ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2008Pro und Kontra aus der DÄ-Redaktion: Pro Stichtagsverschiebung

POLITIK

Pro und Kontra aus der DÄ-Redaktion: Pro Stichtagsverschiebung

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-134 / B-121 / C-121

Richter-Kuhlmann, Eva

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Das Stammzellgesetz aus dem Jahr 2002 sollte novelliert werden. Eine Verschiebung des Stichtags vom 1. Januar 2002 auf beispielsweise den 1. Mai 2007 würde das geltende Recht keineswegs aushebeln, sondern lediglich der ursprünglichen Intention des Gesetzes gerecht werden. Damals wie heute geht es um die fundamentale Frage, ob in der Forschung Stammzelllinien aus menschlichen Embryonen verwendet werden dürfen. Unter strengen Auflagen ja, lautete der Kompromiss des Parlaments vor sechs Jahren.
Dieser Kompromiss sollte in seinen Grundzügen auch weiterhin Bestand haben. Fest steht: Der Verbrauch von Embryonen bleibt ethisch-moralisch nicht verantwortbar. Darauf würde eine solche Gesetzesänderung jedoch auch nicht abzielen. Signale, Embryonen in großem Stil für die Forschung zu nutzen, würden durch die Verschiebung des Stichtags von Deutschland nicht ausgehen. Deutsche Wissenschaftler hätten allerdings die Möglichkeit, sich straffrei an internationalen Forschungsprojekten, bei denen Stammzelllinien jüngeren Datums verwendet werden, zu beteiligen und diese vor dem Stichtag im Ausland etablierten Zellen für die eigene Forschung zu nutzen.
Auf diese Weise ließe sich auch in Zukunft eine qualitativ hochrangige Forschung in Deutschland gewährleisten. Denn von den „alten“ Stammzelllinien sind momentan wegen genetischer Instabilität und Kontaminierung mit tierischen Produkten nur noch wenige einsetzbar. Zudem ist noch unklar, ob alle Zelllinien das gleiche Differenzierungspotenzial besitzen. Ein vergrößerter Pool von einsatzfähigen Linien wäre unter diesem Gesichtspunkt hilfreich.
Nicht allen Forderungen der Wissenschaft muss man nachgeben. Doch die meisten scheinen im Hinblick auf das große Potenzial der Stammzellforschung gerechtfertigt. Dabei lässt sich die Forschung an adulten und embryonalen Stammzellen nicht isoliert betrachten. Beide Bereiche haben viele Berührungspunkte und bedingen einander. Die Stammzellmedizin insgesamt ist es, die es ermöglicht, Mechanismen der Zelldifferenzierung, der Reprogrammierung sowie der Entstehung und Heilung von Krankheiten zu erkennen. Nicht ohne Grund arbeiten viele international renommierte Labors mit beiden Zellpopulationen. Auch bei der jüngst erfolgreichen Reprogrammierung von menschlichen Hautzellen zu künstlichen Stammzellen verwendeten Yamanaka und Thomson embryonale Stammzellen zum Vergleich. Dass pluripotente Stammzellen durch alternative Methoden gewonnen werden können, ist denkbar. Langfristig könnte der Einsatz von embryonalen Stammzellen überflüssig werden. Bis dahin sollte man die Forschung jedoch nicht unnötig erschweren.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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