ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Wolf Vostell „Prager Brot“

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Wolf Vostell „Prager Brot“

PP 7, Ausgabe Januar 2008, Seite 2

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Neue Materialien, wie Lebensmittel, Schimmel und Filz, eroberten sich in der Kunst der Sechzigerjahre einen festen Platz, gleichzeitig wurden neue Formen des Kunstvertriebs ausprobiert. Die zum Teil in unendlicher Auflage produzierten Multiples gehören zu den eindrucksvollsten Kunstschöpfungen dieser innovativen Zeit. „Kunst für alle“ lautete denn auch ein bekannter Slogan. Kunstwerke sollten in die Gesellschaft hineinwirken, Denkanstöße geben und Diskussionen auslösen.
In diesem Zusammenhang ist das „Prager Brot“ von Wolf Vostell zu sehen. Zunächst mag die Bildsprache von Vostell – auch heute noch – befremden. Ein handelsübliches Weizenmischbrot ist auf der Oberseite mit einem Einschnitt versehen, in den ein Badethermometer eingelassen ist; ein Teil des Brots ist mit goldener Farbe bestrichen. Eine „Groteskkoppelung“, ein surrealistischer Scherz, eine provokative Absurdität? Der Titel des Multiples und das Entstehungsjahr 1968 liefern dem Betrachter jedoch schnell Ansätze zu einem Verständnis: Am 21. August 1968 rollten Panzer des Warschauer Pakts in die „Goldene Stadt“ Prag, worauf die goldene Farbe verweist. Es war das Ende des Prager Frühlings unter Dubcek. Die Ereignisse kochten hoch und hielten die Welt in Atem, was durch das Thermometer symbolisiert wird. Wenn wir nun noch erfahren, dass in Bäckereien in Prag zu jener Zeit Brote mit aufgebackenen Buchstaben für „Frieden“ oder „Dubcek“ verkauft wurden und andererseits Buchstaben aus Teigwaren uns als „Russischbrot“ bekannt sind, so erkennen wir in diesem Multiple ganz offensichtlich eine künstlerische Stellungnahme zur politischen Situation in Prag 1968. Es thematisiert die Angst, dass die Situation dort „zu heiß“ werden könnte, und verweist sowohl auf die Besatzer als auch auf den friedlichen Protest der Bevölkerung. Gerade durch die ungewöhnliche Materialkombination und zahlreiche Assoziationsmöglichkeiten ist diese Arbeit über den konkreten Anlass hinaus bis heute von Interesse – ein Diskussionsauslöser. Hartmut Kraft


Biografie von Wolf Vostell
1932 geboren in Leverkusen. Nach Lithografenlehre und Kunststudium wurde Wolf Vostell bekannt durch Decollagen, darüber hinaus gehört er zu den Initiatoren der Happening- und Fluxusbewegung sowie der Videokunst in Deutschland. Seine Arbeit hat generell eine starke gesellschaftskritische und politische Ausrichtung. 1977 Teilnahme an der Documenta 6, 1992 Neueröffnung des Vostell-Museums in Malpartida/Spanien. Gestorben 1998 in Berlin.

Literatur
Felix Z (Hrsg.): Das Jahrhundert des Multiples – von Duchamp bis zur Gegenwart. Stuttgart: Oktagon Verlag 1994.
Schmieder P: Unlimitiert. Der VICE-Versand von Wolfgang Feelisch.
Köln: Verlag der Buchhandlung Walter König 1998.
Wedewer R (Hrsg.): Vostell. Ausstellungskatalog Bonn, Köln, Leverkusen u. a. Heidelberg: Edition Braus, 1992.
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