ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2008Humanpathogene Papillomviren und Zervixkarzinom – Entwicklung und derzeitiger Stand der ersten Impfstoffe gegen humanpathogene Papillomviren: Nutzen nicht erwiesen

MEDIZIN: Diskussion

Humanpathogene Papillomviren und Zervixkarzinom – Entwicklung und derzeitiger Stand der ersten Impfstoffe gegen humanpathogene Papillomviren: Nutzen nicht erwiesen

Human Papillomavirus and Cervical Cancer - Current Status of Vaccination Against Human Pathogenic Papillomavirus: Efficacy Unproven

Dtsch Arztebl 2008; 105(1-2): 22-3; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0022c

Dören, Martina

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Die „geballte Ladung“ von Zahlen verstellt den Blick auf die Tatsache, dass nur bei einer Minderheit aller Frauen 1 bis 2 Jahren nach einer Infektion mit dem Human Papilloma-Virus noch HPV-DNA nachweisbar ist. Etwa 70 % aller Frauen sollen sich im Laufe des Lebens mit HPV-Viren Studien zufolge, die außerhalb Deutschlands durchgeführt wurden, infizieren. Daten zur Seroprävalenz von HPV-Infektionen und HPV-DNA-Nachweisen liegen in Deutschland nicht vor (1).
Eine nicht weiter bezifferbare, aber wohl Minderheit von Mädchen/Frauen in Deutschland hat eine persistierende HPV-Infektion, was zu Gebärmutterhalskrebs führen kann, aber nicht muss.
Ein systematischer Review findet keine Evidenz, dass Inzidenz oder Mortalität des Zervixkarzinoms durch HPV-Impfstoffe vermindert sind (2). NNTs zur Einschätzung des Nutzens der Impfung zeigen dies: Bestünde lebenslanger Impfschutz, so müssten 324 Mädchen für ein verhindertes Karzinom geimpft werden, wirkt die Impfung 30 Jahre immerhin 9 080 Mädchen (3). Dies sind hypothetische Zahlen bei unbekannter Dauer des Impfschutzes. Dem bei der Herstellerfirma von Gardasil arbeitenden Erstautor kann wohl nicht unterstellt werden, als ungünstig einzustufende Zahlen errechnet zu haben.
Der Nutzen der Impfung ist derzeit nicht bekannt, er könnte sehr bescheiden bis nicht nachweisbar sein. Eine HPV-Impfung ersetzt sicher nicht eine – verbesserungswürdige – Krebsfrüherkennung. Kann das Geld einer Gesellschaft, die sich Prävention auf die Fahnen schreibt nicht besser angelegt werden, als Minderjährige mit Maßnahmen und Informationen zu konfrontieren, deren Einfluss perspektivisch derzeit kaum abschätzbar ist? Jungen Männern bleibt es erspart, sich mit sexuell übertragbaren Erkrankungen auseinanderzusetzen; wir haben ja nun eine Impfung, für das weibliche Geschlecht. Medikalisierungsstrategien, auch bei Minderjährigen, sind weiter en vogue. Was kommt als nächstes? DOI: 10.3238/arztebl.2008.0022c

Prof. Dr. med. Martina Dören
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Campus Benjamin Franklin
Professur Frauenforschung und Osteologie
12200 Berlin
E-Mail: Martina.Doeren@charite.de
1.
Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Mädchen von 12 bis 17 Jahren – Empfehlung und Begründung. Epidemiologisches Bulletin 23. März 2007/Nr. 12.
2.
Rambout L, Hopkins L, Hutton B, Ferguson D: Prophylactic vaccination against human papillomavirus infection and disease in women: a systematic review of randomized controlled trials. CMAJ 2007; 177: 469–79. MEDLINE
3.
Brisson M, van de Velde N, de Wals P, Boily M-C: Estimating the number needed to vaccinate to prevent diseases and death related to human papillomavirus infection. CMAJ 2007; 177: 464–8. MEDLINE
1. Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Mädchen von 12 bis 17 Jahren – Empfehlung und Begründung. Epidemiologisches Bulletin 23. März 2007/Nr. 12.
2. Rambout L, Hopkins L, Hutton B, Ferguson D: Prophylactic vaccination against human papillomavirus infection and disease in women: a systematic review of randomized controlled trials. CMAJ 2007; 177: 469–79. MEDLINE
3. Brisson M, van de Velde N, de Wals P, Boily M-C: Estimating the number needed to vaccinate to prevent diseases and death related to human papillomavirus infection. CMAJ 2007; 177: 464–8. MEDLINE

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