ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2008Interdisziplinäres Forum Bundes­ärzte­kammer: „Das Leben ist das höchste Gut“

POLITIK

Interdisziplinäres Forum Bundes­ärzte­kammer: „Das Leben ist das höchste Gut“

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-136 / B-123 / C-123

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: ddp
Foto: ddp
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, mahnt die ganzheitliche Betrachtung des kranken Menschens an und warnt vor einer Öko­nomi­sierung des Gesundheitssystems.

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann warnt vor einem rein ökonomisch orientierten Gesundheitssystem. Es dürfe nicht so weit kommen, dass eine Behandlung auf das medizinisch Notwendige eingeschränkt werde, forderte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz anlässlich des 32. Interdisziplinären Forums der Bundes­ärzte­kammer in Berlin. Er fürchte einen Wettbewerb, in dem sich diejenigen durchsetzten, die den Menschen nicht ganzheitlich sähen, sondern als „Fall“ mit bestimmten „Defekten“ einordneten.
Sparmaßnahmen – wie Budgetbegrenzungen, kürzere Verweildauer und Personalabbau im Krankenhaus – dürften ein humanes Maß nicht unterschreiten. „Denn der Einzelne ist mehr als die Summe seiner medizinischen Daten und Befunde“, so Lehmann. Die bewusste menschliche Begegnung und Zeit für ein Gespräch mit dem Patienten dürften nicht zu kurz kommen. „Es ist für mich nicht einsichtig, wie man dieses Marktsegment im Krankenhaus ausbauen möchte, in der sogenannten sozialen Marktwirtschaft aber eine rigorose Planung und Begrenzung von Leistungen vorschreibt, die im Grunde jeden echten Wettbewerb ruinieren und eher einer verordneten Planwirtschaft ähnlich sind.“
Natürlich gebe es Zielkonflikte, an deren Auswirkungen in Deutschland niemand vorbeikomme – wie die demografische Entwicklung und eine hohe Arbeitslosenquote mit erheblichen Folgen für die Sozialversicherungssysteme. Dies stehe in Gegensatz zum medizinischen Fortschritt. „Es ist sehr schwierig, dieses ambivalente System zu reformieren. Viele Reformen der letzten Jahre haben meines Erachtens diese Zielkonflikte nicht aufgelöst, sondern manchmal sogar gebündelt oder neue geschaffen. Ich denke an die Begrenzung des Budgets, die Trennung von Behandlungsformen, die Verlagerung von Verantwortungsbereichen und an viele Einzelvorschriften.“
Lehmann kritisierte die täglichen Auseinandersetzungen und ständig wechselnden Strategien in der Gesundheitspolitik. „Sie nehmen uns ein Stück weit den Atem, um innovative Wege zu finden, die vorhandenen Mängel beseitigen und auf eine überzeugende Weise den Nöten der Kranken kreativ begegnen. Deshalb begrüße ich es, wenn es gerade in der Zusammenarbeit mit den Krankenkassen möglich ist, Experimente gezielter Art durchzuführen, wie zum Beispiel die integrierte Versorgung älterer Menschen durch mehrere Institutionen.“
Lehmann würdigte das hohe Engagement der Beschäftigten im Gesundheitswesen, aber er richtete auch mahnende Worte an sie: „In der Situation der Ohnmacht eines anderen bekommt man leicht die Oberhand. Es stellt sich fast von selbst eine Art von Verfügungsmacht über andere ein.“ Darum müssten alle bestrebt sein, kranke Menschen in ihrer Würde anzunehmen und sie an Entscheidungen zu beteiligen, soweit dies möglich ist.
Es sei ein elementares Gebot der Humanität, Kranke nicht auszugrenzen. „Die Hospizbewegung versucht einen solchen Umgang mit dem Kranken bis in den Sterbeprozess hinein“, so Lehmann.

Arzt-Patienten-Verhältnis
„Begleitung“ beinhalte aber auch eine gewisse Distanz, welche die Integrität und Personalität des Kranken wahre und die Betreuenden vor zu strapaziöser Identifikation schütze. „Ein gewisser professioneller Abstand kann auch für den Kranken durchaus wohltuend sein“, sagte Lehmann. Bei zu großer Distanz aber gehe leicht jede Sensibilität verloren. Hier müsse die Rolle des Rechts im Arzt-Patienten-Verhältnis neu bedacht werden.
Der Mainzer Kardinal kritisierte zudem die Absolutsetzung von „Gesundheit“ in der heutigen Gesellschaft. „Die Gesundheit gilt unter säkularen Bedingungen als ,höchstes Gut‘. In unserer irdischen Betrachtung aber geht das Leben – wie in der Verfassung umschrieben – noch über die Gesundheit hinaus. Sonst würden wir Leben, das beschädigt ist und über die ,Normalität‘ hinaus begrenzt ist – wie bei Alten, Kranken und Behinderten – nicht hoch genug schätzen.“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Rückzug
Als Kardinal Lehmann bei der Bundes­ärzte­kammer seinen vielbeachteten Vortrag hielt – es war der erste nach einer schweren Erkrankung – ahnte niemand im Auditorium, dass er nur wenige Tage später seinen Rücktritt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz für den 18. Februar ankündigen würde. Als Bischof von Mainz will Lehmann der katholischen Kirche jedoch noch einige Jahre dienen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema