ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2008Psychoanalyse: Trends werden gemacht
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LNSLNS Als ein Ergebnis der repräsentativen Leserumfrage im August 2007 bei PP und KJP wurde deutlich: „Viele Psychotherapeuten wünschen sich mehr Artikel über Ergebnisse aus der psychotherapeutischen/psychologischen Forschung. . . . Auffallend viele meinen, dass psychoanalytische und psychodynamisch orientierte Therapieansätze – im Gegensatz zur Verhaltenstherapie – unterrepräsentiert sind.“ Dazu merkt die Autorin des Editorials an, „dass die meisten Studien kognitiv-behaviorale beziehungsweise verhaltenstherapeutische Ansätze untersuchen“, sieht das als ein Defizit an und zieht daraus die Begründung für die hier offenkundig gewordene Einseitigkeit. Zudem möchte sie bedacht wissen, „dass der Trend weg von einer ‚Schulenorientiertheit‘ geht und hin zu störungs- und therapieprozess-bezogenen Ansätzen“.
Dazu meine folgenden kritischen Einwände:
1. Es besteht ein breites Interesse an Psychoanalyse. Psychoanalyse stellt den wissenschaftlichen Hintergrund für einen der beiden psychotherapeutischen Ansätze innerhalb der Psychotherapie-Richtlinien dar. Ihre Bedeutung wird nicht durch die Zahl der Veröffentlichungen begründet – es wird so viel geschrieben, dass ohnehin kein Mensch das alles mehr lesen kann –, sondern durch ihre Behandlungserfolge und die Qualität ihrer Dokumentation. Es gibt genügend psychoanalytische Studien von hervorragender Qualität, um der Leserschaft des PP-Ärzteblatts eine umfassende Berichterstattung darüber vorlegen zu können, sofern der Wille dazu besteht. Trends „gehen“ nicht, Trends werden gemacht! Beispielsweise durch eine einseitige Berichterstattung. Oder indem der vielfach geäußerte Wunsch nach umfassenderer Information über Psychoanalyse in solcher Weise knapp beiseitegeschoben wird. Ich ersuche die Redaktion, ihre Haltung dazu zu revidieren.
2. Sofern es Bestrebungen oder einen Trend gibt, schulenübergreifende, störungs- und prozessspezifische Therapieansätze zu favorisieren – die Psychoanalyse berücksichtigt im Übrigen in ausgesprochener Weise das Prozessgeschehen in der Therapie –, sollte auch der Frage nachgegangen und offengelegt werden, in wessen Interesse das vonstatten geht. Meine Thesen dazu:
- In einer von ökonomisch-gesellschaftlichen Forderungen nach immer erbarmungsloserem Wettbewerb, Leistungswillen, Anpassung und Mobilität geprägten Welt werden elementare menschliche Bedürfnisse nach Sicherheit und Sinnhaftigkeit oft an den Rand gedrängt. Das Leiden des darunter krank werdenden Menschen soll in einer zunehmenden Zahl von Diagnosen ausgegrenzt und zu einer „Störung“ erklärt werden, welche mit dem Ziel möglichst raschen Wieder-Funktionierens im System repariert werden soll.
- Langfristige Psychotherapien mit dauerhafter Besserung, wie für die Psychoanalyse belegt (beispielsweise von Leuzinger-Bohleber, Stuhr, Beutel und anderen), sind für die ortsansässige Kasse ein Investitionsfehler, wenn der Patient an-schließend umzieht, was berufshalber immer häufiger geschieht. Deswegen ist man hier eher an kurzfristigen Behandlungen interessiert, die weniger kosten.
- Klassifikationen und Kontrolle scheinen eine sich mehr und mehr ausbreitende Machbarkeitsillusion anzuzeigen, mittels derer eine zunehmend größere Personenzahl ein allgemeines, multifaktoriell bedingtes Bedrohungsgefühl von sich fernzuhalten versucht.
Dipl.-Psych. Cornelia Puk, Eichendorffstraße 13,
71083 Herrenberg
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