ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2007Kinderheilkunde in Venezuela: Klinik mit Herz

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Kinderheilkunde in Venezuela: Klinik mit Herz

Dtsch Arztebl 2007; 104(51-52): A-3583 / B-3159 / C-3051

Neuber, Harald

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Entspannung vor dem Fernseher – ein junger Patient erholt sich von einer Herzoperation.
Entspannung vor dem Fernseher – ein junger Patient erholt sich von einer Herzoperation.
In der venezolanischen Hauptstadt Caracas hat vor einem Jahr das größte kinderkardiologische Krankenhaus Lateinamerikas seine Arbeit aufgenommen.

Das kinderkardiologische Hospital „Dr. Gilberto Rodríguez Ochoa“ ist kaum zu übersehen. Der immense Gebäudekomplex erstreckt sich wie ein Fremdkörper im Tal vor den Barrios der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Oben die wild gewachsenen Armensiedlungen; durcheinandergewürfelte Häuser, die über die Hänge im Westen der Stadt wuchern. Unten das strahlend weiße Krankenhaus, mit seinem Symbol an der Frontseite: einem Kind mit einem roten Luftballon in Herzform. Doch es ist nur ein optischer Widerspruch. Das Kinderkrankenhaus wurde von der venezolanischen Regierung als Teil eines umfassenden Gesundheitssystems aufgebaut, von dem vor allem die arme Bevölkerungsmehrheit profitiert.
Die im August 2006 eröffnete Klinik ist nicht nur das größte Fachkrankenhaus für Kinderkardiologie in Lateinamerika, sie ist auch ein Prestigeprojekt der venezolanischen Regierung. 231 Milliarden Bolivar, gut 80 Millionen Euro, haben allein der Bau von Gebäude und die Infrastruktur gekostet. Noch einmal 50 Milliarden Bolivar (17,5 Millionen Euro) investierte das Ministerium für Gesundheit und soziale Entwicklung in die Ausstattung. Das langfristige Arbeitsziel der rund 50 Ärzte und 300 Angestellten des Pflegepersonals liegt bei 5 000 Interventionen und 80 000 Sprechstunden im Jahr. Die Kosten trägt zu hundert Prozent der Staat.
Vor dem Bau der Dr.-Gilberto-Rodríguez-Ochoa-Klinik waren in dem südamerikanischen Land elf Krankenhäuser auf die Behandlung angeborener Herzfehler bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Pro Jahr konnten in diesen Krankenhäusern maximal 600 Eingriffe durchgeführt werden – zu wenig bei dem bestehenden Bedarf. In Venezuela haben acht von tausend Lebendgeborenen einen angeborenen Herzfehler (AHF), in Deutschland sind es statistisch gesehen 5,2 von tausend. Von den 4 500 kleinen Patienten im Jahr müssen 70 Prozent, rund 3 000, operiert werden. „Bis Anfang November wird allein unsere Klinik 1 200 Interventionen bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt haben“, sagt die Direktorin der Klinikstiftung, Dr. med. Isabel Iturria, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Die Zahl der Eingriffe hätte sich damit landesweit verdreifacht. Erreicht werde das auch durch eine enge Kooperation mit den bestehenden Kliniken. „Die Behandlung wird dort in der Regel eingeleitet, bei uns findet dann der Eingriff statt“, erläutert die engagierte Ärztin.
Am häufigsten sind auch in dem südamerikanischen Land Defekte des Vorhof- und Ventrikelseptums. „Diese Fälle können in der Regel aber von den regionalen Partnerkliniken behandelt werden“, sagt Iturria. Nach Caracas kämen überwiegend die komplizierten Krankheitsfälle: Fallot-Tetralogie zum Beipiel, Transposition der großen Arter
Fotos: Harald Neuber
Fotos: Harald Neuber
ien oder Trikuspidalatresie. Nach Angaben der Klinikleitung lag die Letalität bei den mehr als 1 200 Eingriffen bis Anfang November 2007 bei 5,5 Prozent.
In der Klinik „Dr. Gilberto Rodríguez Ochoa“ wird auf eine umfassende Betreuung Wert gelegt. Die Beratung der Kinder beziehungsweise ihrer Angehörigen sowie die Nachsorge haben einen ähnlich hohen Stellenwert wie die chirurgische Versorgung. Die Klinik ist von einem 2 500 Quadratmeter großen Park umgeben. Ein Gästehaus mit 82 Wohnungen bietet Platz für die Angehörigen; die Kosten für Unterkunft und Anreise werden von der Klinikstiftung getragen. Noch wird an dem Nebenkomplex gebaut – was regelmäßig zu Problemen führt. In der Lobby etwa beschwert sich ein Vater, dass für ihn keine Bleibe organisiert wird. In den Krankenzimmern dürfen nach der Hausregelung nur weibliche Angehörige übernachten.
Die Quartiere werden aber nicht nur für die Angehörigen benötigt. Bedarf wird vor allem in den kommenden Jahren entstehen, wenn Patienten aus anderen lateinamerikanischen Staaten behandelt werden. Präsident Hugo Chávez sieht das Projekt als Teil der „lateinamerikanischen Integration“. Als er die Arbeit der Klinik in seiner wöchentlichen Fernsehsendung „Aló, Presidente“ (Hallo, Präsident) Ende August 2006 vorstellte, schlug er gleich ein Netz
Isabel Iturria ist stolz auf die neue Kinderklinik, von der vor allem die arme Bevölkerungsmehrheit profitiert.
Isabel Iturria ist stolz auf die neue Kinderklinik, von der vor allem die arme Bevölkerungsmehrheit profitiert.
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aus „Kliniken des Südens“ vor, die allgemeinmedizinische Prävention und Behandlung ärmerer Bevölkerungsschichten über Staatsgrenzen hinweg koordinieren.
Die kinderkardiologische Klinik in Caracas ist ein erster Schritt in diese Richtung. In einem angegliederten Ausbildungszentrum sollen ständig Spezialisten geschult werden, auch aus anderen Staaten der Region. „Unser Problem in Venezuela ist auch, dass wir an verschiedenen Fronten kämpfen müssen“, sagt Iturria. Parallel zur Versorgung der Patienten bilde man die künftigen Mitarbeiter aus; 200 Studierende verschiedener Fachrichtungen sind es derzeit; Pflege-, medizinisches und technisches Personal. Dieser Bereich sei wichtig, „weil wir anderen Staaten der Region keine spezialisierten Kollegen abwerben wollen“, so Iturria. Im Gegenteil: Zu dem Team gehörten auch zwei junge Ärzte aus Honduras, die eine Weiterbildung zum Kinderkardiologen absolvieren. „In Honduras gibt es derzeit drei Kinderkardiologen“, sagt die Präsidentin der Krankenhausstiftung, einer gehe bald in Rente. „Wenn die beiden Kollegen zurückkehren, werden wir die Anzahl der Kinderkardiologen in diesem zentralamerikanischen Land verdoppelt haben.“
Harald Neuber

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