SUPPLEMENT: Reisemagazin

Guizhou/Hunan: Das unbekannte China

Dtsch Arztebl 2007; 104(49): [30]

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS In den südchinesischen Provinzen haben sich die Traditionen ethnischer Minderheiten erhalten.

Miao-Frauen in ihren bunten Trachten im Dorf Nanhua. Fotos: Birgit Hibbeler
Miao-Frauen in ihren bunten Trachten im Dorf Nanhua. Fotos: Birgit Hibbeler
Der alte Mann in der dunkelblauen Mao-Kluft wirkt etwas verloren. Mit einem knorrigen Holzstock in der Hand lehnt er an der Kaimauer des Huangpu-Flusses, der sich wie eine schmutzige, graue Schlange durch Schanghai zieht. Sein junger Begleiter, vermutlich der Sohn, steht ihm gegenüber und zückt eine Digitalkamera. Die ledrig-braune Haut des alten Mannes wirft tiefe Falten in seinem Gesicht, als er lacht. Drei gelbe Zahnstummel im Oberkiefer kommen zum Vorschein. Mit der Skyline der Megacity im Hintergrund sieht er aus wie ein Zeitreisender.
China ist ein Land voller Gegensätze: Während Banker in ihren klimatisierten Büros in einem der zahllosen Wolkenkratzer hoch über der Stadt die Aktienkurse studieren, spielen ältere Herren in der Schanghaier Altstadt abseits des mit Touristen überfüllten Yu-Gartens am Straßenrand eine gepflegte Partie Mahjong. Ein Wahrsager in einem roten Gewand wartet an einem kleinen Holztisch auf Kundschaft, die sich die Zukunft aus der Hand lesen lässt. Ein junger Mann macht in dem Karren, den er hinter sein klappriges Fahrrad gespannt hat, ein Nickerchen.
In eine ganz andere Welt weitab von den boomenden Metropolen führt die Reise in die südchinesische Provinz Guizhou. Zweieinhalb Stunden dauert der Flug von Schanghai in die Provinzhauptstadt Guiyang, mit etwa zwei Millionen Einwohnern aus chinesischer Sicht eine Kleinstadt. Guizhou ist auf der touristischen Landkarte ein weißer Fleck, in dem sich noch relativ wenige „Langnasen“, also Reisende aus westlichen Ländern, aufhalten. Doch es gibt einiges zu entdecken. Viele Traditionen sind noch erhalten. So auch die Bräuche der lokalen Volksgruppen. Guizhou ist die Heimat einiger ethnischer Minderheiten, darunter die der Miao.
Die Phönixstadt Fenghuang lässt sich gut bei einer Bootsfahrt erkunden.
Die Phönixstadt Fenghuang lässt sich gut bei einer Bootsfahrt erkunden.
Im Miao-Dorf Nanhua in der Nähe der Stadt Kaili ertönen an diesem Morgen die Lusheng (Bambusflöten). Über den grünen Hügeln und den als Terrassen angelegten Reisfeldern hängt eine diesige, feuchte Luft. Auf dem Dorfplatz haben sich die Miao-Frauen zu einem traditionellen Tanz versammelt. Bei jeder Bewegung rasselt der aufwendige Silberschmuck, den sie um den Hals und als Kopfbedeckung tragen. Die farbenprächtigen Stickereien auf den Trachten zeigen Blumen, Vögel und Schmetterlinge als Motive. Aus dem Kopfschmuck einiger Frauen ragen zwei nach oben gebogene und spitz zulaufende Hörner hervor – als Symbol für den Wasserbüffel. Die manchmal schrillen traditionellen Gesänge der Miao-Frauen klingen für westliche Ohren zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Mit einem lauten Ruf endet das Lied: „Juhuijuh.“
Die Miao sind sehr gastfreundlich. In dem Dorf Qingman bieten die Bewohner den Besuchern gerne einen Reisschnaps an. Voller Stolz führt eine Miao-Frau vor, wie sie ihre langen schwarzen Haare kämmt und zu einer aufwendigen Frisur hochsteckt. Ursprünglich begaben sich die Miao-Frauen für diese Prozedur auf den „Schönheitsbalkon“, den die Holzhäuser typischerweise aufweisen.
Auch wenn die Menschen in den Dörfern in einfachen Verhältnissen leben: An die Balkone sind heute vielfach Satellitenschüsseln montiert. So hält das andere, moderne China mittlerweile Einzug in die einfachen Behausungen der Miao. Immer mehr junge Menschen wandern in die Großstädte ab, denn das Leben im ländlichen Guizhou ist hart. Die Infrastruktur lässt vielerorts zu wünschen übrig. Die Bauern tragen so gut wie alle Lasten auf ihren Schultern – in großen Körben, die an den beiden Enden dicker Holzbalken befestigt sind. Pferde oder Esel, die den Menschen den Transport abnehmen könnten, sieht man kaum, und auch die Felder werden mit einfachsten Mitteln bestellt: Hacken sind dabei im Einsatz, außerdem Holzpflüge, die von Wasserbüffeln gezogen werden. Angebaut werden neben Reis auch Mais und Gemüse.
Kaili („Ödland pflügen“) ist die Hauptstadt des Autonomen Bezirks Qiandongnan der Miao und einer weiteren Volksgruppe, der Dong. Sie liegt im Südosten der Provinz Guizhou. Rund 90 Prozent der Bevölkerung in der Volksrepublik China sind Han-Chinesen. Daneben gibt es mehr als 50 weitere ethnische Gruppen. In Kaili und Umgebung stellen die Miao die Mehrheit. Vor etwa 1 000 Jahren siedelten sich Mitglieder dieser Volksgruppe hier an. In China gibt es ein gesetzlich verankertes System „nationaler Gebietsautonomie“, das den offiziell anerkannten ethnischen Minderheiten eine Selbstverwaltung zusichert, allerdings in staatlich reglementiertem Maße.
Die Geschichte der Miao ist nicht nur lang, sondern auch tragisch, geprägt von Vertreibung und Umsiedlung. Ursprünglich lebten sie in Nordchina, im Gelbflussgebiet, und siedelten sich später in der Gegend um den Yangtse an. Heute haben sich die Miao über Südchina, Laos, Vietnam und Thailand verteilt. Ihre bunten Trachten lesen sich wie ein Geschichtsbuch. Die dargestellten Landschaften, Berge und Flüsse dokumentieren die Siedlungsroute. Die Trachten spiegeln die Hoffnung wider, eines Tages in die Heimat zurückzukehren. Auch die Ahnenverehrung spielt bei den Miao eine wichtige Rolle.
In Hunan, der Nachbarprovinz von Guizhou, sind ebenfalls einige ethnische Minderheiten beheimatet – neben den Miao vor allem die Tuja. Hunan ist auch die Heimat von Mao Zedong, der allerdings ein Han-Chinese war. Glaubt man den lokalen Reiseführern, dann markiert die Machtergreifung Maos den Punkt in der chinesischen Geschichte, an dem die Rechte der lokalen Volksgruppen gestärkt wurden. „Früher wollten die Han-Chinesen die Minderheiten assimilieren“, erklärt Hong Zhang vom China International Travel Service. Seit der „Befreiung“ aber sei das anders.
Hunan ist ein beliebtes Ziel für einheimische Touristen, Taiwanesen und Südkoreaner. Reisende aus westlichen Ländern sind hier kaum unterwegs. Ebenso wie in Guizhou kann man daher nicht damit rechnen, in jedem Hotel ein westliches Frühstück mit Kaffee, Brot und Marmelade serviert zu bekommen. Reis, Nudeln, Gemüse und gefüllte Teigbällchen stehen hier schon morgens auf dem Speiseplan – mit grünem Tee.
Hunan hat Naturliebhabern einiges zu bieten, etwa den Nationalpark in Zhangjiajie. Mit seinen beeindruckenden Felsformationen und einer üppigen subtropischen Flora und Fauna zählt er zum Unesco-Weltnaturerbe.
Eine der schönsten Städte Hunans ist Fenghuang. Die Phönixstadt lässt sich gut bei einer Bootstour erkunden. Langsam und ruhig schlängelt sich der Tuojiang-Fluss durch die Stadt. Holzhäuser, die mit Pfählen abgestützt sind, ragen über die Wasseroberfläche. Wer den Fluss überqueren will, hat die Wahl zwischen quadratischen Felsblöcken, die im Wasser liegen und auf denen man sich Schritt für Schritt vorarbeiten muss, oder einer Fußgängerbrücke, die aber eher einem schmalen Steg ähnelt. Sind viele Besucher unterwegs, kann es hier schon einmal eng werden, und wildfremde Menschen halten sich panisch aneinander fest, um nicht ins Wasser zu fallen.
Wenn es dunkel wird in der Phönixstadt, dann spiegelt sich auf der Wasseroberfläche der Schein unzähliger roter Laternen, die an den Holzhäusern hängen. Frauen am Ufer verkaufen kleine Papierblumen, in denen man Kerzen auf dem Fluss schwimmen lassen kann. Langsam treten die leuchtenden Schiffchen ihre Reise an – vorbei an den Steinen und dem Steg durch eine kurze Stromschnelle, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwinden. Dr. med. Birgit Hibbeler


Informationen:

Allgemein: Fremdenverkehrsamt der VR China,
Telefon: 0 69/52 01 35, E-Mail: info@china-tourism.de,
Internet: www.china-tourism.de
Veranstalter: Der Studienreiseveranstalter Gebeco bietet die
16-tägige Studienreise „Ursprüngliches Südchina“ nach Schanghai, Guizhou und Hunan ab 2 190 Euro an. Telefon: 04 31/ 54 46-0, E-Mail: contact@gebeco.de, Internet: www.gebeco.de
Anreise: China Eastern Airlines fliegt täglich direkt von Frankfurt/Main nach Schanghai. Internet: www.flychinaeastern.com, Telefon: 0 69/13 38 93-0. Die Fluggesellschaft bietet auch die innerchinesischen Flüge an.
Reisezeit: Angenehme Temperaturen um die 20 Grad Celsius im Herbst und Frühjahr.
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