ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2008Immobilisation: Wenn Bettruhe krank macht

MEDIZINREPORT

Immobilisation: Wenn Bettruhe krank macht

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-146 / B-131 / C-131

Siegmund-Schultze, Nicola

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Viele Patienten liegen viel zu lange im Bett. Dabei kann sich Immobilisation als gefährliche Maßnahme erweisen. Foto: Becker & Bredel
Viele Patienten liegen viel zu lange im Bett. Dabei kann sich Immobilisation als gefährliche Maßnahme erweisen. Foto: Becker & Bredel
Ein Plädoyer für Frühmobilisierung beim Interdisziplinären Forum
der Bundes­ärzte­kammer in Berlin

Der endoskopische Eingriff am Meniskus des 40-jährigen Mannes verlief problemlos. Der Patient wurde heparinisiert und mit Stützstrümpfen ins Bett gelegt. Vier Tage lang sollte er Bettruhe halten – was ihm schwerfiel. Als er aufstehen durfte, war seine Beinmuskulatur deutlich schwächer geworden. Er fühlte sich instabil. Nach Eingriffen wie diesem ist Immobilisation nicht mehr die Regel. Dennoch: „Unsere stationären Patienten liegen zu lange im Bett“, konstatiert der Kardiologe und Sportmediziner, Prof. Dr. med. Herbert Löllgen, vom Sana-Klinikum in Remscheid.
Dabei kann langes Liegen nicht nur subjektiv beschwerlich sein, es birgt gesundheitliche Risiken, wie zahlreiche Studien belegen. „Bettruhe ist indiziert bei einer akuten
Erkrankung oder unmittelbar nach einer Operation. Aber Bettruhe per se kann krank machen, dieses Risiko muss gegenüber dem der Mobilisierung sorgfältig abgewogen werden“, appellierte Löllgen an die Ärzteschaft. Das Wissen über iatrogene Effekte der Bettruhe müsse fester Bestandteil des Medizinstudiums werden.
Mobilisation innerhalb von sechs Stunden
Auch nach diagnostischen Untersuchungen bleiben viele Menschen zu lange liegen. In einer Metaanalyse von 24 Studien bei Patienten, die nach einer Lumbalpunktion, Spinalanästhesie oder Herzkatheteruntersuchung Bettruhe hielten, war die Rate an Komplikationen in acht Studien signifikant erhöht (Lancet 1999; 354: 1229–33). „Nach den meisten invasiven diagnostischen Eingriffen – Gewebeentnahmen wie einer Leberbiopsie zum Beispiel – sollten die Patienten innerhalb von etwa sechs Stunden mobilisiert werden“, sagte Löllgen.
Bettruhe habe negative Wirkungen auf die Kreislauffunktion mit verminderter peripherer Perfusion, die Herzfrequenz steige in Ruhe und bei Belastung an, die maximale Sauerstoffkapazität und das Herzzeitvolumen nähmen ab, das Blutvolumen reduziere sich, was zu orthostatischen Störungen führe, die Muskulatur atrophiere, und zwar um 15 Prozent pro Woche. Mögliche Folgen: erhöhte Sturzgefahr bei Mobilisierung, Thrombosen und Lungenembolien, Pneumonien, Infekte und Kreislaufstörungen.
„Selbst bei manifester Thrombose konnte bisher in keiner Studie belegt werden, dass Bettruhe das Ergebnis der Behandlung verbessert oder Lungenembolien verhindert“, meinte Löllgen. Dagegen sei nachgewiesen, dass frühe Mobilisierung bei effektiver Antikoagulation den Verlauf günstig beeinflusse. Wenn die akute Antikoagulation bei einer Venenthrombose wirke (kontrolliert über die Gerinnungsparameter), gelte es, den Patienten auf die Beine zu stellen. 60 bis 70 Prozent der Patienten außerhalb der intensivmedizinischen Abteilungen sind Schätzungen zufolge wenigstens teilweise mobil, 80 bis 90 Prozent aber liegen überwiegend im Bett.
Die iatrogenen Effekte langen Liegens führen vor allem bei älteren Menschen zu späterer Immobilisation und Pflegebedürftigkeit: Bleiben stationäre Patienten für vier Wochen immobil, steigt das Risiko für Pflegebedürftigkeit um das
61-Fache, bei teilweiser körperlicher Aktivität dagegen nur um das Fünffache (JAMA 2004; 292: 2115–24).
Gebrechlichkeit, die vor allem auf Kraftmangel basiere, verursache den größten Teil der Stürze bei älteren Menschen, so der Sportmediziner Prof. Dr. med. Klaus Völker (Universität Münster). Herzrhythmusstörungen oder Schwindel seien nur zu fünf bis zehn Prozent Auslöser, maximal 20 Prozent würden durch Medikamente wie Schlafmittel hervorgerufen. Bei fünf Prozent der Stürze komme es zu Frakturen.
Dabei verbessert körperliches Training selbst in hohem Alter die Muskelkraft. Einer prospektiven, alters- und risikoadaptierten Studie zufolge reduziert schon eine Stunde Tai Chi pro Woche die Sturzhäufigkeit bei Probanden mit einem durchschnittlichen Alter von 69 Jahren nach vier Monaten um 30 Prozent (Journal of the American Geriatrics Society 2007; 55: 1185–91).
Frühere Untersuchungen hätten eine ähnliche Minderung des Sturzrisikos (um 25 Prozent) durch körperliches Training älterer Menschen belegt, erklärte Völker. Dafür sei nicht nur die Zunahme der Muskelkraft verantwortlich, sondern auch die kognitive Leistungssteigerung durch körperliche Aktivität.
„Lang im Bett liegende Patienten sollten wir uns nicht mehr leisten“, sagte Löllgen. Die Bilanz der gesundheitlichen Konsequenzen von Immobilität und ihrer wirtschaftlichen Folgen sei deutlich negativer als der finanzielle Aufwand für die Mobilisierung in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Wenn möglich, sollten Ärzte die Frühmobilisation anordnen. Sei eine Bettruhe für längere Zeit notwendig, gelte es, dem Patienten mit einem Bettergometer die Möglichkeit zum Training zu geben, auch in Alten- und Pflegeheimen.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Viele Patienten liegen viel zu lange im Bett. Dabei kann sich Immobilisation als gefährliche Maßnahme erweisen. Foto: Becker & Bredel
Viele Patienten liegen viel zu lange im Bett. Dabei kann sich Immobilisation als gefährliche Maßnahme erweisen. Foto: Becker & Bredel
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Viele Patienten liegen viel zu lange im Bett. Dabei kann sich Immobilisation als gefährliche Maßnahme erweisen. Foto: Becker & Bredel

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