ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2007Pflegequalität: Aus der Sicht des MDK
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Der Ruf nach mehr Geld verbindet die Pflegebranche mit vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen . . . Tatsache ist, dass es Pflegeeinrichtungen gibt, die hier und heute eine einwandfreie Pflegequalität bieten und so beweisen, dass gute Pflege unter den jetzigen Rahmenbedingungen mit knappen Mitteln machbar ist. Diese Rahmenbedingungen setzen auch nicht, wie im Artikel behauptet wird, „falsche Anreize“ oder führen zu einer Pflege „im Minutentakt“. Die gesetzlich (nicht vom MDK!) vorgeschriebenen Pflegestufen tragen schlicht der Tatsache Rechnung, dass mit dem Grad der Pflegebedürftigkeit auch der Aufwand der Betreuung steigt. Wird ein schwerstpflegebedürftiger Bewohner der Stufe III so gut versorgt, dass er sich in begrenztem Umfang wieder selbst versorgen kann und deshalb in Pflegestufe II eingestuft, sinkt nicht nur die Geldleistung der Pflegeversicherung, sondern auch erheblich der Betreuungsaufwand für das Heim . . . Auch das Märchen vom „Minutentakt“, in dem angeblich die Pflege geleistet werden muss, wird durch ständige Wiederholung nicht wahr. Die Erfassung des Mindestpflegeaufwands in sogenannten Zeitkorridoren durch den MDK-Gutachter dient ausschließlich der Feststellung, ob und in welchem Grad Pflegebedürftigkeit als Anspruchsvoraussetzung für Leistungen aus der Pflegeversicherung vorliegt; die Pflegeeinrichtung ist selbstverständlich nicht an diese Mindestzeiten gebunden, sondern ist vielmehr gesetzlich verpflichtet, mit angemessenem Zeitaufwand so zu pflegen, dass „die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte der Pflegebedürftigen“ so wiederhergestellt oder erhalten werden, dass diese „ein möglichst selbstständiges und selbst bestimmtes Leben führen“ können, „das der Würde des Menschen entspricht“ (§ 2 Abs. 1 SGB XI). Dass hierzu allein die Leistungen der Pflegeversicherung nicht ausreichen, ist unbestritten; sie ist nur als „Teilkaskoversicherung“ konzipiert . . . Seine im Artikel kritisierte „Einstufungspraxis“ kann der MDK, selbst wenn er wollte, nicht nach Belieben ändern; sie ist ihm in engen Grenzen gesetzlich vorgegeben. Der MDK hat bei der Feststellung der Pflegestufen weder einen Ermessensspielraum noch ist er „interessengebunden“, wie der interviewte Verbandsfunktionär meint. Die Gutachter des MDK sind in keiner Weise weisungsgebunden, sondern sind vom Gesetzgeber mit ärztlicher, nur ihrem Gewissen unterworfener Unabhängigkeit ausgestattet . . . Das gilt in gleicher Weise für die Qualitätsprüfungen in den Einrichtungen (§ 112 ff. SGB XI), die vorrangig dem Schutz der Bewohner dienen und dafür sorgen, dass die Zahl der Heime mit defizitärer Pflege kontinuierlich zurückgeht. Die beabsichtigte Veröffentlichung dieser Prüfergebnisse ist zu begrüßen, weil sie die Öffentlichkeit zumindest über die Einrichtungen informiert, die schwere Qualitätsmängel zu verantworten haben . . . Nur die Einführung eines leistungsfähigen Pflegequalitätstests und die Veröffentlichung der Testergebnisse geben dem Verbraucher die Macht, Anbieter mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis zu bevorzugen und schlechte Anbieter durch Nichtbeachtung vom Markt zu verbannen . . . Wenn dann die Pflegesätze für Einrichtungen mit nachgewiesener guter Pflegequalität erhöht werden, macht auch die Forderung nach mehr Geld einen Sinn.
Dr. med. Ottilie Randzio,
Ärztliche Leiterin Ressort Pflege, MDK Bayern,
Putzbrunner Straße 73, 81739 München
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