ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2008Hoher Atlas: Ski-Oase in Nordafrika

KULTUR

Hoher Atlas: Ski-Oase in Nordafrika

Dtsch Arztebl 2008; 105(3): A-102 / B-92 / C-92

Nedbal, Dagmar

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Yallah, yallah – weiter, weiter: Über weite Schneefelder geht es dem Sattel des Tit Likemt entgegen.
Yallah, yallah – weiter, weiter: Über weite Schneefelder geht es dem Sattel des Tit Likemt entgegen.
Reisen sind Quellen der Inspiration – die Medina von Marrakesch und die Berberdörfer im Atlasgebirge ebenso wie das Skitourengehen im Hohen Atlas, der höchsten Gebirgskette im Süden des Königreichs Marokko.

Knapp 60 Kilometer südlich von Marrakesch, kurz vor dem Berberdorf Imlil hält unser Kleinbus vor dem Hôtel du Mont Blanc auf 1 595 Metern Höhe. Unsere Taschen, die komplette Ausrüstung, Kleidung und Verpflegung werden auf fünf Mulis verpackt, während wir unser erstes marokkanisches Mittagessen auf der Terrasse des Hotels bekommen: Gemüse aus dem Tagine-Topf, Fladenbrot, Makrele und Thunfisch aus der Dose. Dazu gibt es
Minztee – natürlich.

Kein schnelles Auf und Ab
Danach beginnt der fünfstündige Fußmarsch, zuerst hinauf zum Pass Tizi Agrsioual und weiter im lockeren bergauf, bergab über die Dörfer Ikis und Tinghounis nach Tacheddirt auf 2 350 Metern Höhe, wo sich unser gleichnamiges Quartier befindet. Karstig, staubig und trocken ist es hier. Auf der gegenüberliegenden Talseite leuchten die schneebedeckten Gipfel des Hohen Atlas. Die Unterkunft ist einfach, fast primitiv: eine Wasserstelle im Hof, drei Schlafräume mit Etagenbetten. Gegessen wird im Freien oder in einem der Schlafsäle. Das ist es. Doch wir – zwei Frauen und acht Männer, geleitet vom DAV-Summit-Bergführer Edu Koch – haben uns dafür entschieden, winterliche Gipfel aus eigener Kraft zu besteigen. Es geht nicht um das schnelle und häufige Auf und Ab in den Bergen. Unsere Touren gehen auch nach innen, gehen ums Wohlfühlen.
Von der Hütte Tacheddirt aus besteigen wir zwei Berge. Im Morgengrauen geht es zu Fuß bis zur Schneegrenze. Die Ausrüstung transportiert ein Muli. In einer Höhe von 2 500 Metern gleiten wir in die Tourenskischuhe, kleben die Steigfelle unter die Ski und ziehen dem Gipfel entgegen. Wir passieren weite Schneefelder, überwinden in langen Kehren steile Schneehänge, löschen unseren großen Durst in kurzen Pausen mit Minztee aus der Thermosflasche und stärken uns mit getrockneten Datteln, Feigen, Rosinen und Mandeln, die Said und Hussein, die einheimischen Guides, mitgebracht haben. Yallah, yallah – weiter, weiter.
Gut fünf Stunden dauert es, bis wir den Bou Igouenouane mit seinen circa 3 890 Metern erreichen. Am Tag darauf benötigen wir vier Stunden bis auf den Gipfel des Dschebel Likemt (3 640 Meter). Der Ausblick entschädigt für alle Strapazen. Rundum schweift der Blick und bleibt doch immer wieder im Westen, beim Größten, dem Dschebel Toubkal mit seinen 4 167 Metern hängen, den wir in wenigen Tagen besteigen wollen.
Die Abfahrt kommt einem Firnfestival gleich. So endlos die Hänge und Mulden im Aufstieg erschienen, so schnell rauschen sie nun unter den Skiern dahin. Butterweich ist der Firn in der Sonne Afrikas.
Nach zwei Tagen heißt es Abschied nehmen vom stillen Tacheddirt. Samt Gepäck geht es hinunter nach Imlil. Schier endlos zieht sich die Staubstraße zuerst hinauf zum Sattel Tizi-n’Tamatert (2 308 Meter), bevor sie steil hinab ins Berberdorf führt. Mehr als acht Kilometer Fußmarsch haben wir nach der Skitour noch zurückgelegt, bis wir endlich in das Gästehaus Maison d’Hôtes imi N’Ouassif und damit zu einer Dusche, zu einem warmen Abendessen und zu einem Bett kommen. Unterschiedliche Landschaften bestimmen das Gesicht dieses nordafrikanischen Gebirges: karstige, einsame Landschaften, landwirtschaftlich genutzte Terrassen, Schneeberge und Felsgipfel.

Kontraste: Karstig und staubig ist es im Dorf Tacheddirt, dahinter liegen die schneebedeckten Gipfel von Igouenouane und Dschebel Likemt.
Kontraste: Karstig und staubig ist es im Dorf Tacheddirt, dahinter liegen die schneebedeckten Gipfel von Igouenouane und Dschebel Likemt.
Männer in Berberkutte
Der Aufstieg zur Hütte Neltner Toubkal auf 3 207 Metern Höhe führt durch das Tal von Mizane, vorbei am luxuriösen Hotel Kasbah du Toubkal und am Wallfahrtsort Chamharouch. Zehn bis zwölf Kilometer hinter uns liegt Imlil. Die Hütte, sagt Hussein, ist nur noch eine knappe Stunde entfernt. Inschallah – so Allah will. Viele Leute sind hier plötzlich unterwegs: Franzosen, Spanier, Italiener, Engländer, Deutsche, Österreicher; manche zelten in Hüttennähe, manche haben Ski oder ein Snowboard dabei, manche die Hochtouren- und Eisausrüstung. Die Hütte selbst lässt in puncto Gedränge und Enge Erinnerungen an eine Westalpenhütte wach werden, wären da nicht die vielen Männer in Berberkutten, unter denen sich ihre Bergkleidung versteckt, orientalische Essensgerüche und die ausgelassene Stimmung.
Die Toubkal-Normalroute führt zunächst über steile, harte schneebedeckte Stein- und Schuttreißen, die zwischen 35 bis 40 Grad Hangneigung aufweisen, und erst später in flacheres Gelände. Wer hier keine saubere Aufstiegstechnik beherrscht, ist trotz der Harscheisen absturzgefährdet. Manche der Toubkal-Aspiranten tragen ihre Skier auf den Schultern oder im Rucksack, die Steigeisen unter den Schuhen. Wir jedoch ziehen mit angeschnallten Skiern hinter Hussein unsere Spur hinauf auf den Berg. Nur der starke Sturm, der zwischenzeitlich aufgekommen ist und Windböen von 120 Stundenkilometern mit sich bringt, trübt das Wohlbefinden. Nach gut zwei Stunden erreichen wir den Sattel Tizi Toubkal (3 791 Meter), wo wir die Ski ab- und die Steigeisen anschnallen, um ohne Schwierigkeiten auf den Hauptgipfel zuzustapfen.
Die Abschluss-Atlas-Tour beginnt nach kalter Nacht hinauf Richtung Süden, um gleich darauf nach Westen in ein Couloir, eine schmale, steile Felsrinne, einzubiegen. Danach eröffnen sich weite, flachere, felsdurchsetzte Hänge. Das Panorama erinnert an die Dolomiten. Mehrere steile Scharten grenzen sich im Südwesten gegen den knallblauen Himmel ab. Auf 3 889 Metern heißt es erneut, Ski ab- und Steigeisen anschnallen, um zu Fuß zum 4 038 Meter hohen Akioudgipfel aufzusteigen – ein letzter Panoramablick. Da die Sonne kräftig auf die Hänge scheint, wird die Abschlussabfahrt zum wahren Firnfinale. Auf einer Höhe von 2 800 Metern ist dann Schluss mit Skifahren, hier warten die Mulis, und es geht zurück per pedes nach Imlil und weiter mit dem Bus nach Marrakesch.

Der Uhr näher gekommen
Auf der Fahrt zur alten Königsstadt spricht niemand. Alle hängen ihren Gedanken nach. Das Abendlicht verbreitet eine melancholische Stimmung. Was für ein Gebirge, was für Menschen.
In Marrakesch zeigt uns Hamid, der deutschsprachige Stadtführer, die Minarette der Stadt, die Saadier-Nekropole, die Menaragärten und den königlichen Bahia-Palast. Nachmittags geht es in die Medina. Hier liegt die ganze Pracht an Gewürzen und Farbstoffen, an Blüten und Tees, an Oliven und Trockenfrüchten in den Auslagen. In den labyrinthischen Gassen findet man alles: Kunsthandwerk, Kleidung, Korbwaren, Teppiche, Kupfer- und Töpferwaren und vieles mehr.
Kopftuch, ja oder nein – das scheint für die jungen Frauen in dem islamischen Land kein Thema zu sein. Touristen stromern durch die engen Gassen. Am Dschemaa el-Fna, dem Gauklerplatz, der sich am südlichen Rand der Altstadt befindet, endet unsere Tour. Auf der Terrasse des Café de France, hoch über dem Platz, lässt sich das Treiben der Händler, Wahrsager, Schlangenbeschwörer und Artisten gut beobachten. „Gott hat den Afrikanern die Zeit gegeben und den Europäern die Uhr“, lautet ein Sprichwort. Hier in Marrakesch sind wir der Uhr schon wieder näher gekommen.
Dagmar Nedbal

S
Geduldige Helfer: Taschen, Ausrüstung, Kleidung und Verpflegung werden von Mulis transportiert.
Geduldige Helfer: Taschen, Ausrüstung, Kleidung und Verpflegung werden von Mulis transportiert.
Anzeige
kitouren info

Mit Tourenskiern, kürzer und breiter als Alpinbretter zum besseren Manövrieren, geht es bergauf. Steigfelle und manchmal auch Harscheisen auf den Laufflächen verhindern das Abrutschen. Die Bindung erlaubt das Anheben der Ferse. Tourengeher suchen sich ihren individuellen Weg. Das Erreichen des Angestrebten aus eigener Kraft ist das Wesentliche. Die stundenlange gleichmäßige Bewegung, das rhythmische Gleiten, die entspannte Atmung machen das Ganze meditativ und kontemplativ zugleich.
Die Saison dauert wenige Monate: von Tiefschneeabfahrten im Hochwinter bis hin zum Firnvergnügen im Frühjahr, von den Voralpen ins Hochgebirge. Es gibt für (fast) alle bekannten Regionen spezielle Literatur und Internetseiten. Alle, die es erschreckt, dass zur Ausrüstung auch Schaufel, Sonde und Lawinenverschüttetensuchgerät gehören, können sich auf einfachen, flachen Hängen oder präparierten Pisten an die Sache herantasten. Der Deutsche Alpenverein (DAV) bietet – neben Bergschulen und weiteren Vereinen – Ausbildungskurse und Touren an. Der Summit-Club, der Reiseveranstalter des DAV, legt jährlich ein Skitourenprogramm auf. Ne

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema