ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2008Cannabiskonsum: Für Jugendliche besonders riskant

WISSENSCHAFT

Cannabiskonsum: Für Jugendliche besonders riskant

PP 7, Ausgabe Januar 2008, Seite 34

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Cannabisbezogene Störungen sind vor allem bei Jugendlichen drastisch angestiegen. Bleibt die Abhängigkeit unbehandelt, ist eine spontane Remission unwahrscheinlich.
Das Präventions- und Behandlungsangebot muss erweitert werden.

Die Diskussion um die Schädlichkeit von Cannabis wird schon seit vielen Jahren geführt. Die Befürworter berufen sich darauf, dass Cannabis kaum Nebenwirkungen hat und keine Langzeitschäden verursacht. Gemäß dem aktuellen Stand der Forschung findet man bei Cannabiskonsumenten in der allgemeinen Anamnese für gewöhnlich keine spezifischen, körperlichen Auffälligkeiten, mit Ausnahme von respiratorischen Symptomen. Mehr als 90 Prozent der Cannabiskonsumenten weisen keine Substanzabhängigkeit auf, und die Entzugssyndrome sind – falls sie überhaupt auftreten – nicht schwer ausgeprägt. Zudem gibt es keinen schlüssigen Nachweis dafür, dass Cannabiskonsum mit psychosozialen Problemen oder mit dem amotivationalen Syndrom einhergeht, das mit Lethargie, Passivität, verflachtem Affekt und mangelndem Interesse assoziiert ist.
Dies alles gilt jedoch nur für den gelegentlichen Konsum (an ein bis fünf Tagen pro Monat) und für den erwachsenen Organismus. Häufiger (täglicher) und chronischer (jahrelanger) Cannabiskonsum hat hingegen verschiedene, zum Teil gravierende Folgen:
c Im Zustand der Intoxikation, aber auch noch Tage später, lassen sich kognitive Beeinträchtigungen des Arbeits- und Kurzzeitgedächtnisses, Defizite in den exekutiven Funktionen sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen nachweisen. Inwieweit diese Störungen persistieren, ist allerdings noch unklar.
c Ein kontinuierlicher Cannabiskonsum kann (muss aber nicht) zu Substanzabhängigkeit führen. Epidemiologischen Studien in Deutschland zufolge sind circa vier bis sieben Prozent der Cannabiskonsumenten substanzabhängig, in australischen und US-amerikanischen Studien wird von bis zu 22 Prozent abhängiger Konsumenten berichtet.
c Mit Cannabisabhängigkeit geht eine hohe psychiatrische Komorbidität einher. Schätzungsweise mehr als 70 Prozent der Cannabisabhängigen leiden an anderen komorbiden psychischen Störungen, wie Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, Angsterkrankungen, Depressionen, erhöhter Aggressivität und schizophrenen Psychosen. Der Konsum von Cannabis wird von den Betroffenen unter anderem eingesetzt, um die komorbiden Störungsbilder zu bewältigen. Die Kausalität zwischen komorbiden Störungen und Cannabiskonsum ist bisher nicht geklärt.
c Cannabis wird selten allein konsumiert, sondern häufig zusammen mit Nikotin, seltener zusammen mit Opioiden, Kokain, Benzodiazepinen, Amphetaminen, Ecstasy und Alkohol. Diese Mixtur kann unvorhergesehene Wirkungen haben.
c Langzeitstudien zeigen, dass ein anhaltend hoher Konsum von Cannabis mit schulischen und später beruflichen, finanziellen und familiären Problemen einhergeht, wobei auch hier die Kausalität nicht eindeutig ist.
c Bei Intoxikation mit hohen Cannabisdosen kann es zu akut psychotischen Reaktionen, transienten psychotischen Phänomenen, psychotischen Episoden mit schizophrener Symptomatik, Nachhallpsychosen (Flashbacks) sowie zu deliranten Zuständen kommen, die auch mehrere Tage oder Wochen anhalten können.
Gegner des Cannabiskonsums führen aber nicht nur die zahlreichen Folgeschäden ins Feld, sondern berufen sich auch auf neuere Entwicklungen und Erkenntnisse. Dazu zählt erstens, dass sich züchtungsbedingt die Konzentration einer psychoaktiven Substanz (THC) im Marihuana in den letzten 20 Jahren verdreifacht haben soll; allerdings ist nicht zweifelsfrei erwiesen, das das THC zu Schädigungen führt.
Zweitens zeigen viele Konsumenten ein anderes, oft weitaus extremeres und exzessiveres Konsumverhalten als noch vor 20 oder 30 Jahren. So ist beispielsweise bei Jugendlichen das Inhalieren illegaler Cannabisprodukte aus Flaschen, die in einer Art Eimer stehen („Eimerrauchen“), weit verbreitet, was mit einer starken Intoxikation innerhalb kürzester Zeit einhergeht. In spezifischen Jugendszenen werden außerdem Alkohol, Ecstasy und andere „Partydrogen“ zeitgleich mit Can-nabis konsumiert.
Drittens weisen aktuelle Studien darauf hin, dass Cannabis im Gehirn von Jugendlichen eine weitaus schädlichere Wirkung hat als im Gehirn erwachsener Konsumenten. Es greift dort Strukturen an, die noch nicht ausgereift und daher besonders störanfällig sind.
Viertens kann selbst ein erstmaliger und nicht selten auch einmaliger oder zumindest sehr kurzfristiger Cannabiskonsum Psychosen auslösen, vor allem bei Personen mit entsprechender Disposition. Bei einem kurzfristigem Konsum ist kaum anzunehmen, dass Cannabis der Verursacher ist. Es besteht hingegen kein Zweifel, dass Cannabis die Psychose, die eventuell erst viel später oder auch gar nicht aufgetreten wäre, ausgelöst hat. Die meisten Patienten mit psychotischen Erkrankungen, die in psychiatrischen Ambulanzen und Kliniken vorstellig werden, haben vorher Drogen – meist Cannabis – genommen, möglicherweise als eine Art „Selbsttherapie“. Auch bei diesen Fällen ist davon auszugehen, dass der Cannabiskonsum die psychotische Erkrankung ausgelöst, wenn nicht gar verursacht hat.
Substanzspezifische
Abhängigkeiten überwinden
Fünftens berichten ambulante Drogenhilfen, Beratungsstellen und Suchtkliniken über immer mehr Konsumenten mit cannabisbezogenen Problemen, die auch gezielt nach Hilfe suchen. Während alkohol- und opiatbezogene behandlungsbedürftige Störungen im Jahr 2002 etwa das 1,5-Fache des Ausgangswerts von 1992 erreichten, stiegen cannabisbezogene Störungen auf das Sechsfache an. Nach Angaben der Deutschen Suchthilfestatistik waren Störungen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum im Jahr 2002 die nach Alkohol- und Opiatkonsum dritthäufigsten Hauptdiagnosen sowohl im ambulanten (26 Prozent) als auch im stationären (sieben Prozent) Bereich. „Jeder Zweite, der heute wegen des Konsums illegaler Drogen zum ersten Mal eine Beratungsstelle aufsucht, kommt wegen Cannabis“, so Prof. Dr. med. Rainer Thomasius vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Die Behandlung cannabisbezogener Störungen zielt hauptsächlich darauf ab, Intoxikationen und schädlichen Gebrauch zu behandeln beziehungsweise zu vermeiden und substanzspezifische Abhängigkeiten zu überwinden. Dazu werden hauptsächlich psychotherapeutische Interventionen eingesetzt. Als wirksam haben sich vor allem kognitiv-verhaltenstherapeutische und motivationsfördernde Kurz- und Gruppeninterventionen sowie Social-Support-Gruppen und die individuelle Beratung erwiesen. „Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind darüber hinaus auch milieu- und familientherapeutische Interventionen sinnvoll“, meint Prof. Dr. med. Udo Bonnet von den Rheinischen Kliniken Essen. Durch diese Behandlungen konnten in einer deutschen Studie mehr als die Hälfte der erwachsenen Cannabisabhängigen eine signifikante Reduktion der Konsummenge und der Folgeerscheinungen erzielen. 15 bis 22 Prozent blieben während der Behandlung und auch ein Jahr danach abstinent. Vergleichbare Studien aus den USA und eine Studie, die ausschließlich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt wurde, bestätigen dieses Ergebnis. Bleibt Cannabisabhängigkeit hingegen unbehandelt, ist eine spontane Remission bei jugendlichen Dauerkonsumenten relativ unwahrscheinlich. Günstiger ist die Prognose hingegen für ältere Konsumenten, die in festen Beziehungen leben und Cannabis nur gelegentlich konsumieren.
Ein weiteres Ziel der Behandlung besteht darin, häufig vorliegende komorbide, psychische Störungen zu identifizieren und spezifisch zu therapieren. Darüber hinaus werden allgemeine, psychosozial aktivierende und kognitiv trainierende Maßnahmen, jedoch keine Pharmakotherapie empfohlen.
Behandlungsangebote
Für die Behandlung cannabisbezogener Störungen stehen in Deutschland die Angebote von Suchthilfesystemen (unter anderem Drogenberatungsstellen, Institutsambulanzen), Akutbehandlung (Entzugsbehandlung) und der medizinischen Rehabilitation (Entwöhnungsbehandlung) zur Verfügung. Mittlerweile sind aber auch andere Institutionen und Verbände auf den Anstieg cannabisbezogener Störungen vor allem bei jungen Menschen aufmerksam geworden. Dazu zählt beispielsweise das Präventionsmodell FreD (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten), das von der Koordinationsstelle des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe entwickelt und von örtlichen Suchtberatungsstellen organisiert wird. Bewährt haben sich auch die Projekte „Realize it!“ (Kombination von Tagebuch und Beratungen, in denen der eigene Cannabiskonsum eingeschätzt und reduziert werden kann; Zweiländerprojekt in Deutschland und der Schweiz), INCANT (ein Projekt für cannabisabhängige Jugendliche und deren Familien, das in fünf europäischen Ländern vergleichend durchgeführt wird), CANDIS (eine individuelle, ausstiegsorientierte Therapie) sowie „Quit the shit“ (internetgestütztes Ausstiegs- und Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Hilfe bieten außerdem Selbsthilfeangebote für junge Suchtkranke sowie zahlreiche Projekte in der Sucht- und Drogenhilfe, die sich speziell an junge Menschen mit problematischem Cannabiskonsum wenden.
Trotz dieser Ansätze sind dringend weitere Bemühungen erforderlich, um cannabisbezogene Störungen wissenschaftlich zu erforschen und das therapeutische Präventions- und Behandlungsangebot, insbesondere für junge Konsumenten, zu erweitern.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Prof. Dr. med. Rainer Thomasius, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, E-Mail: thomasius@uke.uni-hamburg.de
Prof. Dr. med. Udo Bonnet, Klinik für Suchtmedizin und abhängiges Verhalten, Rheinische Kliniken Essen, Kliniken der Universität Duisburg-Essen, Virchowstraße 174, 45147 Essen, E-Mail: udo.bonnet @uni-essen.de
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