ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2008Von schräg unten: Geldgeil

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Geldgeil

Dtsch Arztebl 2008; 105(1-2): [108]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Völlig refraktär gegenüber allen meinen antibiotischen Maßnahmen fallen sie wieder über mich her – die frechen Neffen. „Onkel Thomas, warum seid ihr Ärzte eigentlich so geldgeil?“, will der Jüngere wissen. So viel verwandtschaftliche Frechheit macht mich förmlich asphyktisch. Trotz meiner sichtbaren Empörung bohrt der Neffe, lästig wie ein Hakenwurm, nach: „Sag doch mal, warum braucht ihr eigentlich so viel Kohle?“ Diese Impertinenz lässt sich nur durch einen schonungslosen Bericht aus der Erfahrungsmedizin kontern. Nun, so führe ich aus, von 100 verdienten Euro saugt sich Vater Staat 40 Euro ab, um ein Heer von Bürokraten mit äußerst kryptischen Arbeiten zu beschäftigen, wie dem Gesetz zur Verminderung der Gesetzesflut. Alsdann muss man von den verbliebenen 60 Euro Rücklagen bilden, um die Regresse zu bezahlen, ohne die eine leitliniengerechte Versorgung heute nicht mehr möglich ist; also wenn man seinen Schutzbefohlenen nicht nur Scheinheiligkeiten und billigen Plunder andrehen will. Damit aber der besagte Regress einem nicht das betriebswirtschaftliche Genick bricht, ist es wiederum ratsam, höchstqualifizierte Rechtsanwälte und Steuerberater um Hilfe zu bitten, die natürlich – im Gegensatz zu den Ärzten – nicht auf Chipkarte arbeiten. Tja, dann müssen wir noch 20 Euro zwecks Kran­ken­ver­siche­rung und Rente beiseite legen . . ., nun wären wir bei unserer Kostenrechnung schon bei zehn verbliebenen Euro von 100. Davon müssen wir unsere Fortbildungen bezahlen als auch die Qualifikationen zum Ausfüllen von verschiedensten Formularen. Damit nicht genug – diese müssen in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden. – Die Neffen sind sprachlos, also fahre ich fort: Von den verbliebenen fünf Euro drücken wir noch die Hälfte für die Qualitätssicherer ab, dass heißt, wir bezahlen Leute dafür, dass sie kontrollieren, ob wir in unserer Praxis auch wie Ärzte arbeiten . . . „Und die restlichen 2,50 Euro, was machst du damit?“, kräht der kleine Neffe, Missbrauch von Versichertengeldern witternd. – Äh – die gehen für Rotwein drauf. „WAS? SOOOO viel?“, will die verwandte Inquisition wissen. – Na ja . . ., ein Premier Cru muss es schon sein. – „HA! Da haben wir’s! Onkel Thomas, der Geldverschwender, der Abzocker! Macht ausländische Weinbauern reich!“ – Zugegeben, ich hab’s schon mal mit billigem Wein probiert, aber das ging ziemlich schief . . . mörderisches Kopfweh . . . schlechte Diagnosen . . . und dann fing ich auch noch an, diesen billigen Plunder zu verschreiben, es gab massenhaft Patientenproteste . . . nein, nein, auch wenn die Ärzte die Letzten sind, die was darauf geben: Ein bisschen Qualität muss schon sein, auch beim Wein.
„Onkel Thomas, das wollen wir dir jetzt mal ausnahmsweise glauben, dass das wirklich mit Qualität und weniger mit Geldgier zu tun hat, dass du so viel Kohle brauchst. Aber das heißt doch, wenn ich wissen will, ob ein Arzt wirklich gut für mich ist, brauch’ ich ihn nur zu fragen, welchen Wein er säuft, oder?“
Höchste Zeit, die beiden rauszuschmeißen.
„Okay, Onkel Thomas, eine letzte Frage noch: Hast du es schon mal mit Leitungswasser probiert?“
Auf Placebo fallen Ärzte nicht rein.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema