ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2008Interview zum Thema „Individuelle Gesundheitsleistungen“ (IGeL) mit dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe: „Ärzte sind keine Kaufleute, und sie verkaufen keine Ware“

POLITIK: Das Interview

Interview zum Thema „Individuelle Gesundheitsleistungen“ (IGeL) mit dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe: „Ärzte sind keine Kaufleute, und sie verkaufen keine Ware“

Dtsch Arztebl 2008; 105(3): A-67 / B-59 / C-59

Stüwe, Heinz; Gerst, Thomas

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Fotos: Jardai/modusphoto Engagement für den korrekten Umgang mit IGeL: Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe
Fotos: Jardai/modusphoto Engagement für den korrekten Umgang mit IGeL: Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe
Mit einer Broschüre will die Bundes­ärzte­kammer die Patienten in den Arztpraxen über den korrekten Umgang mit den individuellen Gesundheitsleistungen informieren. Präsident Hoppe hält das Verhalten mancher Ärzte für nicht akzeptabel.
Gleich zu Beginn ein konkreter Fall: Ein Bekannter – gesetzlich versichert – geht mit Kniebeschwerden zum Orthopäden. Noch bevor dieser eine eingehende Untersuchung durchführt, äußert er die Verdachtsdiagnose Arthrose und spricht eine Therapie an, deren Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen würden, sondern privat bezahlt werden müssten, und bemerkt abschließend: „Aber das sollte Ihnen Ihre Gesundheit wert sein.“ Ist das aus Ihrer Sicht ein Einzelfall?
Hoppe: Das ist nicht die Regel, aber sicher auch kein Einzelfall. So etwas kommt häufiger vor. Der richtige Weg wäre gewesen: eine sorgfältige Anamnese, eine sorgfältige körperliche Untersuchung mit etwaigen anschließenden Zusatzuntersuchungen. Erst auf dieser Grundlage kann über eine Therapie und Therapievarianten nachgedacht werden. Wenn ein Arzt meint, dass eine Therapie infrage kommt, die nicht zum GKV-Leistungskatalog gehört, muss er dies dem Patienten erläutern. Er muss ihm Bedenkzeit geben, ob er diese individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) in Anspruch nehmen will. Auch der Deutsche Ärztetag hat sich 2006 dagegen ausgesprochen, dass IGeL-Angebote gleich im Erstkontaktgespräch auf den Tisch gelegt werden.

Können Sie Beispiele für inakzeptables ärztliches Verhalten nennen?
Hoppe: Ein Extremfall ist sicher gegeben, wenn die IGeL-Inanspruchnahme zur Voraussetzung gemacht wird dafür, dass der Arzt überhaupt dazu bereit ist, mit dem Patienten einen Behandlungsvertrag abzuschließen. Und es kann auch nicht sein, dass Geld ohne Quittung über den Tresen geht. Der Patient darf nicht das Gefühl haben, dass der Arzt das wie eine Art Trinkgeld in die Tasche steckt und das Finanzamt nichts davon erfährt.
Wenn es sich um Eingriffe handelt, die die Integrität des Körpers oder der Seele alterieren, muss eine Bedenkzeit eingeräumt werden – es sei denn, der Patient verzichtet ausdrücklich darauf. Es darf nicht den Hauch einer Drucksituation für den Patienten geben. Je mehr man sich daran gewöhnt, so mit Patienten umzugehen, desto eher verschwindet ja das Gespür dafür, dass etwas nicht korrekt ist.

Wie erhalten Sie bei der Ärztekammer von solchen Fällen Kenntnis?
Hoppe: Es gibt verschiedene Quellen, aus denen wir es erfahren, wenn Ärzte sich nicht an das halten, was wir als empfehlenswertes Vorgehen erachten. Patienten wenden sich mit ihren Klagen direkt an die Ärztekammer, oder Krankenkassen weisen uns darauf hin, dass – anders als in Einzelfällen von Ärzten gegenüber den Patienten behauptet – bestimmte Therapien sehr wohl zum GKV-Leistungskatalog gehören.

Wie reagiert die Ärztekammer Nordrhein, deren Präsident Sie sind,
auf solche Beschwerden?
Hoppe: Wenn es sich um eine regelrechte Beschwerde handelt, die berufsrechtlich relevant ist, wird ein Verfahren eingeleitet. Der Arzt wird dann um eine Stellungnahme gebeten. Wenn wir zu der Ansicht gelangen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist, holen wir beim ersten Mal nicht gleich die große Keule heraus. Im Wiederholungsfall, oder wenn wir der Ansicht sind, dass hier Patienten abgezockt werden, müssen wir allerdings ernsthafter durchgreifen.

Wie reagieren die Ärzte auf Ihre Ermahnungen?
Hoppe: Das ist durchaus unterschiedlich. Bei den berufsrechtlichen Verfahren in Nordrhein haben diejenigen, die mit einer Rüge belegt werden, das Recht, dagegen beim Verwaltungsgericht zu klagen. Das passiert aber fast nie.
Ich habe zudem in den vergangenen Monaten zweimal – bei der Haupt­ver­samm­lung des Hartmannbundes und beim 1. Deutschen Internistentag – das Thema „IGeL“ und den Missbrauch von IGeL öffentlich angesprochen. Das hat mir zwar einige Vorwürfe eingebracht, auf die ich aber ganz individuell geantwortet habe.

Schärfere Maßnahmen als eine Rüge hat es bisher aber noch nicht gegeben?
Hoppe: Das weitere Vorgehen wäre das Einschalten des Berufsgerichts. Dieses müsste dann nach Befassung mit der Angelegenheit die weiteren Sanktionen erlassen. So weit ist es bisher noch nicht gekommen. Wir haben ein abgestuftes Verfahren. Es beginnt mit einer berufsordnungsrechtlichen Mahnung; diese ist den Ärzten sehr unangenehm, weil sie vorläufig in den Akten bleibt. Nach dem neuen Heilberufsgesetz hat die Ärztekammer Nordrhein auch die Möglichkeit, das Aussprechen einer Rüge mit einer Geldbuße zu verbinden, was aber bisher noch nicht geschehen ist. Wovon wir allerdings schon Gebrauch gemacht haben, ist die Einstellung des Verfahrens gegen die Zahlung einer Geldbuße an eine gemeinnützige Einrichtung.

Wie beurteilen Sie grundsätzlich die individuellen Gesundheitsleistungen?
Hoppe: Die individuellen Gesundheitsleistungen sind noch eine diffuse Angelegenheit. Es gibt Ärzte, die solche Leistungen nicht erbringen, die das abstoßend finden und deshalb erst gar nicht damit anfangen. Und es gibt solche, die davon heftig Gebrauch machen.
Die Bundes­ärzte­kammer hatte vor einiger Zeit eine Arbeitsgruppe eingesetzt und die Berufsverbände und die medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften gebeten, typische IGeL ihres Fachs darzustellen, um diese in einer Art Katalog zusammenstellen zu können. Dies ist in zwei Anläufen nicht gelungen. Einige Berufsverbände und medizinischen Fachgesellschaften haben geantwortet, von den meisten haben wir die erbetenen Angaben allerdings nicht bekommen. Die Bundes­ärzte­kammer ist aber der Ansicht, dass der Missbrauch der individuellen Gesundheitsleistungen Vertrauen zerstören wird.

Reicht die Entschließung des 109. Deutschen Ärztetages zum richtigen Umgang mit IGeL nicht aus?
Hoppe: Diese wird vielleicht von dem einen oder anderen zur Kenntnis genommen, aber sie wird von den Berufsverbänden unzureichend aufgegriffen und den Mitgliedern nicht unbedingt als verbindliches Beschlussgut des Deutschen Ärztetages vor Augen gehalten. Individuelle Gesundheitsleistungen sind ja an sich nichts Schlechtes, sie können durchaus sinnvoll sein. Aber die Erbringung dieser Leistung muss korrekt erfolgen, und deshalb soll-
te die Entschließung des Magdeburger Ärztetages immer wieder zur Kenntnis gebracht werden.

Ein IGeL-Katalog ohne die Mitwirkung der Berufsverbände und medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften ist nicht möglich?
Hoppe: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, zusammen mit den Berufsverbänden und den wissenschaftlichen Gesellschaften eine gemeinsame Ordnung zu schaffen. Es ist eine gefährliche Entwicklung, wenn dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet bleibt. Ich appelliere daher an die Berufsverbände und die wissenschaftlichen Gesellschaften, sich da kooperativer zu zeigen.
Auf der anderen Seite sollte man sich im Klaren darüber sein, dass der im Sozialgesetzbuch verwendete Begriff einer „notwendigen Leistung“ sehr dehnbar ist. Die Bewertung dessen, was notwendig bei der Behandlung eines Patienten ist, führt sicherlich gelegentlich über den GKV-Leistungskatalog hinaus. Unter der Prämisse der Beitragssatzstabilität wird heute vieles als das Maß des Notwendigen überschreitend eingestuft, was früher nicht so angesehen wurde. Wenn das nun als IGeL angeboten wird, dann kann das aus ärztlicher Sicht für den Patienten wichtig sein. Diese Angebotsebene würde ich gerne gemeinsam mit den Fachgesellschaften und den Berufsverbänden darstellen, auch um die Qualitätsanforderungen an diese individuellen Gesundheitsleistungen deutlich zu machen.

Viele Ärzte betonen mit Blick auf die schlechte Honorarsituation die Notwendigkeit, Einkünfte außerhalb der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zu erzielen.
Hoppe: Ich kann verstehen, wenn Ärzte dieses Argument mit in ihre Überlegungen einbringen. Dann müssen sie aber den Patienten ganz klar sagen, wo die Motivation liegt. Denn Ärzte sind keine Kaufleute, und sie verkaufen keine Ware. Sofern dies geschieht, ist dies – noch bevor es berufsrechtlich relevant wird – aus ärztlicher Sicht bedenklich und schädlich für den Ruf – nicht nur für den des einzelnen Arztes, sondern schnell auch für den der ganzen Profession. Deshalb muss man klarstellen, dass es sich bei IGeL um Leistungen handelt, die vor allem für den Patienten wichtig sind und die nicht zuerst das Geschäft des Arztes fördern.

Ein Ausweg aus dem ganzen Dilemma wäre eine bessere Vergütung
der kassenärztlichen Leistung.
Hoppe: Ja – rufen Sie zum Beispiel nachts parallel einen Notarzt und einen Schlüsseldienst. Der eine kommt im besten KV-Bezirk auf maximal 65 Euro, der Schlüsseldienst verlangt mindestens 100 Euro nur fürs Kommen und fängt dann an, seine Leistungen zusätzlich abzurechnen. Da stimmt etwas nicht. Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch, zusätzlich zu den Einnahmen aus der GKV noch andere Einkommensarten zu erschließen, natürlich verständlich. Wenn eine Praxis an die Existenzgrenze kommt, geht auch die Messlatte herunter. Aber es darf nicht so weit gehen, dass der Arzt den eigenen Ruf oder den der Profession insgesamt schädigt.

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Wie ist dem zu begegnen?
Hoppe: Ich bin sehr dafür, dass wir als Ärztekammern intensiv auch in der Öffentlichkeit aufklärend arbeiten. Ich weiß, dass nicht alle Kollegen das gerne mögen, aber wir haben den Arztberuf in einem anständigen Zustand übernommen und müssen ihn als Vertreter der deutschen Ärzteschaft auch in einem anständigen Zustand der nächsten Generation weitergeben. Da müssen dann auch diejenigen, die als Gefährder auftreten, in die Schranken gewiesen werden.

Finden Sie da Unterstützung bei den anderen Kammerpräsidenten?
Hoppe: Die Entschließung zum Umgang mit IGeL wurde einstimmig vom Vorstand der Bundes­ärzte­kammer in die Diskussion auf dem 109. Deutschen Ärztetag eingebracht. Trotz einiger verwässernder Anträge von Delegierten ist diese Entschließung weitgehend unverändert angenommen worden. Das ist weiterhin geltende Beschlusslage. Wir müssen sie nun mehr in die Öffentlichkeit bringen. Wir werden nicht alle erreichen. Aber die Uneinsichtigen setzen sich dann der Gefahr einer berufsrechtlichen Auseinandersetzung aus. Ich glaube schon, dass wir bei der großen Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte die Einsicht wecken können, dass mit dem Thema kein Schindluder getrieben werden darf.

Die Bundes­ärzte­kammer will nun einheitlich in allen Ärztekammern eine Patienteninformation zum Umgang mit IGeL herausbringen, die in den Arztpraxen ausgelegt werden soll.
Hoppe: Wir machen einen Flyer, der die Beschlusslage des Deutschen Ärztetages – wie verhalte ich mich korrekt beim „Igeln“ – enthält. Der ist für alle Ärztinnen und Ärzte gedacht, die IGeL anbieten. Wir gehen davon aus, dass diese bereit sind, sich an die Regeln zu halten. Mit der Auslage in ihren Praxen dokumentieren sie das darüber hinaus gegenüber ihren Patienten. Zugleich werden die Patienten darauf aufmerksam gemacht, dass sie Fragen stellen dürfen und wie diese lauten könnten. Das wird einen pädagogischen Effekt haben. Denn wenn in einer Arztpraxis ein solcher Flyer nicht zur Verfügung steht, dann wird es die Patienten stutzig machen.
Die Fragen stellten Heinz Stüwe und Thomas Gerst.

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