein Beispiel: Der Prüfkatalog legt die Verwendung der Braden-Skala zur Einschätzung des Dekubitusrisikos nahe. Aus wissenschaftlicher Sicht könnte auch eine Münze geworfen werden, die Präzision der Vorhersage wäre vergleichbar. Aus einer unterlassenen Risikoeinschätzung anhand einer unzureichenden Skala wird entsprechend der MDK-Logik eine Verfehlung und im nächsten Schritt ein Versorgungsdefizit, das ein schlechtes Pflegeergebnis ausmacht. In den Medien wird daraus dann das reihenweise Wundliegen der Pflegebedürftigen. Diese Interpretation ist insbesondere absurd, da völlig unklar ist, ob die Nutzung von Skalen zu einer wirkungsvolleren Prophylaxe und damit zur Vermeidung dekubitaler Geschwüre beiträgt. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema fehlen. Nach dem tatsächlich aussagekräftigen Ergebnis sucht der Leser des Prüfberichts übrigens vergeblich: Die Anzahl der dekubitalen Geschwüre wird nicht berichtet. Ein vermeintlich positives Ergebnis wird für die Anwendung freiheitseinschränkender Maßnahmen berichtet. Hier schneiden die überprüften Einrichtungen hervorragend ab: 93,5 Prozent der Maßnahmen waren entsprechend der gesetzlichen Vorgaben legitimiert. Nicht die pflegefachliche Angemessenheit und die klinische Begründung werden hinterfragt, sondern ausschließlich die juristische Absicherung. Valide und reliable Instrumente, die die klinisch relevanten Pflegeergebnisse abbilden, bleiben zu entwickeln. Relevant bedeutet, dass
– nicht „die ausgefüllte Braden-Skala“, sondern „kein Dekubitus“ ,
– nicht „freiheitseinschränkende Maßnahmen mit Genehmigung“, sondern „keine freiheitseinschränkenden Maßnahmen“ die Kriterien sein müssen.
Weit vor der Forderung, die Prüfberichte der Einrichtungen zu veröffentlichen und die Prüfkultur zu intensivieren, muss die Entwicklung eines angemessenen Prüfkatalogs stehen. Dies ist aus unserer Sicht ein entscheidender „blinder Fleck“ in der derzeitigen Debatte.
Literatur bei den Verfassern
Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer, Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung,
Grazer Straße 4, 28359 Bremen
Dr. phil. Sascha Köpke, Universität Hamburg,
MIN-Fakultät, Martin-Luther-King-Platz 6,
20146 Hamburg
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