ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2008Filmkritik: Die Folter als Lebensretter?

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Filmkritik: Die Folter als Lebensretter?

PP 7, Ausgabe Januar 2008, Seite 44

Osterloh, Falk

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Senator Hawkins Assistent (Peter Sarsgaard) im Gespräch mit Isabella
Senator Hawkins Assistent (Peter Sarsgaard) im Gespräch mit Isabella
Der Hollywoodfilm „Machtlos“ stellt die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens vor dem Hintergrund terroristischer Bedrohungen in einer globalisierten Welt.

Der ägyptischstämmige US-Amerikaner Anwar El-Ibrahimi steigt in Kapstadt in ein Flugzeug, doch sein Ziel Chicago, wo ihn seine schwangere Frau Isabella vom Flughafen abholen will, erreicht er nicht. Während einer Zwischenlandung in Washington wird er von CIA-Agenten in einen Hinterraum geführt, ihm wird eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, und er wird an einen Stuhl gefesselt. Ein Mann in einem grauen Anzug fragt ihn nach den Telefonanrufen von Rashid. Doch diesen Namen hat er noch nie gehört. Und der Anruf bei einem Anwalt, bei seiner Familie wird ihm verwehrt. Weil Anwar auf die ihm gestellten Fragen nicht antwortet, wird er mit einem kleinen Flugzeug in ein nordafrikanis
Isabella El-Ibrahimi (Reese Witherspoon) kämpft um ihren Ehemann. Fotos:Warner Bros. Pictures
Isabella El-Ibrahimi (Reese Witherspoon) kämpft um ihren Ehemann. Fotos:Warner Bros. Pictures
ches Land ausgeflogen. Dort wird er gefoltert, tage-, wochenlang. Immer wieder wird er nach Rashid gefragt, in eine Zelle gesperrt, die kaum größer ist als er selbst.
Menschenrechte gezielt außer Kraft gesetzt
Anwar El-Ibrahimi wurde von der CIA als Terrorist eingestuft, dem Verbindungen zu einem Selbstmordattentat in einer nordafrikanischen Stadt zugeschrieben wurden. Seine Menschenrechte wurden von der US-amerikanischen Regierung in einem Willkürakt gezielt außer Kraft gesetzt. Mit den Mitteln der Folter sollen nun Informationen über weitere Terroristen aus Anwar herausgepresst werden. Und da die Folter in den USA verboten ist, wird sie in einem Land der Dritten Welt durchgeführt.
„Machtlos“ ist ein unbequemer Film aus Hollywood. Das ist keine Selbstverständlichkeit, geben die Studios in diesen Tagen doch ihre Produktionsgelder am liebsten für altbewährte Geschichten aus. Die Blockbuster in diesem Sommer hießen „Fluch der Karibik 3“, „Spiderman 3“, „Ocean’s Thirteen“ oder „Shrek der Dritte“. „Machtlos“ hingegen wagt sich an ein Thema, dessen politische und moralische Brisanz an Aktualität kaum zu überbieten ist – und wurde an den amerikanischen Kinokassen prompt zum Flop. Denn „Machtlos“ thematisiert den Umgang der US-Regierung mit Terrorverdächtigen, und er stellt die unbequeme Frage, wie ein Rechtsstaat der Bedrohung durch Selbstmordanschläge begegnen kann, begegnen darf. Ist es hinnehmbar, bei dem Versuch, einen Anschlag mit möglicherweise vielen Toten zu verhindern, ein einzelnes Menschenleben bewusst zu zerstören?
Es ist das große Verdienst von „Machtlos“, dass er auf diese Frage keine einfache Antwort gibt. Stattdessen zeichnet er in außergewöhnlich glaubwürdiger Weise die Motivationen aller beteiligten Personen nach. Dem südafrikanischen Regisseur Gavin Hood, der für „Tsotsi“ im Jahr 2005 mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde, gelingt darüber hinaus ein handwerklich herausragender Thriller, der ebenso virtuos
wie souverän die unterschiedlichen Handlungsstränge zu einer Gesamtsicht auf die politischen Verstrickungen in der globalisierten Welt nach dem 11. September 2001 zusammenführt. „Machtlos“ ist Hollywoodkino, wie man es nur selten zu sehen bekommt: Eine ambitionierte Geschichte wird spannend von einem furchtlosen Regisseur inszeniert, der visuelle Ästhetik, erzählerische Präzision und inhaltlichen Anspruch zu einer eindrucksvollen Symbiose verbindet.
Falk Osterloh
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