ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2008Public Health Genetics: Suggestiv
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Der Titel ist suggestiv. „Noch umstritten“ könnte bedeuten, dass der Autor für die Zukunft erwartet (oder erhofft?), es werde keinen Diskurs mehr über „Public Health Genetics“ geben. Eine erschreckende Vorstellung. Die genetische Forschung ist ein Beispiel dafür, wie ein bestimmtes Menschen- und Krankheitsbild (der Mensch als Objekt biochemischer Prozesse), technische Machbarkeiten, eine bestimmte Wissenschaftskultur (welche Art von Forschung bringt Ansehen?) und wirtschaftliche Interessen Fakten schaffen, die wiederum das zugrunde liegende Menschen- und Krankheitsbild unterstützen und verstärken. Es wird kaum reflektiert, welche (krank machenden) Wirkungen dieses Menschenbild hat. Der Autor beschreibt die Möglichkeiten, gesunden Menschen Informationen über ihre individuellen Krankheitsdispositionen zu geben, um sie unter Umständen zu erhöhter „Compliance in Bezug auf präventive Maßnahmen“ zu bewegen. Ein so informierter Patient wird Angst bekommen oder sogar erschüttert sein. Die Information über eine ihn bedrohende Krankheit (die ihn auch ohne das neue Wissen vielleicht nie befallen hätte), wird ihn zum Opfer seiner Gene machen. Er ist Objekt. Nun wirft ihm die Medizin im besten Fall einen zweifelhaften Rettungsanker zu: Er kann auf der Basis vorläufigen und unvollständigen Medizinwissens ein Risiko vermindern. Das Risikofaktorenmodell von Krankheit wird als Wahrheit übermittelt. Das Modell gibt dem Betroffenen nur eine beschränkte Freiheit und Autonomie und impliziert oft ein nicht zu beseitigendes Grundunsicherheitsgefühl (Risikofaktoren sind oft nur verminderbar und nicht löschbar) . . . Ist er psychisch stabil und stark, wird er sich nach einer Zeit (zumindest vornehmlich) wieder als Subjekt und Schöpfer seines Lebens begreifen – trotz der medizinischen Intervention in Form der „wissenschaftlichen Information“. Das wird nicht allen so Informierten gelingen. Es ist bekannt, dass die Menschen gesünder sind, die ihr Leben „selbst in die Hand nehmen“. Das entspricht auch meiner klinischen Erfahrung. Im Prozess hin zu mehr Freiheit und Gesundheit bedarf es einer Stärkung des Subjekts . . .
Dr. med. Klaus Niehoff, Marbodstraße 14,
65719 Hofheim am Taunus
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