ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2008Ärztlicher Arbeitsmarkt: Alternativen zur kurativen Tätigkeit

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Ärztlicher Arbeitsmarkt: Alternativen zur kurativen Tätigkeit

Dtsch Arztebl 2008; 105(1-2): A-59 / B-51 / C-51

Hauk, Alexander

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LNSLNS Unternehmen locken Ärztinnen und Ärzte mit außergewöhnlichen Annehmlichkeiten.

Nahezu die Hälfte aller Medizinstudierenden entscheidet sich für einen Beruf im nicht kurativen Bereich. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Bei
Dr. med. Martin Hyca etwa machte eine Rückenverletzung einen Strich durch die geplante Karriere als Herzchirurg: „Mitunter hätte ich am OP-Tisch bis zu zehn Stunden stehen müssen, das hätte ich nicht können“, sagt der 34-Jährige, der heute als Clinical Marketing Manager bei der Softwareschmiede Tomtec in München arbeitet. Das Unternehmen suchte für mehrere Stellen Experten mit medizinischem Hintergrund.
Nach seinem Medizinstudium an der Universität Bochum belegte Hyca den Aufbaustudiengang Biomedical Engineering an der Technischen Universität in München. „Weil der Studiengang primär für Ingenieure gedacht ist, musste ich innerhalb weniger Wochen Grundlagen in Maschinenbau, Elektrotechnik und Steuerungs- und Regelungstechnik nachholen“, erinnert sich Hyca. Über Anstellungen in der Unternehmensberatung HWP-Planungsgesellschaft in Stuttgart und dem Deutschen Herzzentrum in München kam er zu Tomtec. Die 111 Mitarbeiter des Unternehmens entwickeln und vertreiben Software für Ultraschallgeräte. Auf dem Gebiet der 4-D-Ultraschallbilderfassung gilt Tomtec als Weltmarktführer. Hyca ist für das klinische Marketing verantwortlich: „Ich sammele Ideen, diskutiere mit Ärzten und Ingenieuren, erstelle Marktanalysen und entwickle neue Konzepte für neue klinische Applikationen“, beschreibt er seine Arbeit. Zwischen einem und zwei Jahren dauert es, bis aus der Idee ein marktreifes Programm geworden ist, wie zum Beispiel „4-D-RV-Function©“, eine Software für die Funktionsanalyse der rechten Herzkammer.
Ungeregelte Arbeitszeiten, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ausufernde Bürokratie sind die meistgenannten Gründe, warum sich Mediziner gegen Klinik, Praxis und direkten Patientenkontakt entscheiden. Mitunter haben die Motive allerdings gar nichts mit dem Klinikalltag zu tun: „Ich habe mich nicht gegen den Patientenkontakt, sondern ganz bewusst für den Journalismus entschieden“, betont Dr. med.
Fotos: privat
Fotos: privat
Frank Schwebke, Redakteur bei der Zeitschrift „Bunte“. Nach seinem Studium hatte der Arzt zunächst für drei Jahre am Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg in der Neurologie und Psychiatrie gearbeitet. Als er dann Mitte der 80er-Jahre in den Journalismus wechselte, sei er in seinem Umfeld auf Unverständnis gestoßen, aber: „Ich habe diesen Schritt nie bereut.“
Vier bis sechs Seiten des Magazins haben Schwebke und sein Team jede Woche zu füllen. „Die Gesundheitsthemen, über die wir berichten, reichen von neuen Behandlungsformen bei Brustkrebs über Allergien, Herzinfarkt bei Frauen, ayurvedische Medizin und Wellness“, berichtet der Arzt, der im Fernsehen auch eine eigene Medizinsendung moderiert. Zum Arbeitsalltag von Schwebke gehören neben Redaktionskonferenzen Recherchen und das Schreiben der Texte, Kontaktpflege und der Besuch von Kongressen. Schwebke: „Mein Beruf ist lebendig.“
„Die Kernfrage lautet, ob man sich als Arzt vorstellen kann, den direkten Patientenkontakt aufzugeben“, sagt Prof. Dr. med.
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Torsten Strohmeyer, Leiter Forschung und Medizin bei Glaxosmithkline (GSK). Allein in Deutschland forschen bei GSK neben den rund 80 Naturwissenschaftlern auch 40 Ärzte an neuen Wirkstoffen. Sie planen und organisieren klinische Studien. Dazu gehören unter anderem die Bewertung von Arzneimittelnebenwirkungen und die Entwicklung von Studienprotokollen. Aktuell arbeitet das Team an der Markteinführung eines Medikaments mit dem Wirkstoff Lapatinib, der das Wachstum von Brustkrebszellen verhindert. Zu den Aufgaben der Ärzte gehört auch die Schulung des Außendiensts, der potenziellen Kunden erklären können muss, wie eine Substanz wirkt. Ärzte ohne Klinikerfahrung haben bei GSK kaum eine Chance auf Einstellung: „Wenn es um eine Einstiegsposition geht, sollte der Bewerber etwa zwei bis drei Jahre in einer Klinik gearbeitet haben, damit er die Arbeitsabläufe kennt“, sagt Strohmeyer.
Arbeitsmarktexperten rechnen damit, dass die Nachfrage nach Ärzten in nicht kurativen Bereichen künftig weiter zunehmen wird. „Das ganze Umfeld wird komplexer und anspruchsvoller. Als Konsequenz wird die Anzahl der Dialoge, etwa mit Krankenkassen und Politikern, weiter zunehmen“, meint Strohmeyer. Dabei hat die Zahl der Studierenden im Fach Humanmedizin laut Statistischem Bundesamt abgenommen, von rund 88 000 im Jahr 1994 auf 77 700 im Jahr 2005. Im gleichen Zeitraum fiel die Zahl der Absolventen von rund 12 000 auf 8 900. Hinzu kommt, dass viele Ärzte wegen der schlechten Arbeitsbedingungen in Deutschland ins Ausland flüchten. Die Bundes­ärzte­kammer warnt zudem auch deshalb vor einem Ärztemangel, weil viele Ärzte in den kommenden Jahren aus Altersgründen aus der medizinischen Versorgung aussteigen.
Unternehmen wie Tomtec haben die Zeichen der Zeit erkannt. Mit Annehmlichkeiten, von denen der gewöhnliche Angestellte wohl nur träumen kann, versucht Geschäftsführer und Personalchef Ulrich Haupt, weitere Ärzte zu gewinnen und in der Softwareschmiede zu halten. Dazu zählen neben einem überdurchschnittlichen Gehalt und Zuzahlungen zur betrieblichen Altersvorsorge Arbeitszeiten auf Vertrauensbasis, ein Firmenhandy, das auch für private Gespräche genutzt werden darf, und ein eigener Betriebsbiergarten. Selbst regelmäßige Massagen am Arbeitsplatz gehören zum Verwöhnprogramm. Nicht ganz überraschend landete Tomtec bei einer Umfrage in diesem Jahr unter den besten 100 Arbeitgebern in Europa.
Alexander Hauk

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