SUPPLEMENT: Reisemagazin

Englands Süden: Unterwegs mit Jane Austen

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): [9]

Gerst, Thomas

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Wirkung und Wirklichkeit: Ob Drehort für einen ihrer Romane oder tatsächlicher Schauplatz ihrer Lebensgeschichte – ein Besuch in den südlichen Grafschaften lohnt sich allemal.

Die Kustodin von Mompesson House in Salisbury schwelgt noch immer in Erinnerungen an das Jahr 1995. Damals diente das nahe der Kathedrale gelegene Stadthaus, dessen Architektur als „beau ideal“ des frühen 18. Jahrhunderts gilt, als Kulisse für die Dreharbeiten zu „Sense und Sensibility“ (Sinn und Sinnlichkeit). Zur Verfilmung des 1811 erschienenen Romans von Jane Austen (1775–1817) fiel die Hollywood-Prominenz in die Kleinstadt in der englischen Grafschaft Wiltshire ein. Oh ja, die gerade 19-jährige Kate Winslet, in der – später Oscar-nominierten – Rolle der Marianne Dashwood, sei entzückend gewesen. Ang Lee, der Regisseur, habe sich regelmäßig zu Meditationsübungen in den Garten zurückgezogen. Und Alan Rickman als Colonel Brandon – nun, der habe nicht nur ihr Herz schneller schlagen lassen.
Ob Jane Austen jemals in Salisbury war, ist nicht auszuschließen – schließlich verbrachte sie fast ihr ganzes Leben in der benachbarten Grafschaft Hampshire. Ein Besuch in der geschichtsträchtigen Stadt und der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, die zum Teil auch als Kulissen für Jane-Austen-Verfilmungen dienten, lohnt sich allemal. Das gilt auch für Mompesson House, das – anders als viele ländliche Herrensitze im Süden Englands – keinen Luxus ostentativ zur Schau stellt und mit seinen stilsicher restaurierten und eingerichteten Räumen eher zu einem beschaulichen Aufenthalt als zu einem raschen Durchhasten einlädt.
Wenige Schritte entfernt befindet sich mit der Kathedrale die größte Sehenswürdigkeit von Salisbury. Dieses prachtvolle Bauwerk der frühen englischen Gotik wirkt umso eindrucksvoller, als es nicht, wie etwa der Kölner Dom, ringsherum einbetoniert, sondern großzügig von Rasenflächen umgeben ist – ein Merkmal, das vielen zentralen Kirchenbauten im Süden Englands eigen ist. Der Grundstein für die Kathedrale wurde 1220 gelegt, als man die ursprüngliche Siedlung (Old Sarum) von einem nahe gelegenenen Hügel an den Zusammenfluss von Avon und Wiley in die Ebene verlegte. Nach 38 Jahren war das Bauwerk fertiggestellt, 1265 war die überaus kunstvoll verzierte Westfassade vollendet. Lediglich der Turm der Kathedrale, mit 123 Metern der höchste Englands, wurde erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts nachträglich auf das Kirchenschiff aufgesetzt, was statische Probleme und Stützmaßnahmen im Innern nach sich zog. Sehenswert sind der an die Kathedrale angrenzende Kreuzgang und der Kapitelsaal. In dem Saal ist eine der vier erhaltenen Ausfertigungen der Magna Charta aus dem Jahr 1217 mit dem königlichen Siegel ausgestellt. Mit der Urkunde wird königliches Handeln den Gesetzen unterworfen, wenn es zum Beispiel heißt: „No free man shall be taken or imprisoned or deprived or outlawed or exiled or in any way ruined . . . except by the lawful judgement of his peers or by the law of the land.“
Wer auf der vom Tourismusverbund „Southern English Cities“ empfohlenen Route im Süden Englands auf die Spurensuche nach Jane Austen geht, dem kann es leicht passieren, dass sich für ihn die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Einige Meilen nordwestlich von Salisbury liegt Stourhead, eines der schönsten Beispiele für die seit Mitte des 18. Jahrhunderts vorherrschende Landschaftsgärtnerei. Um einen künstlich aufgestauten See herum ist ein Park angelegt. Ein Rundweg bietet immer wieder neue Ausblicke auf den See, die Parkanlagen und deren Bauten, wobei der Besucher das Gefühl hat, auf ein sorgfältig arrangiertes Landschaftsgemälde zu schauen, ja selbst Bestandteil einer solchen Inszenierung zu werden. In der Verfilmung von „Pride und Prejudice“ (Stolz und Vorurteil) aus dem Jahr 2005 lehnte hier Keira Knightley in der Rolle der Elizabeth Bennet den ersten Heiratsantrag von Mr. Darcy ab. Als prächtige Innenkulisse für dieselbe Austen-Verfilmung diente das nahe Salisbury gelegene Wilton House, das seit mehr als vier Jahrhunderten im Besitz der Earls of Pembroke ist. Bei der Besichtigung bekommt man ein Gefühl dafür, welche enorme Wertschöpfung die „Globalisierung“ im 18. Jahrhundert vor allem im Süden Englands herbeigeführt hat.
Wer es etwas rummeliger mag, mit Kindern reist und auf Jane Austen verzichten kann, ist mit dem wenige Meilen nördlich gelegenen Longleat bestens bedient. Um das Geld für den Erhalt seines prächtigen Herrensitzes aufzubringen, legte der Lord of Bath in den 60er-Jahren auf seinem weitläufigen Besitztum einen Safaripark an – damals sehr zum Unwillen seiner englischen Standesgenossen. Mittlerweile hat sich Longleat mit einer Vielzahl weiterer Attraktionen zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt und auch in Adelskreisen Nachahmer gefunden. Was man am ersten Tag nicht schafft, kann man mit der einmal gelösten Eintrittskarte an einem zweiten Tag zu Ende führen.
Mompesson House in Salisbury: geschmackvolle Kulisse einer gelungenen Verfilmung von „Sinn und Sinnlichkeit“. Foto: dpa
Mompesson House in Salisbury: geschmackvolle Kulisse einer gelungenen Verfilmung von „Sinn und Sinnlichkeit“. Foto: dpa
Als beeindruckende Zeugnisse der Megalith-Kultur kann man unweit von Salisbury die Steinkreise von Stonehenge besichtigen. Während Sicherungsmaßnahmen hier nur den Blick aus der Distanz zulassen und ein sinnliches Erleben dieser Stätte kaum mehr möglich machen, kann man in Avebury, nördlich der Salisbury Plain gelegen, noch an dem recht gut erhaltenen Steinoval entlangschreiten, das mitten durch einen kleinen Ort verläuft.
Ach so – Jane Austen: Wir sind ein wenig vom Weg abgekommen. So stolz man immer wieder auf die Kulissen ihrer Romanverfilmungen hinweisen mag, ihr Geburtshaus in Steventon in Hampshire, in dem sie von 1775 bis 1801 lebte und in dem „Pride und Prejudice“ und „Sense und Sensibility“ entstanden, existiert nicht mehr. In Bath, wo sie bis 1806 wohnte, soll sie die unglücklichste Zeit ihres Lebens verbracht haben – ein Umstand, der den Englandreisenden heute nicht daran hindern sollte, dieses Weltkulturerbe zu besuchen. Einmalig gut erhalten ist die Architektur des 18. Jahrhunderts, als die Stadt florierte und sie der angesagte Kur- und Badeort Englands war.
Nach dem Tod ihres Vaters zog Jane mit Mutter und Schwester wieder zurück nach Hampshire. Nach einem längeren Aufenthalt in Southampton bei ihrem Bruder Frank ging es 1809 weiter nach Chawton, wo ihnen Janes Bruder Edward ein Haus zur Verfügung gestellt hatte. Dieses Haus ist zu einem liebevoll eingerichteten Jane-Austen-Museum umfunktioniert worden – mit zahlreichen Originaleinrichtungsgegenständen und -schriftstücken. Dort fühlte sich Jane Austen sehr wohl, überarbeitete ihre beiden ersten Romane und schrieb „Mansfield Park“, „Emma“ und „Persuasion“. Der Ausbruch einer schweren Erkrankung hinderte sie 1816 daran, ihre Arbeit an einem weiteren Roman fortzuführen. Im Mai 1817 brach Jane Austen mit ihrer Schwester Cassandra ins nahe gelegene Winchester auf, wo sie auf ärztliche Hilfe hofften. Diese vermochte jedoch nichts mehr auszurichten; am 18. Juli 1817 starb Jane Austen in ihrer letzten Bleibe in der College Street Nr. 8. Begraben liegt sie in der Kathedrale von Winchester, der Text auf ihrem Grabstein enthält keinen Hinweis auf ihre schriftstellerische Tätigkeit.
Wer immer noch nicht genug davon hat, den Spuren von Jane Austen zu folgen, kann sich in Richtung Kent aufmachen, wo die Schriftstellerin bei der Familie ihres Bruders in Godmersham Park nahe Canterbury zu Gast war. Auf dem Weg dahin passiert man Brighton, und vielleicht sollte man hier die Romane von Jane Austen vorübergehend beiseitelegen und sich dem Lebensgefühl dieser jungen, lebendigen Großstadt an der Kanalküste überlassen. Brighton, zu Jane Austens Zeit ein modischer Kur- und Badeort, hat den depressiven Charme heruntergekommener Vergnügungsstätten für das britische Proletariat mittlerweile abgelegt und präsentiert sich heute mit einer fast makellosen Seaside-Front, vielen attraktiven Geschäften, Restaurants und einer lebendigen Kunst- und Musikszene.
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Wer mag, kann auch hier in die Geschichte abtauchen und den Royal Pavilion besichtigen – ein zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Auftrag des damaligen Prinzregenten und späteren Königs George IV. errichtetes, wahrhaft schrilles Bauwerk. Äußerlich ähnelt es einem indischen Mogulpalast, im Innern scheinen der europäischen Fantasie von chinesischer Kultur keine Grenzen gesetzt.
Nicht zuletzt aufgrund der Romanverfilmungen der letzten Jahre ist Jane Austen in England sehr populär. Nun hat sich Hollywood auch noch ihrer Biografie angenommen. „Becoming Jane“ war kürzlich in den deutschen Kinos zu sehen – mit der wunderschönen Anne Hathaway in der Titelrolle, die so gar nicht dem einzig überlieferten Bild der Romanautorin entspricht. In den Andenkenläden findet man bereits Austen-Devotionalien, bei denen man das von ihrer Schwester gezeichnete Porträt den heutigen Schönheitsvorstellungen angepasst hat; Hollywood prägt die weitere Überlieferung. Thomas Gerst

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