ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2008AOK-Hausarztvertrag: Aufbruch ins Ungewisse

POLITIK

AOK-Hausarztvertrag: Aufbruch ins Ungewisse

PP 7, Ausgabe Januar 2008, Seite 7

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die AOK Baden-Württemberg will die hausarztzentrierte Versorgung ihrer Versicherten ohne die dortige Kassenärztliche Vereinigung organisieren. Deshalb hat sie jetzt Verhandlungen mit dem Hausärzteverband und Medi aufgenommen.

Hätte man es mit Naturgewalten zu tun, würde man von einem Beben mittlerer Stärke sprechen, das die AOK Baden-Württemberg kurz vor Weihnachten ausgelöst hat. Tatsächlich wird die Krankenkasse die etablierten Versorgungsstrukturen im ambulanten Bereich ordentlich erschüttern. Am 20. Dezember gab sie bekannt, dass sie den Zuschlag auf den ausgeschriebenen Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 b SGB V erteilt hat und jetzt mit der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft und dem Ärzteverband Medi Verhandlungen aufnimmt. „Wir haben uns für die beiden Arztgruppen entschieden, weil deren Konzepte sehr überzeugend und gegenüber den anderen Angeboten herausragend sind. Außerdem können beide Organisationen zusammen eine flächendeckende, qualitative Versorgung durch Hausärzte sicherstellen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Rolf Hoberg.
3 000 Hausärztinnen und Hausärzte will die AOK unter Vertrag nehmen. Im Hausärzteverband Baden-Württemberg sind nach Kassenangaben rund 3 500 Ärzte organiert, bei Medi 6 500 Haus- und Fachärzte. Erste Vertragsinhalte sollen bis Ende März 2008 vorliegen. Ärzte und Versicherte können sich von Mitte des Jahres an in die neue Hausarztversorgung einschreiben, die dann in der zweiten Jahreshälfte 2008 landesweit starten soll.
Zu den unterlegenen Anbietern gehören die Arbeitsgemeinschaft Vertragskoordinierung, ein Zusammenschluss von 14 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sowie die KVen Baden-Württembergs und Bayerns. Für die KBV ist die Entscheidung der AOK ein klares Signal gegen das KV-System. „Das ist ein schwarzer Tag für Patienten und Ärzte“, sagte KBV-Sprecher Roland Stahl gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir müssen jetzt über die Folgen dieser Entscheidung informieren.“
Und diese sind beträchtlich. Erstmals verhandelt mit der AOK Baden-Württemberg eine Krankenkasse an der KV vorbei über die flächendeckende hausärztliche Versorgung ihrer Versicherten und damit über den kompletten Ausstieg der beteiligten Hausärzte aus dem Kollektivvertragssystem. Gegenfinanziert werden soll der Vertrag durch Finanzmittel aus der bereinigten Gesamtvergütung, dass heißt durch Abzüge bei den Geldern für alle niedergelassenen Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten. „Solche Verträge ohne Beteiligung der KVen und mit Bereinigung der Gesamtvergütung sind der Anfang vom Ende des KV-Systems und des Kollektivvertrags“, hatte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Köhler, bereits Anfang Dezember bei der Ver­tre­ter­ver­samm­lung seiner Organisation gewarnt.
Grundsätzlich können alle Versicherten der AOK Baden-Württemberg an der hausarztzentrierten Versorgung teilnehmen, ebenso alle hausärztlich tätigen Ärzte. AOK-Versicherte erhalten eine eigene Krankenversichertenkarte. Sie wählen ihren Hausarzt für mindestens ein Jahr und suchen mit Ausnahme von Augenärzten und Gynäkologen andere Fachärzte nur mit Überweisung auf. Den Hausarzt vorzeitig wechseln können sie nur, wenn ein wichtiger Grund vorliegt, beispielsweise ein Umzug. Verstößt ein Versicherter gegen die vertraglichen Bestimmungen, weil er einen Arzt ohne Überweisung aufgesucht hat, müssen der AOK zufolge die zuunrecht mit der KV abgerechneten Leistungen an diese erstattet werden. Denn die Kasse geht davon aus, dass auch in solchen Fällen das Sachleistungsprinzip gilt. Die KBV hingegen vertritt die Auffassung, dass die Versicherten außerhalb der hausarztzentrierten Versorgung wie Privatpatienten behandelt werden müssen. Ihnen würde eine GOÄ-Rechnung ausgestellt, die sie bezahlen und bei ihrer Kasse zur Erstattung einreichen müssten.
Den ärztlichen Notdienst für die teilnehmenden Versicherten will die AOK aus „Praktikabilitätsgründen“ durch die Regelversorgung abde-cken lassen, das heißt durch den von den KVen organisierten Notdienst. Diese Leistungen würden bei der Bereinigung der Gesamtvergütung ausgenommen – eine Option, die das SGB V ausdrücklich vorsieht und über die die AOK nun mit der KV verhandeln muss. Man darf gespannt sein, wie diese Runden ausgehen, denn KBV-Chef Köhler kritisiert: „Weil der Gesetzgeber nicht sicher ist, ob in selektiven Verträgen die Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann, setzt er auf die KVen als Rückversicherungen. Die KVen werden zum Resteverwalter degradiert.“
Außerdem warnte Köhler die Ärzte ausdrücklich vor den finanziellen Risiken des AOK-Vertrags. Dieser verweise auf das derzeitige Vergütungsniveau und den neuen EBM 2008. Bei einer langen Laufzeit könnten die Ärzte mit dieser Festlegung von Vergütungserhöhungen abgekoppelt werden, wie sie die Orientierung an der Morbidität der Versicherten von 2009 an verspricht. Dagegen behauptet die AOK, die Vergütung der hausarztzentrierten Versorgung werde höher sein als die Regelvergütung, die im Südwesten von 2009 an auf Bundesdurchschnitt abfallen werde.
Ähnlich sieht das der Vorsitzende von Medi Baden-Württemberg, Dr. med. Werner Baumgärtner: „Mit diesem Vertrag werden bessere Arbeitsbedingungen und kalkulierbare Honorare für die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen erreicht.“ Der NAV-Virchow-Bund begrüßte ebenfalls die Entscheidung der AOK. „Nicht die KVen haben aus alter Gewohnheit den Zuschlag erhalten, sondern diejenigen, die mit dem besseren Konzept überzeugen konnten“, sagte dessen Bundesvorsitzender, Dr. med. Klaus Bittmann. Die Entscheidung zeige einmal mehr, dass das Vertrauen in die Selbstverwaltung schwinde.
Heike Korzilius

Arzt-Pflichten

Im Rahmen des AOK-Vertrags verpflichten sich die Hausärzte unter anderem
- zur Dokumentation und Zusammenführung der Behandlungsdaten und Befunde der Patienten
- zur leitlinienorientierten und -konformen Kooperation mit Leistungspartnern und zur sukzessiven Umsetzung von Konsensusleitlinien
- zur Einleitung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen
- zur aktiven Verordnungssteuerung bei Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln
- zur Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen
- zur Implementierung eines internen Qualitätsmanagementsystems
- zur Durchführung von Disease-Management-Programmen
- zur Kooperation mit den AOK-Bezirksdirektionen vor Ort
- zum Führen einer elektronischen Patientenakte
- zur onlinebasierten administrativen Vertragsumsetzung
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