ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2008Medizinische Fachangestellte: Tarifvertrag bringt Einstieg in bessere Alterssicherung

POLITIK

Medizinische Fachangestellte: Tarifvertrag bringt Einstieg in bessere Alterssicherung

Dtsch Arztebl 2008; 105(3): A-76 / B-66 / C-66

Bristrup, Rosemarie

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Klaus Rose
Foto: Klaus Rose
Ost-West-Angleich bei den Gehältern und Ausbildungs-
vergütungen. Die praxisrelevante Fortbildung wird besser honoriert. Der Spielraum für Gehaltserhöhungen war nicht groß.
Die Arbeitsgemeinschaft zur Regelung der Arbeitsbedingungen der Arzthelferinnen/Medizinischen Fachangestellten (AAA) hat mit dem Verband medizinischer Fachberufe in der dritten Verhandlungsrunde am 22. November 2007 einen Gehalts- und einen Manteltarifvertrag sowie einen Tarifvertrag zur betrieblichen Altersversorgung und Entgeltumwandlung abgeschlossen. Ab dem 1. Januar 2008 erhalten Medizinische Fachangestellte/Arzthelferinnen 2,5 Prozent mehr Gehalt. Der Ostabschlag bei den Gehältern in den neuen Bundesländern in Höhe von 14,75 Prozent entfällt. Die Ausbildungsvergütungen Ost werden ebenfalls auf Westniveau angehoben; weitere Erhöhungen gibt es hier allerdings nicht. Arbeitnehmerinnen und Auszubildende haben ab dem 1. April 2008 erstmalig einen Anspruch auf einen Arbeitgeberbeitrag zur betrieblichen Altersversorgung.
Der Verband medizinischer Fachberufe hatte im Januar 2007 den Gehaltstarifvertrag zum 30. April 2007 gekündigt und Gehaltserhöhungen zwischen fünf und 20 Prozent – je nach Tätigkeitsgruppe –, eine Erhöhung der Ausbildungsvergütungen um 20 Prozent sowie den Wegfall des Ostabschlags gefordert. Er begründete dies mit den seit 2005 unveränderten Gehältern, die im Jahr 2004 nach 30 Monaten letztmalig um ein Prozent angehoben worden waren. Nach den Berechnungen des Verbands betrug das Nettogehalt einer nach Einstiegstarif (1 322,14 Euro brutto) bezahlten Mitarbeiterin 961,55 Euro (West) und lag damit um 83,00 Euro unter der für das Jahr 2007 berechneten Armutsgrenze (1 054,00 Euro West). Dies entsprach einem Stundenlohn in Höhe von 7,92 Euro. Im Vergleich hierzu erhält das Pflegepersonal der Tarifgruppen fünf bis acht in der ersten Stufe 10,11–11,53 Euro pro Stunde (ohne Zuschläge). Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA) in Apotheken erhalten im ersten Berufsjahr einen Stundenlohn in Höhe von 8,49 Euro.
Dass es im ambulanten Gesundheitswesen angesichts der Budgetierung wenig Spielraum für Gehaltserhöhungen gibt, stand für die ärztlichen Arbeitgeber außer Frage. Gleichzeitig war aber auch klar, dass langfristig Lohnsteigerungen für das Personal realisiert werden sollten, die der Leistung und dem Beitrag von Medizinischen Fachangestellten/Arzthelferinnen zur Patientenversorgung gerecht werden. Mit mehr als 300 000 Beschäftigten sollen sie künftig eine verstärkte strukturelle Komponente in der ambulanten Versorgung darstellen; ihr Potenzial muss angesichts geänderter Versorgungsbedarfe und -strukturen stärker einbezogen und genutzt werden.
Durch die neue Ausbildungsverordnung, die zum 1. August 2006 in Kraft getreten ist, wurde der Beruf von den Inhalten her deutlich modernisiert und aufgewertet und auf die neuen Erfordernisse der Patientenversorgung ausgerichtet. Dadurch bietet er sich verstärkt für die Übernahme delegierbarer Leistungen an, insbesondere auch zur Entlastung von Hausärzten. Neue (Muster-)Fortbildungscurricula der Bundes­ärzte­kammer in den Bereichen Patientenbegleitung und Koordination, Prävention, Ernährungsmedizin und Versorgung älterer Menschen einschließlich Hausbesuchen sollen dieses Ziel unterstützen. Die Arbeitgeber strebten deshalb unabhängig von den arbeitnehmerseitig geforderten Steigerungsraten von Anfang an stärker eine inhaltliche und strukturelle Fortentwicklung des Gehaltstarifvertrags an: Die Gehaltstabelle und die Definitionen der Tätigkeitsgruppen sollten die Veränderungen in der Aus- und Fortbildung adäquat abbilden, um praxisrelevante Qualifikationen und Leistungen besser zu honorieren.
Mit Blick auf die – angesichts der Gehälter – drohende Altersarmut von Arzthelferinnen sowie die bisher geringe Inanspruchnahme der betrieblichen Altersvorsorge (trotz einer eigenen Pensionskassenversorgung) boten die Arbeitgeber anstelle einer höheren linearen Steigerung die Einführung einer arbeitgeberfinanzierten Altersversorgung an, mittelfristig allerdings zulasten des Zuschusses zu den vermögenswirksamen Leistungen in der bisherigen Form. Dieser wird mit Ende des Jahres 2014 abgeschafft; bis dahin abgeschlossene Verträge sind aber noch bis zu deren Auslaufen zu bedienen.
Die Ärzteschaft steht vor dem Dilemma, dass die angestrebte Stärkung der ambulanten Versorgung mittels einer angemessenen Vergütung des Praxispersonals aufgrund der starren Budgetierung der Gesundheitsausgaben im ambulanten Bereich bisher nicht realisierbar war. Die Grundlohnsummensteigerungsrate für 2007 in Höhe von 0,64 Prozent ist keinesfalls dazu geeignet, auch nur ansatzweise angemessene Lohnsteigerungen zu realisieren. Anders als im stationären Bereich hat der Gesetzgeber keine Möglichkeit vorgesehen, über diese von ihm festgesetzte Rate hinausgehende Gehaltssteigerungen zu refinanzieren. Deshalb forderte der Deutsche Ärztetag 2007 Zuschläge für Personalausgaben. Es ist trotz gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unternommener intensiver Bemühungen nicht gelungen, in den EBM-Verhandlungen sowie im Erweiterten Bewertungsausschuss im Oktober 2007 die Krankenkassen dazu zu bewegen, für 2008 die Personalkostenkomponente bei einer Erhöhung der Gesamtvergütung angemessen zu berücksichtigen. Spätestens bei der Festsetzung des bundesweiten Orientierungspunktwerts 2008 werden die Tarifabschlüsse, vor allem die 100%ige Angleichung der Ostgehälter, in die Kalkulation mit einfließen müssen.
Trotz dieser widrigen Umstände musste es zu einer deutlichen – im Verhältnis zu diesjährigen Tarifabschlüssen in anderen Branchen allerdings nicht allzu hohen – linearen Tariferhöhung kommen. Anderenfalls wäre das eingangs skizzierte versorgungspolitische Ziel einer Stärkung der ambulanten Versorgung bereits kurzfristig nicht mehr realisierbar: Angesichts der derzeitigen Gehälter, einer zunehmend günstigen Arbeitsmarktsituation für Arzthelferinnen, eines geänderten Versorgungsbedarfs und schon ab 2008 rückläufiger Schulabgängerzahlen ist sonst vielleicht schon bald keine angemessene quantitative und qualitative Rekrutierung von Personal für die Versorgungsaufgaben der Zukunft möglich.
Im Gehaltstarifvertrag ist die seit 1990 bewährte Strukturierung der Gehaltstabelle in Tätigkeits- und Berufsjahrgruppen beibehalten worden. Allerdings ist der Durchstieg in höhere Tätigkeitsgruppen aufgrund von Qualifizierung nun rascher als bisher möglich. Dies trägt der Dynamik in den Arztpraxen und den Erwartungen junger bildungs- und leistungswilliger Frauen Rechnung. Die Tabelle wurde um eine Berufsjahrgruppe erweitert, um auch den zunehmend länger im Berufsleben verbleibenden Mitarbeiterinnen noch Perspektiven und Anreize zu geben.
Die Definition der Tätigkeitsgruppe eins wurde gemäß der gestiegenen Anforderungen sowie der in den Arztpraxen gelebten Realität angepasst; sie entspricht inhaltlich der früheren Tätigkeitsgruppe zwei. Als Eingangsstufe nach der Ausbildung trägt sie der Tatsache Rechnung, dass Medizinische Fachangestellte alle nach der Ausbildungsverordnung erlernten Tätigkeiten ab dem ersten Berufsjahr eigenständig ausführen dürfen. Die Definitionen der Tätigkeitsgruppen zwei bis vier wurden entsprechend modifiziert; sie enthalten aber nach wie vor
eine „aufsteigende“ Beschreibung
nach zunehmender Selbstständigkeit, Komplexität der Tätigkeiten, abgeleisteter Fortbildung und Leitungsaufgaben. Zusätzlich wurde der Umfang absolvierter Fortbildungsmaßnahmen, die einstufungsrelevant sind, quantifiziert.

Beitrag für die Zukunftssicherung im Alter
Mit dem Tarifvertrag zur betrieblichen Altersversorgung und Entgeltumwandlung werden über die bis dato ausschließlich arbeitnehmerfinanzierte Altersversorgung durch Umwandlung von eigenen Entgeltbestandteilen hinaus nun ein zusätzlicher arbeitgeberfinanzierter Vorsorgebeitrag sowie ein Zuschuss zur Entgeltumwandlung eingeführt. Damit wollen die Tarifvertragsparteien einen Beitrag zur Zukunftssicherung von Medizinischen Fachangestellten im Alter leisten, indem sie die Möglichkeit zum Aufbau einer zusätzlichen kapitalgedeckten Altersversorgung schaffen. Darüber hinaus besteht seit 2002 eine eigene Pensionskassenversorgung für Gesundheitsberufe mit dem Produkt GesundheitsRente, das auf den Tarifvertrag abgestimmt ist.
Die Einbeziehung von Auszubildenden bereits nach der Probezeit erfolgte aus sozialpolitischen Gründen: Ein frühzeitiger Beginn ist gerade bei der Altersversorgung wichtig, da nur bei langen Vertragslaufzeiten auch mit kleinen Sparraten eine nennenswerte zusätzliche Altersversorgung aufgebaut werden kann.
Rosemarie Bristrup, AAA
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema