ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2008Selbstverständnis: Heilsame therapeutische Beziehungen anbieten
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LNSLNS Da war es wieder, dieses Unwohlsein. Gleich nach dem Lesen der Meldung. Also noch mal zurückgeblättert. Welches Wort hatte das Gefühl doch gleich ausgelöst? Ach ja, da stand es: „Selbstmanagement“. Was ist eigentlich an Selbstfürsorge so falsch, dass wir sie durch „Selbstmanagement“ ersetzen sollten? Mit welchem der beiden Worte verbinden Sie eher Begriffe wie „Kosten-Nutzen-Rechnung“, „Gewinnmaximierung“ und „Nadelstreifenanzug“ und mit welchem andererseits Eigenschaften wie „wohlwollend“, „beschützend“ oder „liebevoll“? Woran liegt es, dass kaum noch jemand Gefühl zeigt, sondern stattdessen „Emotionen rauslässt“ wie einen Hund, der noch dringend Gassi müsste? Hier geht es nicht um kleinkarierte Sprachbesserwisserei oder deutschtümelnde Abwehr von Anglizismen, sondern um etwas Grundsätzliches: Wenn wir in der Arbeit mit Menschen distanzierte, versachlichende oder betriebswirtschaftliche Begriffe verwenden, dann eignen wir uns damit – oft ohne es zu merken – auch die dazugehörigen Werthaltungen an. Dann wird ein ausgefüllter Qualitätsfragebogen schnell wichtiger als Zuhören, Verstehen und Mitfühlen. Dann tragen wir als Therapeuten zur Störung derer bei, die sich uns anvertrauen, anstatt ihnen ihr Mensch-sein wieder näher zu bringen. Wir Therapeuten waren einmal Vertreter einer Haltung, in der es um die Erfahrung, Erforschung und Entwicklung von Menschen, ihrer Persönlichkeit, ihres Selbst ging. Inzwischen sind wir in punktebewerteten Fortbildungsseminaren zu vermeintlich hoch spezialisierten „Trainern“ und „coaches“ geworden und haben uns dazu degradieren lassen, angeblich ebenso isolierte Vorgänge wie Symptombeseitigung, Ressourcen-aktivierung, Traumabewältigung sowie Praxisabläufe nach zertifizierten ISO-0815-Manualen zu managen.
Wann werden wir uns daran erinnern, dass etwas Messbares immer nur Quantität und niemals Qualität sein kann? Wann haben wir endlich genug von der Gängelung durch sachkompetenzfreie Politiker und Verwaltungsangestellte, die in Menschenführungs-Wochenendseminaren gelernt haben, einen Mitarbeiter in jedem dritten Satz mit seinem Namen anzusprechen, weil das dann so persönlich wirkt? Wann werden wir merken, dass wir keine Manager sind? (Vielleicht hilft ja ein Blick auf den Kontoauszug – echte Manager verdienen wirklich viel mehr.) Wann wollen wir die Therapieforschung, die die Wirksamkeit der therapeutischen Beziehung wieder und wieder bestätigt, endlich ernst nehmen? Wann wollen wir uns wieder auf die Aufgabe besinnen, die wir selbst einmal gewählt hatten: persönlich immer weiter zu wachsen und dadurch anderen eine heilsame therapeutische Beziehung anbieten zu können, in der auch sie sich wieder ihrem menschlichen Wachstum und der Erforschung ihrer wahren Bedürfnisse widmen dürfen?
Eine gelungene therapeutische Beziehung hilft, ist aber nicht plan- oder manualisierbar. Sie ist mit jedem Klienten neu und anders, und auch zwei Therapeuten hätten mit ein und demselben Klienten zwei unterschiedliche, aber dennoch potenziell heilsame Beziehungen. Wenn, ja wenn diese Therapeuten ihre Zeit und Energie wieder auf die Entwicklung ihrer eigenen Beziehungsfähigkeit verwenden könnten, statt betriebswirtschaftliche Fehlentwicklungen nachzuahmen.
Peter Neureuther, Psychologischer Psychotherapeut, Spritzenhausplatz 12, 73433 Aalen
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