THEMEN DER ZEIT

Simone de Beauvoir: „Man kommt nicht als Frau auf die Welt, man wird es“

PP 7, Ausgabe Januar 2008, Seite 24

Goddemeier, Christof

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Vor 100 Jahren wurde die Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir geboren. Sie ist die intellektuelle Frau des 20. Jahrhunderts.

Simone de Beauvoir ist die intellektuelle Frau des 20. Jahrhunderts. Im Unterschied zu bedeutenden Frauen vor ihr, etwa Madame de Staël, George Sand, Virginia Woolf und George Eliot, gehörte sie zur ersten Generation europäischer Frauen, die eine den Männern ebenbürtige Ausbildung erhielt und mit ihnen auf beruflichem Gebiet konkurrierte. Dabei war sie zunächst davon überzeugt, eine Frau zu sein spiele für sie selbst gar keine Rolle. Erst bei der Arbeit an ihrer monumentalen Studie „Das andere Geschlecht“ entdeckte sie eine von
Mythen gespeiste „Männerwelt“ und machte sich daran, ihr Selbstbild zu revidieren. Ihre Lebensgeschichte bezeugt, welchen Konflikten sich eine Frau zu stellen hatte, die die engen Grenzen der Konvention sprengte und ihr Recht auf Unabhängigkeit sowie emotionales und sexuelles Glück durchzusetzen suchte.
Am 9. Januar 1908 wird Simone de Beauvoir in
Paris geboren. Im selben Jahr erhalten die staatlichen Schulen Frankreichs die Erlaubnis, Mädchen auf das baccalauréat vorzubereiten. Damit eröffnet sich ihnen erstmals die Möglichkeit eines Universitätsstudiums. Während Simones Vater Religion als eine Sache für Frauen und Kinder ansieht und politisch äußerst rechts steht, ist die Mutter überzeugte Katholikin. Nach de Beauvoir speist sich ihr Wunsch, eine intellektuelle Frau zu werden, wesentlich aus dieser Spannung zwischen mütterlicher und väterlicher Welt. Sie studiert Philosophie an der Sorbonne und besteht 1929 das prestigeträchtige Examen der „agrégation“. Im selben Jahr begegnet sie dem drei Jahre älteren Jean-Paul Sartre. Nach einem mehrstündigen philosophischen Disput mit ihm gibt sie sich geschlagen und ist sich „plötzlich ihrer wahren Fähigkeiten nicht mehr sicher“. Sie stellt sich – gegenüber Sartre – als relative philosophische Versagerin dar und wendet sich der Literatur zu. Dabei fällt es ihr nicht gerade leicht, Romane zu schreiben. 14 Jahre lang arbeitet sie nahezu
täglich, bis ihr erster Roman veröffentlicht wird. Mit Jean-Paul Sartre bleibt sie zeitlebens in einem
ungewöhnlichen „Pakt“ verbunden: Zwei Jahre würde man sich treu sein, danach einander jede sexuelle Freiheit lassen und dabei vollkommen aufrichtig sein. Zudem wohnt man nicht zusammen, hat keine Kinder und siezt sich. Als Sartre ihr einen Heiratsantrag macht, lehnt de Beauvoir ab.
Sie ist unglücklich über ihre als kindlich empfundene Abhängigkeit von ihm und geht nach Marseille, wo sie ihre erste Stelle als Philosophielehrerin antritt – nach eigenem Bekunden eine der schwersten Entscheidungen ihres Lebens. Unterdessen hat Sartre seine erste Lehrverpflichtung im 800 Kilometer entfernten Le Havre. Immer wieder nennt er sie „schizophren“. In ihrem autobiografischen Band „In den
besten Jahren“ (1960) kommt sie mehrfach darauf zurück: „Statt meine Pläne der Wirklichkeit anzupassen, verfolgte ich sie wider alles und jeden, die Realität war für mich bloße Nebensache. (. . .) Diese ,Schizophrenie‘ erscheint mir wie eine extreme und abwegige Form meines Optimismus. Wie mit zwanzig Jahren leugnete ich, dass das Leben noch einen anderen Willen kennt als den meinen.“ Erst 1941 kapituliert sie vor der übermächtigen Realität des Weltkriegs; nach der Befreiung Frankreichs 1944 sei ihr „schizophrenes Delirium“ endgültig verschwunden. Doch ihr Willen bleibt stark: „Ich will alles vom Leben. (. . .) Und wenn mir das nicht gelingt, werde ich wahnsinnig vor Zorn“, schreibt sie 1947 an Nelson Algren.
Als Sartre de Beauvoir 1934 erstmals von einer Affäre berichtet, ist Simone nach eigenem Bekunden nicht eifersüchtig. Doch in Rouen entwickelt sich in den folgenden Jahren ein Drama, das de Beauvoir den entscheidenden Anstoß gibt, sich ernsthaft der Literatur zu widmen: Sartre verliebt sich in de Beauvoirs Schülerin Olga Kosakiewicz und macht de Beauvoir den Vorschlag, mit ihr ein „Trio“ zu bilden. Es beginnt das, was de Beauvoir das „Getriebe der Miniaturhöllenmaschine“ nennt. Auf die Liebe Sartres zu Olga folgen seine Leidenschaft für ihre Schwester Wanda und zahlreiche weitere Affären. „Literatur entsteht, wenn irgend etwas im Leben aus den Fugen gerät“, schreibt de Beauvoir dazu. „Die unselige Erfahrung des Trios lieferte mir nicht nur mein
Romanthema; sie gab mir, was viel mehr war, auch die Möglichkeit, damit fertig zu werden.“ 1943 erscheint „Sie kam und blieb“. De Beauvoirs alter ego ist hier Françoise Miquel, eine angehende Schriftstellerin und Assistentin des Regisseurs Pierre Labrousse. Mit Xavière erfindet de Beauvoir eine Mischung aus Olga und Wanda. Für Xavière endet die Geschichte tödlich: Als sie sich nach Einnahme eines Schlafmittels in ihrem Zimmer einschließt, öffnet Françoise den Gashahn und tötet die junge Frau. Eine Lösung, die de
Beauvoir selbst mit Unbehagen erfüllt. Doch „sie hatte für mich kathartische Bedeutung“. Wie artikuliert sich weibliches Verlangen einem gesellschaftlich untergeordneten Mann gegenüber? Françoises Versuch, es dem jungen Gerbert ganz direkt zu sagen, ist ein Meisterwerk der Umständlichkeit: „Ich habe gelächelt, weil ich mich fragte, was Sie für ein Gesicht machen würden (. . .), wenn ich Ihnen vorschlüge, mit mir zu schlafen.“ Toril Moi zufolge liegt hier die Vermutung nahe, dass die „direkteste mögliche Äußerung weiblichen Begehrens im Konditional der Vergangenheit stattfindet“.
Wissen und schreiben
„Vor allem zwei Dinge haben meinem Dasein seine Einheit verliehen: der Platz, den Sartre niemals aufgehört hat, in ihm einzunehmen. Und die Treue, mit der ich an meinem ursprünglichen Entwurf festgehalten habe: wissen und schreiben“, heißt es 1972 in „Alles in allem“. Als de Beauvoir 1946 mit der Arbeit an „Das andere Geschlecht“ beginnt, will sie eigentlich einen autobiografischen Essay schreiben, in dem die Protagonistin ihre innerste Wahrheit preisgibt. Doch dann ist ihr Interesse so groß, dass sie „den Plan einer persönlichen Beichte fallenließ, um mich mit der Lage der Frau im Allgemeinen zu befassen“. Ihr Fazit: „Man kommt nicht als Frau auf die Welt, man wird es.“ In der Perspektive existenzialistischer Philosophie sind Männlichkeit und Weiblichkeit keine ewigen Wesenheiten, sondern Konzepte, Ergebnisse von Handlungen und Nichthandlungen: „Diese ,weiblichen‘ Qualitäten sind nicht angeboren, sondern resultieren aus unserer Unterdrückung. Aber wir könnten sie auch nach einer Befreiung bewahren – und die Männer müssten sie erlernen.“ Als das Buch 1949 erscheint, ist das soziale Klima in Frankreich repressiv: Verheiratete Frauen dürfen kein eigenes Bankkonto eröffnen und ohne Erlaubnis des Ehemanns keinen Beruf ausüben. Empfängnisverhütung wird erst 1967 legal. Die Vorabdrucke in „Les Temps Modernes“ entfesseln einen Skandal, der Vatikan setzt das Werk auf den Index. Der Verkaufserfolg ist indessen riesig. „Ihr Buch hat mich gerettet“, „Ihr Buch war mir eine große Hilfe“, schreiben Frauen aller Altersstufen und Schichten an die Autorin. Psychiater geben den Essay ihren Patientinnen zu lesen. Obwohl de Beauvoir nirgends diesen Begriff benutzt, um ihre Position zu bezeichnen, hat sie später oft gesagt, das Schreiben des Buchs habe sie zur Feministin gemacht. Zunächst hofft sie, der Kampf der Geschlechter werde sich in einer sozialistischen Gesellschaft quasi automatisch auflösen. 1971 schließt sie sich der französischen Frauenbewegung an.
Auch de Beauvoir lässt sich getreu dem Pakt mit Sartre auf „kontingente“, nicht notwendige Liebesbeziehungen ein. Dabei erlebt sie mit dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren 1947 ihre große Liebe, nennt ihn „meinen Mann“. Er bittet sie, ihn zu heiraten, was für de Beauvoir jedoch nicht infrage kommt. Zu eng ist sie mit Sartre
verbunden. So hat ihre Liebe keine Zukunft.
Depressiver Zustand
Bereits mit 27 Jahren identifiziert
Simone de Beauvoir ihre Gemütsverfassung als „Melancholie“. Als Sartre während der Zeit in Rouen intime Beziehungen zu anderen Frauen aufnimmt, leidet sie unter Angstzuständen. Depression, Liebesverlust, Angst vor dem Tod und der
Leere des Nichtseins kennzeichnen fortan die regelmäßig wiederkehrenden Krisen im Leben de Beauvoirs. Doch als Psychiater den Schluss
ihres dritten Memoirenbands „Der Lauf der Dinge“ (1963) einem depressiven Zustand zuschreiben, besteht sie darauf, dass Schreiben und Depression nichts miteinander zu tun haben. Denn „in schwierigen
Perioden meines Lebens Sätze niederzuschreiben – auch wenn niemand sie je lesen wird –, gewährt mir die gleiche tröstende Kraft wie dem Gläubigen das Gebet“.
Alice Schwarzer zufolge hat de Beauvoir Sartre „zu viel durchgehen lassen“. Doch sie hat sich auch einige Freiheiten genommen, die sie sehr bereichert haben. Dass ihr Leben dabei immer wieder deutliche Anzeichen von seelischem Leid und Konflikten aufweist, ist nicht überraschend. Leben und Werk bezeugen ihren Mut, ihre Ausdauer und Kraft wie auch ihre Hilflosigkeit und Zerbrechlichkeit. Am 14. April 1986 ist Simone de Beauvoir in Paris gestorben. Christof Goddemeier

LITERATUR
1. Monika Pelz: Simone de Beauvoir. Frankfurt a. M. 2007.
2. Toril Moi: Simone de Beauvoir – Die Psychographie einer Intellektuellen. Frankfurt a. M. 1997.
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