SUPPLEMENT: Reisemagazin

Burj al Arab in Dubai: Requiem für George

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): [27]

Sobik, Helge

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Foto: Jumeirah Group/Burj Al Arab
Foto: Jumeirah Group/Burj Al Arab
Viel Gold, zahlreiche Bodyguards und eine Leiche im „luxuriösesten Hotel der Welt“

George ist gestorben. Einfach so. Niemand hat gesehen, wie es geschah. Eines Morgens haben sie ihn gefunden: tot in seinem Siebensternequartier. Mehr als ein halbes Jahrzehnt lang war er ununterbrochen ihr Gast, hat kostenfrei in einem der teuersten Hotels der Welt gewohnt, wo jedes Zimmer eine Suite ist, über zwei Etagen reicht und in der kleinsten Variante 170 Quadratmeter misst. George war seit der Eröffnung im „Burj al Arab“ in Dubai zu Hause, schaute schillernden Milliardären und schüchternen Tombola-Hauptgewinnern hinterher. George hat Clinton und Mandela, Scharen von saudischen Prinzen, Sportler und Popgrößen aus der Nähe erlebt. Feinde hatte er keine. Alle haben ihn gemocht, und wer ihn kannte, ist traurig über sein überraschendes Ableben. Einer der Hotelangestellten musste in das Dauerquartier klettern, im Taucheranzug neben den Rolltreppen in der Lobby ins Wasser gleiten und unter den Augen vieler Zeugen diesseits der zehn Zentimeter dicken Panoramascheibe Georges Leichnam mit einem großen Kescher aus seinem Becken bergen und den Zackenbarsch mit der feinen Musterung der Schuppen und dem violetten Glanz zur letzten Ruhe in den Arabischen Golf gleiten lassen.
Sieben Mitarbeiter sind allein dafür eingestellt, sich um die Aquarien im Burj al Arab zu kümmern – um die beiden 5,20 Meter hohen Panoramabecken links und rechts neben den Rolltreppen in der Lobby und um das zylindrische Riesenaquarium in der Mitte des Unterwasserrestaurants Al Mahara im Tiefgeschoss. George war ihr Liebling, weil er der Größte und der Schönste war. Weil er diesen sympathischen Augenausdruck hatte und irgendwann anfing, aus der Hand zu fressen. Gleichzeitig haben sie den Namen gemocht, ohne sich so recht zu erinnern, warum es dieser und nicht Charles oder Jim oder Bill wurde. Schnell haben sie sich Trost gesucht: Jetzt heißt der zweitgrößte, zweitschönste, zweitsympathischste Fisch im 2 550-köpfigen hauseigenen Unterwasser-Ensemble George, als könnte der Ehrentitel nun am ehesten von einem eilig nachnominierten Kronprinzen geführt werden.
Die Fische sind lebendes Inventar des Burj al Arab, des „Turms der Araber“, der vor inzwischen mehr als einem halben Jahrzehnt als Luxushotel eröffnet und zuvor in Rekordbauzeit auf einer künstlichen Insel im Persischen Golf 280 Meter vor der Küste von Umm Suqeim im Emirat Dubai errichtet wurde.
So viele Menschen das Opernhaus von Sydney sofort wiedererkennen – so wenige haben dort eine Inszenierung erlebt. Mit Dubais Wahrzeichen ist es nicht anders: So viele das Burj al Arab mit der markanten Form eines geblähten Segels auf Anhieb richtig zuordnen, so wenige haben das Gebäude je betreten. Die Hürde ist hoch: Um die 850 Euro „Eintritt“ kostet das Haus pro Nacht – in der Nebensaison.
Den Architekten dieses Turms kennt in Dubai kaum jemand namentlich. Tom Wright zeichnet für den Entwurf verantwortlich und geriet in den breiten Schatten desjenigen, der die Vision eines solchen Bauwerks hatte – Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktoum, der sogar über eine eigene Internet-Website mit einem mehrsprachigen vorgefertigten E-Mail-Formular für „Danksagungen an Seine Hoheit“ verfügt.
Der Mann ist inoffiziell so etwas wie Vorstandschef von Dubai Incorporated, Herrscher dieses Emirats. Stammgast im Burj al Arab ist er auch – und ihm gehört die Hotelkette, die das Haus als „das luxuriöseste Hotel der Welt“, als das einzige mit sieben Sternen bewirbt. Mit Sicherheit ist auch er im Vorbeigehen oft George begegnet, wenn er mit seinem Gefolge aus Bodyguards per Express-Fahrstuhl nonstop in den 27. Stock rauschte, um dort in der Skyview-Bar seinen geliebten Erdbeershake zu trinken.
Die Eingangshalle des „Turm der Araber“: Die Architektur ist futuristisch, die Inneneinrichtung Geschmackssache. Foto: dpa
Die Eingangshalle des „Turm der Araber“: Die Architektur ist futuristisch, die Inneneinrichtung Geschmackssache. Foto: dpa
Die futuristische Architektur erwies sich als zeitlos, das Design als Kulturen übergreifendes Faszinosum – die Inneneinrichtung mit ihren bunten Farben und grellen Kontrasten, mit viele Quadratmeter großen goldumrandeten Spiegeln über den Betten und naiven Wandmalereien im Halbrund um die Whirlpools der Bäder dagegen als Geschmackssache.
Aber auch wer mehr Sterne hat, als die Skala hergibt, muss den Überblick über seine Besitztümer behalten: So wie die Fische abgezählt sind, so kleben unter den Möbeln jeder Suite Strichcode-Zettelchen oder rote Marken mit laufenden Inventarnummern, unter goldlackierten Stühlen wie unter plüschigen roten Sesseln, unterm Schreibtisch wie an den Stehlampen.
George wohnte nicht ganz so schön. Er musste ohne Vorhänge auskommen, ohne Privatsphäre. Sein Zuhause war für jeden jederzeit einsehbar, aber das Licht konnte man dimmen. Er musste es nicht selbst tun. Seine Mitarbeiter aus dem Aquarienteam erledigten es für ihn.
Auf jeder Wohnetage im Burj al Arab gibt es ein Zimmer, in dem hellblaugraue Auslegeware statt flauschiger Hochflorteppichboden verklebt ist, die Wände weiß sind, der einzige Spiegel im Bad keinen Goldrand hat und das Bett aus der Schnäppchenbeilage eines Versandhauskatalogs stammen könnte. Es sind die Leibwächterzimmer, die Nachtquartiere mitreisender Bodyguards. Menschen mit Schutzbedürfnis buchen die Pritsche für ihre Beschützer, die ihnen nah sein und doch in einer anderen Welt bleiben sollen. In ihrem Dekor sind diese Zimmer genauso austauschbar wie in europäischen Dreisternestadtrandhotels – wären da nicht dieselben wohlverpackten Annehmlichkeiten auf der Badezimmerablage wie in den Suiten: ein Holzkamm mit eingeprägtem Burj-al- Arab-Logo in Gold, Wattestäbchen in einer Logo-Schachtel und die Edelseife mit dem Hotelerkennungszeichen.
Markante Form eines geblähten Segels. Foto: picture alliance/Sven Simon
Markante Form eines geblähten Segels. Foto: picture alliance/Sven Simon
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George hatte auch Bodyguards – vier kleinere Fische, die sich stets in seiner Nähe aufhielten, als wollten sie ihn beschützen. Oder als sonnten sie sich an seiner Schönheit und darin, plötzlich auch ins Blickfeld der Flaneure auf der anderen Seite der Panoramascheibe zu geraten. Vor dem Tod bewahrt hat es ihn nicht. Die vier sind noch da und umschwimmen jetzt andere Fische, als hätten sie nie etwas anderes getan.
Im Burj al Arab lautet das Credo aller Mitarbeiter vom Tag der Eröffnung an unverändert „Niemals Nein sagen.“ Kein Wunsch, so die Philosophie des Hotels, ist so abgedreht, dass er hier nicht erfüllt werden könnte, keine Idee eines Gastes so ausgefallen, dass nicht alles für ihre Realisierung getan würde. Ein Tennismatch auf der Hubschrauberlandeplattform im 28. Stock mehr als 200 Meter hoch über den sanften Wellen des Golfs? Kein Problem, hat es bereits gegeben – zwischen André Agassi und Roger Federer. Dem Hotel brachte das viel Publicity, denn der windige Spaß wurde einzig aus PR-Gründen inszeniert, und die Fotos dieses außergewöhnlichen Events gingen um die Welt. Ein Whirlpoolbad in Aromaöl zwischen Tausenden von Rosenblütenblättern, dazu eine Flasche gut gekühlten Taittinger Brut am Beckenrand? Kommt häufig vor, ist Standardprogramm. Ein Rolls-Royce-Transfer zur Kamelrennbahn oder zum Flughafen? Ebenfalls in Minuten arrangiert, denn das Hotel verfügt genau für solche Fälle über eine Flotte aus 14 schneeweißen Limousinen der Baureihe „Phantom“. Ein Wunsch, der innerhalb der letzten sechs Jahre mit bedauerndem Kopfschütteln beschieden werden musste? Der Concierge, die Butler, die Chauffeure, selbst die Pressesprecherin – keiner hat im Gedächtnis, dass so etwas schon mal vorgekommen wäre, niemand weiß ein Beispiel. Nur die Aquariumsleute erinnern sich mit Schrecken: „Einmal, da hat ein Gast im Unterwasserrestaurant Al Mahara bei der Bestellung ,den da‘ gesagt und auf George gedeutet, der seinerzeit arglos seine Kreise im zylindrischen Riesenaquarium zog und freundlich schaute. ,In Butter gebraten bitte.‘“ Er bedauere, habe der Kellner antworten müssen, nachdem er eilig mit den Fischpflegern telefoniert hatte. Eine Notlüge musste helfen: „Der ist bereits reserviert. Und die anderen in dem Becken sind es auch.“ Er hat stattdessen omanischen Hummer aus der Kühltruhe empfohlen, war sich der Dankbarkeit seiner 2 550 dekorativen Kollegen sicher – und dem kulinarisch umgeleiteten Gast hat die Empfehlung so gut geschmeckt, dass er ein stattliches Trinkgeld auf dem Meeresgrund zurückließ. Helge Sobik


Informationen:

Anreise: Flüge mehrmals täglich von Hamburg, Düsseldorf, München und Frankfurt/Main nach Dubai mit Emirates (www.emirates.de). Tickets ab 450 Euro. Das Visum ist kostenfrei und wird sehr zügig bei der Einreise erteilt.
Übernachtung: Burj al Arab (www.burj-al-arab.com) bei Buchung über den Veranstalter, zum Beispiel ab 437 Euro pro Person im Doppelzimmer bei Dertour.
Essen: Wer deutlich preiswerter absteigt, aber dennoch ins Burj al Arab will: Am besten für das Mittag- oder Abendessen einen Tisch in den Restaurants „Al Muntaha“ (oberstes Stockwerk) oder „Al Mahara“ (unter Wasser) reservieren unter Telefon: 0 09 71/4/3 01 76 00. Hauptgerichte ab 25 Euro.
Allgemein: Dubai Department of Tourism, Bockenheimer Landstraße 23, 60325 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/7 10 00 20, Internet: www.dubaitourism.ae.

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