ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2008Arbeiten im Ausland: Deutsche Zuwanderer willkommen

POLITIK

Arbeiten im Ausland: Deutsche Zuwanderer willkommen

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-144 / B-129 / C-129

Spielberg, Petra

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Spital Bülach: Rund ein Fünftel der Ärztinnen und Ärzte in der Chirurgie hat einen deutschen Studienabschluss. Foto: Spital Bülach
Spital Bülach: Rund ein Fünftel der Ärztinnen und Ärzte in der Chirurgie hat einen deutschen Studienabschluss. Foto: Spital Bülach
Die Schweiz zieht zahlreiche deutsche Ärzte an.
Neuniederlassungen sollen aber weiterhin nur eingeschränkt möglich sein.
In einem Krankenhaus in der Schweiz einen Arzt mit deutschem Pass zu finden, ist keine Kunst. In einigen Einrichtungen stellen deutsche Ärztinnen und Ärzte inzwischen fast das gesamte ärztliche Personal.
Auch im Spital Bülach im Kanton Zürich hat rund ein Fünftel der Ärzte in der Chirurgie ein deutsches Diplom. „Zwei unserer fünf Oberärzte sind Deutsche“, sagt die chirurgische Chefärztin, Dr. Brigitte Muff. Sie ist zugleich Vorstandsmitglied der FMH, der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte.
Grund für den regen Zulauf aus Deutschland sind vor allem die attraktiven Arbeitsbedingungen und die guten Verdienstmöglichkeiten. Das Einkommen von Assistenzärzten im ersten Jahr liege bei rund 3 500 Euro monatlich, so Muff. Die Arbeitszeiten seien auf durchschnittlich 50 Stunden in der Woche begrenzt. Ein weiterer Grund, warum sich so viele deutsche Ärzte um eine Stelle in einer schweizerischen Klinik bemühten, seien die flachen Hierarchien, meint Muff.
Zudem zieht es immer mehr niedergelassene Ärzte in die Schweiz. Ende September 2007 waren bei der FMH 2 864 Mitglieder mit einem deutschen Studienabschluss registriert. Drei Jahre zuvor war es noch knapp die Hälfte. Deutsche Ärzte stellen somit inzwischen rund zehn Prozent aller berufstätigen Ärzte in der Schweiz.
Das Interesse am Arbeitsmarkt Schweiz ist aber auch bei Ärzten aus anderen Ländern der Europäischen Union (EU) groß. So hat sich nach Angaben des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats der Anteil der Assistenzärzte aus der EU innerhalb von nur sieben Jahren verdoppelt. Den Anstieg ermöglicht haben bilaterale Abkommen, die seit Juni 2002 die Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und zahlreichen EU-Staaten regeln.
In den Krankenhäusern sind die Zuwanderer, vor allem aus Deutschland, sehr willkommen. Denn viele der heimischen Medizinabsolventen steigen nicht mehr in den Arztberuf ein. Sie ziehe es in andere Berufszweige, berichtet Muff. „Die Einführung der 50-Stunden-Woche hat zudem zu einem größeren Stellenbedarf in den Kliniken geführt, den wir mit einheimischen Ärzten allein nicht mehr decken können.“
Im ambulanten Bereich hingegen kann es vorkommen, dass Deutsche und Schweizer um einen frei werdenden Praxissitz konkurrieren. Von einem schwunghaften Handel mit Praxen, wie vor einigen Wochen von den Medien kolportiert, könne jedoch keine Rede sein, sagt Claudia Brenn, Generalsekretärin der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich.
Zwar zeigt ein Blick ins Internet, dass immer wieder Praxen auf dem „freien Markt“ gehandelt werden. Angebote findet man zum Beispiel auf den Webseiten www.kwp-con sult.de oder www.praxsuisse.ch/de/. Gleichwohl würden die meisten frei werdenden Praxen über persönliche Kontakte der Inhaber zu nahe gelegenen Kliniken vermittelt, so Muff. Dabei kämen natürlich auch deutsche Ärzte als Praxisnachfolger infrage. Mitunter sei man sogar froh, wenn sich Ärzte aus dem Nachbarland um einen Praxissitz bewürben, betont Brenn. Denn auch in der Schweiz droht die medizinische Grundversorgung, insbesondere in ländlichen Regionen, zusammenzubrechen. „Immer weniger Schweizer wagen den Sprung in die Selbstständigkeit, weil sie das wirtschaftliche Risiko scheuen“, so Brenn.
Für unsinnig hält sie deshalb den seit 2002 geltenden Zulassungsstopp. Er sollte dazu dienen, die ausufernden Gesundheitskosten einzudämmen und den Zuzug von Ärzten aus EU-Staaten unter Kontrolle zu halten. Die Rechnung ging allerdings nicht auf: So hat die Zahl der Ärzte in freier Praxis zwischen 2002 und 2006 einem Bericht der „Neuen Zürcher Zeitung“ zufolge um 14 Prozent zugenommen. 6,5 Prozent von ihnen haben ihr Staatsexamen nicht in der Schweiz gemacht. Vor Einführung der Maßnahme waren es 3,4 Prozent.
„Das liegt daran, dass die Kantone Ausnahmen erlassen können“, sagt Brenn. Im Raum Zürich werde der Zulassungsstopp besipielsweise sehr rigide gehandhabt. In den meisten ländlichen Regionen, vor allem in der deutschsprachigen Schweiz, könnten in- und ausländische Ärzte aber weiterhin Neuzulassungen erwerben. Der Zulassungstopp war als Übergangslösung gedacht. Trotz des mangelnden Erfolgs will der Schweizerische Bundesrat ihn nun aber um weitere zwei Jahre verlängern. n
Petra Spielberg
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