SUPPLEMENT: Reisemagazin

Norwegen: Fjorde im Dämmerlicht

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): [16]

Seger, Gabriele

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LNSLNS Mit dem Postschiff von Bodø nach Kirkenes

Es ist dunkel in Norwegen. Jedenfalls die meiste Zeit des Tages. Pünktlich um 15 Uhr verlässt die MS Trollfjord den Hafen von Bodø – in stockfinsterer Nacht. Nur die Geschäftigkeit auf den Straßen und die vielen Lichter in den Häusern erinnern daran, dass erst Nachmittag ist. Von November bis Januar geht hier die Sonne kaum auf. Norwegen fällt in die Winterruhe, so scheint es. Doch die Schiffe der Hurtigrutenflotte setzen ihren täglichen Liniendienst entlang der norwegischen Küste von Bergen nach Kirkenes unbeirrt fort. Sie laden Fracht und befördern Passagiere, viele davon als Urlauber. Die kommen nach Norwegen, um die einzigartige Landschaft zu bestaunen – auch im Winter. Dann wollen sie die Stimmung der Polarnacht einfangen und das Nordlicht sehen. Mit seinen Erlebnisreisen hat sich der Reiseveranstalter auf diese Nachfrage eingestellt. Entspannende Stunden auf dem Panoramadeck wechseln mit abenteuerlichen Ausflügen an Land.
Das erste Naturspektakel erwartet die Passagiere kurz nach Mitternacht. Einen Becher Glühwein in der Hand, beobachten sie draußen auf Deck neun mit angehaltenem Atem, wie der Kapitän das Schiff in den Fjord führt, dem es seinen Namen verdankt: den extrem schmalen Trollfjord. Der zwei Kilometer lange Seitenarm des Raftsunds ist stellenweise nur 100 Meter breit, das Wendemanöver erfordert Zentimeterarbeit. Ein Abstecher in den Trollfjord lohnt auch im Dunkeln, denn das Licht der Schiffslampen fällt auf die zum Greifen nahen Felswände.
Vom Vollmond beleuchtet: Mit dem Motorschlitten am Langfjord. Foto: Lutz Stickeln
Vom Vollmond beleuchtet: Mit dem Motorschlitten am Langfjord. Foto: Lutz Stickeln
Als das Hurtigrutenschiff am nächsten Tag den Hafen von Tromsø erreicht, ist es bereits wieder finster – um 14.30 Uhr. Rund 25 Kilometer von der Universitätsstadt entfernt, im „Villmarkssenter“, warten dennoch 140 alaskische Huskys auf ihren Einsatz für eine Schlittenfahrt. Freudiges Hundegebell begrüßt die Ankömmlinge. Die Einheimischen nehmen die andauernde Dunkelheit gelassen. „Es sind ja nur zwei Monate“, meint Tore Albrigtsen, „und so dunkel ist es nicht, wenn Schnee liegt. Außerdem gibt es im Winter das Nordlicht. Und im Sommer hat man dafür die Mittsommernacht, dann ist es 24 Stunden am Tag hell.“ Die tobenden Kinder draußen im Jakuzi, die von den dick eingepackten Touristen bestaunt werden, scheinen ihm recht zu geben.
Entspannung an Deck der MS Trollfjord. Fotos: Hurtigruten
Entspannung an Deck der MS Trollfjord. Fotos: Hurtigruten
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Gemeinsam mit Tove Sørensen leitet Albrigsten die Station mit eigener Hundezucht. Die beiden sind in Norwegen nicht unbekannt. Mit ihren Huskys haben sie schon einige Male am „Iditarod“ in Alaska teilgenommen. Gespanne mit 15 Hunden gehen bei diesem internationalen Rennen an den Start, mit mindestens zehn müssen sie im Ziel ankommen. „Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter“, lehrt Albrigsten. „Man kann einen Hund nicht zum Rennen zwingen. Wenn er keine Lust mehr hat zu laufen, muss man ihn austauschen.“ Bei den Spazierfahrten durch die weite Winterlandschaft um Tromsø geht es gemächlicher zu, und die Hurtigrutenausflügler haben sogar die Möglichkeit, auch selbst einmal den Hundeschlitten zu führen.
Wieder an Bord lockt der Whirlpool auf dem Außendeck. Das Wasser dampft, und Schneeflocken fallen von einem nachtblauen Sternenhimmel. Die MS Trollfjord setzt ihre Reise fort. Früh am Morgen passiert das Schiff den Polarkreis. Die Überquerung der 66° 34' nördlichen Breite wird mit der Polartaufe gefeiert – eine Zeremonie nur für Hartgesottene. Neptun selbst schüttet dem Mutigen eine große Kelle Eiswasser in den Hemdkragen. Spätestens jetzt ist ein Saunabesuch angesagt.
Um 11.45 Uhr läuft die MS Trollfjord in Honnigsvag ein. Hier bleiben exakt dreieinhalb Stunden Zeit für den Besuch am Nordkap. Die Hurtigrutenschiffe warten nicht auf zu spät zurückkehrende Passagiere.Von Honnigsvag aus bringt ein Bus die Landgänger an den vermeintlich nördlichsten Punkt Europas. Denn dieser liegt geografisch genau genommen nicht am Nordkap, sondern etwas westlicher am Kap Knivskellodden. Während der Fahrt durch die kahle Landschaft berichtet Anne Signe Jenssen vom Leben der Samen hier in der dünn besiedelten Provinz Finnmark, und sie erzählt von störrischen Rentieren, die im Sommer manchmal eine Straße blockieren, und kaum zu bewegen sind, sie wieder freizugeben. „Dann hilft nur eins“, meint die Reiseleiterin, „ein Lied singen“, und trällert munter los. Heute ist jedoch nicht mit Rentieren auf der Fahrbahn zu rechnen. Stattdessen fährt ein Schneepflug voraus und räumt den Weg für den Bus frei. Bei der Ankunft ist der Himmel pechschwarz. Heftiges Schneetreiben hat eingesetzt und schmälert die Aussicht auf ein scharfes Foto vom Nordkapglobus. Das 1978 errichtete Monument ist bei jedem Wetter ein begehrtes Motiv. Von den Schieferfelsen, die immerhin 307 m hoch aus dem Eismeer ragen, ist nicht viel zu sehen. Erst ein Film im Panoramakino in der Nordkaphalle gibt eine Vorstellung davon, wie beeindruckend dieser Landstrich zu verschiedenen Jahreszeiten aussieht – bei Tageslicht. In der Nordkaphalle befindet sich auch das nördlichste Postamt der Welt. Die Karten, die von dort verschickt werden, erhalten den begehrten Nordkapstempel: 71° 10' 21''.
Auf dem letzten Stück der Postschiffreise herrscht hoher Seegang. Bisher hielten die Felsen der zerklüfteten Küste die Wellen zurück. Jetzt ist das Schiff dem offenen Meer ausgeliefert. Es schaukelt kräftig hin und her. Noch tagelang wird die Passagiere ein leichtes Seemannsschwanken begleiten.
Am Nordkapglobus: Hoffnung auf ein scharfes Foto
Am Nordkapglobus: Hoffnung auf ein scharfes Foto
Am Morgen erreicht die MS Trollfjord die Endstation der Nordroute: Kirkenes. Von hier sind es nur 10 km bis zur russischen Grenze. Die Wetterlage ist günstig für eine Motorschlittentour: Der Himmel wirkt beinahe blau, die Luft ist glasklar, es herrschen minus sechs Grad. Vollmond wird heute den Weg beleuchten. Der Ausflug führt durch den neun Kilometer langen Langfjord. Hans Hatle von „Barents Safari“ hat am Vormittag die Dicke des Eises geprüft und für ausreichend befunden. 15 Zentimeter misst die Schicht und liegt damit über der vorgeschriebenen Mindestdicke von zehn Zentimetern. Trotzdem soll die Truppe in einer Reihe hinter ihm herfahren und nicht von der Fahrspur abweichen, denn an anderen Stellen könnte das Eis zu dünn sein. Zunächst setzen sich die Schlitten langsam in Bewegung, dann, immer schneller, saust die schneebedeckte Landschaft vorbei. Eisiger Wind schlägt bei 80 Stundenkilometern in die Gesichter, aber der Spaß, der darin zu lesen ist, vertreibt die Kälte. Die Motorschlitten sind leicht zu bedienen: Bremsen und Gasgeben sind die wichtigsten Handgriffe. „Die älteste Frau, die im letzten Jahr dabei war und selbst einen Motorschlitten steuerte, war 83 und der älteste Mann sogar 93“, erzählt Hatle beim anschließenden Tee am offenen Feuer in einem Samenzelt.
Die MS Trollfjord hat indessen bereits gewendet, um erneut die 1 250 Seemeilen Richtung Süden zurückzulegen, bis nach Bergen. Gabriele Seger


Informationen:

Hundeschlittenstation: Villmarkssenter Tromsø, www.villmarkssenter.no
Motorschlittentouren: Barents Safari Kirkenes, www.barentsafari.no
Literatur: Michael Möbius, Annette Ster: Hurtigruten – Mit dem Postschiff
entlang der norwegischen Küste. Köln: Dumont 2005
Auskünfte: Hurtigruten GmbH, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg,
Telefon 0 40/37 69 30, Fax: 0 40/3 61 77, Internet: www.hurtigruten.de

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