ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2008Sozialpsychiatrischer Dienst: Entlastung für den Hausarzt

POLITIK

Sozialpsychiatrischer Dienst: Entlastung für den Hausarzt

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-140 / B-126 / C-126

Klement, Andreas

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Die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes verknüpfen akute Problembewältigungen mit Gesprächsangeboten und Motivationsarbeit. Individuelle Hilfen zur Alltagsbewältigung kommen hinzu. Foto: SUPERBILD
Die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes verknüpfen akute Problembewältigungen mit Gesprächsangeboten und Motivationsarbeit. Individuelle Hilfen zur Alltagsbewältigung kommen hinzu. Foto: SUPERBILD
Die Betreuung chronisch psychisch kranker Patienten ist für den Hausarzt häufig zu zeitintensiv. Bei psychosozialen Problemen kann den Betroffenen auch der Sozialpsychiatrische Dienst helfen.
Frau P. (49 Jahre, geschieden, keine Kinder) plagen seit vielen Jahren Selbstzweifel, sie fühlt sich minderwertig und in verschiedenen Situation hilflos. Es fällt ihr nicht leicht, mit sich und der Welt zurechtzukommen. Vielfältige Ängste beengen sie in allen Lebensbereichen. Oft ist sie unaufmerksam, unruhig, plan- und ziellos, sagt, dass sie nichts schafft. Beim Hausbesuch fallen vielfach gestapelte Kartons und mühevoll geordnete Kleidungsstücke schon im Wohnungseingang auf.
Die hausärztliche Betreuung chronisch psychisch kranker Patienten ist meist gekennzeichnet durch eine hohe Konsultationsfrequenz und lange Gesprächsdauer. Dabei stehen psychosoziale Probleme im Vordergrund. Der Hausarzt ist dabei oft mehr als Gesprächspartner und Sozialarbeiter gefragt als in seiner Eigenschaft als Arzt. Dies kann die Ressourcen einer Hausarztpraxis überfordern und die Arzt-Patienten-Beziehung belasten. Der Sozialpsychiatrische Dienst (SPDi) kann hierbei erheblich entlasten.
Mit der Auflösung der großen Landeskrankenhäuser infolge der Psychiatrie-Enquete nach 1975 und nach der Wende in den neuen Bundesländern mussten Zehntausende vormals hospitalisierter chronisch psychisch kranker Patienten wohnortnah versorgt werden. Um die Hausärzte und niedergelassenen Psychiater zu unterstützen, wurde der SPDi als kommunale Aufgabe als beratender und aufsuchender Dienst gesetzlich vorgeschrieben. Die Sozialpsychiatrischen Dienste sind in den Bundesländern in den Gesetzen über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) als Aufgabe der Kommunen geregelt. Der SPDi führt keine psychotherapeutischen Behandlungen durch, sondern stellt Weichen für die Weiterbehandlungen der Klienten, soll sie therapiefähig machen und Motivationsarbeit leisten. Regional unterschiedlich sind Trägerschaft (Gemeinde, Wohlfahrtsverbände, Vereine) und Organisationsform (Richtlinien der Ländersozialminister). Ein Stellenschlüssel von 1 : 25 000 bis 50 000 Einwohner für das multiprofessionell arbeitende Team aus Psychiatern, Psychologen, Krankenschwestern, Sozialarbeitern und -pädagogen ist üblich. Die Mitarbeiter des SPDi arbeiten eng mit psychiatrischen Kliniken, niedergelassenen Nervenärzten, Kontakt- und Beratungsstellen sowie Selbsthilfegruppen und mit den Hausärzten zusammen.
Hauptzielgruppe sind chronisch psychisch Kranke, „Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen oder psychotischen Störungen, bei denen aktuell eine ausreichende medikamentöse beziehungsweise psychotherapeutische Stabilisierung nicht erreicht ist, sowie deren Angehörige und soziales Umfeld“. Ihnen soll durch gezielte Hilfen und Begleitung ein Leben in der Gemeinschaft mit langfristigen Perspektiven ermöglicht werden.
Die Hilfsangebote reichen von telefonischen Beratungen, Sprechstunden, Hausbesuchen bis zu Begleitung bei Behörden- und Arztgängen sowie unterstützenden Gesprächen mit Angehörigen. Auch stationäre Aufenthalte werden als notwendige Kriseninterventionen genutzt, jedoch möglichst kurzzeitig.
Seit 1988 ist Frau P. wiederholt in psychotherapeutischer Behandlung. In einer psychosomatischen Rehabilitation im Jahr 2004 wurde der Kontakt mit dem SPDi gebahnt, so konnten weitere Klinikaufenthalte vermieden werden. Die Mitarbeiter des SPDi verknüpfen im Fall von Frau P. akute Problembewältigungen (zum Beispiel in der Partnerschaft, im Umgang mit Ämtern) mit dauerhaften Gesprächsangeboten und Motivationsarbeit. Individuelle Hilfen zur Alltagsbewältigung, zum Beispiel in der Strukturierung des Tagesablaufs, der Haushaltsführung sowie zur Förderung der Kommunikationsfähigkeit kommen hinzu.
Das Angebot wird abhängig von den Selbsthilfefähigkeiten eines Klienten mit einem hohen Maß an Flexibilität zu Ort, Zeit, Inhalt und Zielsetzung eingesetzt. Zur Krisen-intervention kann die Kontaktintensität deutlich erhöht werden, wenn es sich um eine soziale Krise (zum Beispiel drohende Wohnungsräumung oder Pfändung) oder um eine akute psychische Dekompensation handelt.
Vom SPDi wird der mitbetreuende Psychiater oder Hausarzt hinzugezogen, wenn sich medizinisch-therapeutischer Interventionsbedarf zeigt oder der hausärztliche Zugang zum Patienten tragfähiger ist als der des SPDi. Frau P. nimmt ihren Hausarzt inzwischen nur noch bei den „alltäglichen Erkrankungen“ in Anspruch. Dieser stellt Überweisungen zu Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie aus und kontrolliert den Medikamentenplan.
Der SPDi kann den Hausarzt bei der oft komplizierten Organisation bedarfsgerechter sozialer Hilfen für häufig zunächst nur eingeschränkt selbsthilfefähige psychisch Kranke unterstützen. In der Hausarztpraxis kann ein Patient auffällig werden, wenn er sich oft Beruhigungsmittel verschreiben lässt, überfordert zu sein scheint oder bei Hausbesuchen verwahrloste Wohnungen vorgefunden werden. Idealerweise sollte der Hausarzt dann dem Patienten die Kontaktadresse des örtlichen SPDi aushändigen und gegebenenfalls den SPDi über einen hilfsbedürftigen Klienten informieren. Das Einverständnis des Klienten vorausgesetzt, kann dann ein Sozialarbeiter einen Hausbesuch (aufsuchende Struktur) durchführen. In einer anschließenden Teamberatung wird über die Koordination von Hilfen diskutiert (Brückenfunktion).
Gegen den Willen des Klienten sind jedoch aufsuchende Dienste nicht möglich. Im Zweifelsfall kann der SPDi erst tätig werden, wenn es um „Gefahr für Leib und Leben“ des Klienten oder anderer Personen geht. Wenn ein Patient seine gesundheitlichen, finanziellen oder Aufenthalts- oder andere Angelegenheiten nicht mehr selbst ausreichend regeln kann, sollte durch den Hausarzt eine sogenannte Betreuungsanregung an das zuständige Vormundschaftsgericht erfolgen. Von dort wird dann eine Prüfung des Betreuungsbedarfs eingeleitet.

Dr. med. Andreas Klement
Dipl.-Gesundheitswirtin Kristin Bretschneider Prof. Dr. med. Thomas Lichte
Prof. Dr. med. Markus Herrmann MPH, M.A.
Institut für Allgemeinmedizin, Martin-Luther-
Universität Halle-Wittenberg, 06112 Halle/Saale, E-Mail: andreas.klement@medizin.uni-halle.de

Informationen im Internet unter www.liga-bw.de, www.spdi.de
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