ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2008Der neue Pauschalen-EBM 2008: Die Kritik hält an

POLITIK

Der neue Pauschalen-EBM 2008: Die Kritik hält an

Dtsch Arztebl 2008; 105(1-2): A-8 / B-8 / C-8

Rieser, Sabine

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Rosig sind die Honoraraussichten nicht, aber besser als zuvor. Mehr dazu findet man in der KBVBroschüre, die Heft 50 beigelegt war. Sie ist auch nachzulesen im Internet unter www.kbv.de.
Rosig sind die Honoraraussichten nicht, aber besser als zuvor. Mehr dazu findet man in der KBVBroschüre, die Heft 50 beigelegt war. Sie ist auch nachzulesen im Internet unter www.kbv.de.
Die Hausärzte kritisieren die Höhe der Pauschalen. Die Psychologischen Psychotherapeuten befürchten Honorarverluste von 2009 an – noch überwiegt die Skepsis.

Alle Ampeln stehen auf Grün, aber viele Vertragsärzte sehen nur rot. Dafür gibt es überhaupt keinen Grund“, hatte Dr. med. Carl-Heinz Müller einen Tag nach Nikolaus während der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) angemerkt. Der KBV-Vorstand geht fest davon aus, dass es zumindest von 2009 an mehr Honorar für niedergelassene Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten geben wird.
Doch die Skepsis angesichts des neuen Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) ist groß. Das gilt selbst bei denen, die kurz vor Weihnachten noch ein kleines Extrapaket zugestellt bekamen. Am 18. Dezember einigte sich ein Arbeitsgremium des Gemeinsamen Bewertungsausschusses von Krankenkassen und KBV auf eine Verbesserung für Ärztinnen und Ärzte in hausärztlich tätigen diabetologischen Schwerpunktpraxen. Sie können seit dem 1. Januar zusätzlich zur halben Versichertenpauschale (zwischen 450 und 535 Punkte) einen Chronikerzuschlag abrechnen, wenn sie Patienten versorgen, die deren Hausarzt überwiesen hat. Dafür sind 495 Punkte im neuen EBM vorgesehen. Die Regelung ist allerdings zunächst bis zum 30. Juni befristet. Bis dahin wollen Kassen und KBV ermitteln, wie sich der Zuschlag auswirkt. Dass auch andere Schwerpunktpraxen den Zuschlag erhalten, ist derzeit nicht vorgesehen.
Dr. med. Hans-Martin Reuter, Vorstandsmitglied im Berufsverband niedergelassener Diabetologen, sieht den zugestandenen Chronikerzuschlag differenziert: „Er befriedigt uns nicht, aber er schafft erst einmal Luft.“ Die circa 750 hausärztlich tätigen Diabetologinnen und Diabetologen hatten im November gewarnt, der neue EBM bewirke finanzielle Einbußen. In Folge der halben Versichertenpauschale für überwiesene Patienten könnten sie nur noch etwa ein Drittel der bisherigen Punktzahl abrechnen, das heißt zwischen 1 200 und 1 600 Punkte. Reuter kritisiert, der Zuschlag kompensiere diesen Punktmengenverlust nicht. Er biete zudem keine Planungssicherheit. Der Berufsverband will sich deshalb dafür einsetzen, dass bald angemessene diabetologische Leistungskomplexe vereinbart werden.
Auch die Hausärzte sind nach wie vor unzufrieden mit dem EBM. Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands (HÄV), Ulrich Weigeldt, ist verärgert darüber, dass die Chronikerzuschläge nun auch in fachärztlichen Kapiteln zu finden sind. So entstehe eine Dynamik, die mit dem zur Verfügung stehenden Geld nicht bedient werden könne. Weigeldt beunruhigt zudem, dass mancher darüber philosophiert, ob die Kosten für hausärztliche Praxen derzeit nicht zu hoch angesetzt seien.
Der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, bestätigt, dass der Bewertungsausschuss sämtliche Kostenstrukturen überprüfen will. Falsch findet Köhler das nicht: „Der EBM lebt davon, dass wir Einnahmen und Ausgaben in Praxen so realistisch wie möglich abbilden.“ Dass Bundesregierung und Parlament nach wie vor Wert auf eine wohnortnahe hausärztliche Versorgung legen, eröffnet aus Sicht des KBV-Vorstands auch Chancen, die Kostendebatte in Zukunft weniger einseitig zu führen. „Ich kann doch nicht stetig Kosten absenken, ohne zu bedenken, dass ein Hausarzt seinem Auftrag auch in der Fläche nachkommen können muss“, sagt Köhler. Wenn Hausärzte beispielsweise Hausbesuche machen sollten, dann müsse diese Leistung angemessen bezahlt werden. Hier gebe es in Zukunft durchaus Verhandlungsspielräume.
Nach Ansicht des ehemaligen HÄV-Vorsitzenden, Rainer Kötzle, nutzen alle schönen Aussichten nichts, solange die Vergütung unzureichend ist. Die Kollegen sorgten sich doch nicht in erster Linie um eine flächendeckende Versorgung, sondern darum, wie sie über die Runden kämen: „Dass im System die Vergütung nicht stimmt, das liegt ihnen auf der Seele.“
Die Vergütung, die die neuen Pauschalen nach sich zögen, sei auf jeden Fall zu niedrig, findet Kötzle. Er rechnet mit durchschnittlich 45 Euro im Jahr 2008, das seien nur fünf Euro mehr als zuvor. Dass die Pauschalen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte dazu bewegen könnten, weniger Leistungen zu erbringen, hält er dennoch für ein weit hergeholtes Argument: „Sie werden es sich im Wettbewerb gar nicht leisten können, bestimmte Leistungen nicht mehr zu erbringen.“ Ärgerlich findet er auch die Vergütung der wenigen Einzelleistungen, wie zum Beispiel der Hausbesuche: „Wir werden zu schlechteren Bedingungen Hausbesuche fahren als in den Jahren zuvor.“
Dass die stärkere Pauschalierung im neuen EBM zu weniger Bürokratie führt, kann er auch nicht erkennen. Statt umfangreiche Teilleistungsdokumentationen vorzugeben, solle man lieber gezielt Versorgungsforschung betreiben und stichprobenartig erfassen, was Haus- und Fachärzte an Leistungen erbrächten. Dass es in künftigen Honorarverhandlungen wichtig ist, den Versorgungsumfang und die Versorgungstiefe durch niedergelassene Ärzte nachweisen zu können, wie es KBV-Vorstand Köhler immer wieder betont, leugnet Kötzle nicht.
Ausgewogener fällt das Urteil aufseiten der Psychologischen Psychotherapeuten aus. „Mit dem EBM kann man 2008 leben“, sagt Dieter Best, Mitglied im Beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV und Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Für die Kollegen werde sich nicht allzu viel ändern. Dass 2009 durch die Einführung des Orientierungswerts die regional ungleiche Honorierung ein Ende habe, sei positiv.
„Von 2009 an sehen wir aber auch ein Riesenproblem auf uns zukommen“, ergänzt Best. Zwar ist er überzeugt, dass die Politik Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten insgesamt mehr Honorar zugestehen will. Doch „wir sind in Sorge, dass sich das für unsere Berufsgruppe nicht positiv auswirkt“. Bisher liegt der Punktwert der Psychologischen Psychotherapeuten bei rund 5,1 Cent. Der Orientierungswert für 2009 dürfte nach Bests Kenntnis aber eher bei 3,7 Cent liegen. Angesichts dieser Diskrepanz würden die Psychotherapeuten nicht einmal von der Punktmengenerhöhung profitieren, die sie an sich schon in diesem Jahr als Folge der Umsetzung aktueller Kostenstudien verbuchen können. Im Gegenteil: „Wenn der Orientierungswert in dieser Höhe liegt, würden wir 2009 einen Honorarverlust von rund zehn Prozent hinnehmen müssen.“ Da es mit großer Sicherheit nur einen Orientierungswert geben wird, könnte eine Lösung aus Bests Sicht darin bestehen, für psychotherapeutische Leistungen einen Zuschlag von mindestens zehn Prozent vorzusehen: „Sonst kommen wir nicht auf eine angemessene Vergütung.“
Was als angemessen anzusehen ist, bleibt umstritten. Auch der neue EBM schafft ein altes Problem nicht aus der Welt: Die Psychologischen Psychotherapeuten haben vor dem Bundessozialgericht erstritten, dass ihr Einkommen bei maximalem Einsatz mindestens dem Durchschnittseinkommen der Fachärzte entsprechen muss. Nach einem Beschluss des Bewertungsausschusses ist es aber nicht möglich, dieses Mindesteinkommen zu überschreiten. Best findet, es solle auf Dauer keine Höchstgrenze geben: „Das Bundessozialgericht hat nicht verboten, dass ein Psychotherapeut mehr verdienen darf.“
Sabine Rieser
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