ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2007Glosse: Alle Jahre wieder...

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Glosse: Alle Jahre wieder...

Dtsch Arztebl 2007; 104(51-52): A-3584 / B-3160 / C-3052

Feld, Michael

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LNSLNS Petra ist sauer. Die angehende Gyn-Fachärztin hat bei der vorweihnachtlichen Auslosung des Kollegiums einen Zettel mit dem Zeichen „W“ gezogen. Doch sie hat nicht etwa beim Wichteln Schwester Waltraud erwischt oder eine walnussfarbene Wannenmatte gewonnen. Nein, sie gehört damit zur beliebten Weihnachtsgruppe, jenen 50 Prozent der Assistentenschaft, die in den mehr als 2 000 Krankenhäusern alle Jahre wieder X-Mas gegen X-Ray tauschen müssen, Tanne gegen T-Welle, Kerze gegen Kataplexie und Gänsekeule gegen Geburt. O du fröhliche . . . Die andere Hälfte Feiertagsbereitschaftler kümmert sich dann eine Woche später um die Böllerbeschädigten, Bleigießenverbrannten und Besoffskis der Silvesternacht, während sich alle anderen zur vollen Stund’ schaumweinend in die Arme fallen. Fröhlich soll mein Herze springen . . . Einen Vom-Himmel-hoch-da-komm-ich-her-Raketenfehlschläger aus einer kaukasischen Kornea zu friemeln, ist – wahrlich, ich sage euch – auch nicht viel besser, als an Jesus’ Geburtstag eine Heerschar von Erdankömmlingen zu entbinden. Ihr Kinderlein kommet . . .
Nun hat das rentierhafte Verbeißen einiger posthippokratischer Knechte Ruprechts in die wabbeligen Waden der europäischen Arbeitszeitrichtlinien-Nikoläuse vor einigen Jahren dazu geführt, dass nun keine Rock-around-the-clock-Dienste mehr geschoben werden müssen, die ein ständiges Leise-rieselt-der-Schnee-Gefühl auf den immermüden Lidern der Kolleg(inn)en erzeugten. Dafür haben Petra und ihre Mitstreiter(innen) jetzt entweder sieben Tage Früh-Spät-Nacht oder sieben Tage Spät-Nacht-Früh, ohne eine stille Nacht – und ohne Zusatzkohle. Vorbei ist’s mit Extra-Flocken. Ein Kling-Glöckchen- Klingelingeling gibts nur noch dauerhaft an der Ambulanztür. Die schneestürmigen Geister, die wir dereinst riefen, nahmen uns mit den penetrant gesundheitsschädlichen 24-Stunden-Diensten leider auch die pekuniär gesundheitsfördernden 24-Stunden-Deputate weg.
Doch es gibt am Jahresende auch Freudiges zu berichten, zumindest für die Klinikgeschäftsführer. Mal abgesehen davon, dass die Namen sämtlicher Schlipsträger seit einigen Jahren auf dem Eingangsschild jeder Klinik an erster Stelle prangern (danach der Pflegedienstleiter und dann – ein paar Schriftgrößen kleiner – der alphabetisch erste Chefarzt), klappte es dieses Jahr doch mit dem innerhäuslichen Stellenabbau ganz gut. Da haben es sich die Hospital-CEOs, QM-Beauftragten, DRG-Codierer und
Case-Manager als neue Klinikketten-Karrieristen doch weihnachtlich-redlich verdient, sich an den christlichen Feiertagen flugs auf die vom Privatkonzern angemieteten Skihütten zu verziehen. Da brennen dann nicht nur am Weihnachtsbaume die Lichter. Und zu später Stund’ stehen die wahren Helden der Häuser dann hüttenrückseitig an der Krippe, grölen ein Lasst-uns-froh-und-munter-sein und urinieren freudig verklärt die Corporate-Identity-Symbole ihrer Konzerne in den weißen Schnee der heiligen Berge.
Petra hilft in dieser Nacht der Nächte ohne Speis und Trank und Schotter im Schweiße ihres Angesichts drei gesunden strammen Jungen auf die Geld-regiert-die-Welt: einen per Glocke, einen per Not-Sectio, einen per se.
Kaspar, Melchior und Balthasar, eingehüllt in Käseschmiere aus Weihrauch, Gold und Myrrhe. Alle Jahre wieder . . .
Dr. med. Michael Feld
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